Ankunft in Europa

Serbien, Bulgarien, Walachei, Moldawien

Seit wann und in welcher Weise Roma von Griechenland (im damaligen Byzantinischen Reich) auf den Balkan vorrückten, ist aufgrund des spärlichen Bestands an schriftlichen Quellen kaum zu rekonstruieren. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts sind in Textpassagen aus südosteuropäischen Dokumenten vereinzelt Personengruppen erwähnt, die (v.a. von frühen Tsiganologen) wiederholt als "Zigeuner" angesehen wurden. Bei kritischer Betrachtung scheinen jedoch Zweifel angebracht, ob solche nicht weiter kommentierten Nennungen tatsächlich immer Roma bezeichneten.

Aus Serbien ist eine Urkunde erhalten, in der Stefan IV. dem Kloster in Prizren im Jahre 1348 neben Schneidern, Schmieden und Sattlern auch einige "C'ngari" übergab. Möglicherweise handelte es sich bei den Letztgenannten – wie von einigen Forschern behauptet – um "Zigeuner". Näher liegend jedoch scheint, dass sie lediglich einer weiteren Handwerkergruppe angehörten, denn in mittelalterlichem Serbisch bedeutete "c'ngar""Schuster".

Eine Schenkungsurkunde, die eine ähnlich gelagerte Problematik aufweist, ist auch aus Bulgarien überliefert. In diesem Schriftstück übereignete König Ivan Schischman dem Rila-Kloster 1378 einige Dörfer, unter denen sich auch so genannte "agupovi kleti" befanden. Bulgarische Linguisten übersetzen diese Wortkombination mit "Hirtenhütten". Andere Wissenschaftler hingegen betrachten "aguptivi kleti" als richtige Lesart und meinen, da "Agupti" im Bulgarischen ein Synonym für Ägypter – also "Zigeuner" – ist, "Zigeunerhütten" als Gegenstand der Schenkung zu erkennen.

In den Urkunden der altrumänischen Fürstentümer Moldau und Walachei wird mehrfach die Verschenkung ganzer Roma-Gemeinschaften erwähnt. Im Jahr 1385 bestätigte Dan I., Woiwode der Walachei, dem Marien-Kloster Tismana einige bereits von seinem Vorgänger gemachte Schenkungen, zu denen auch 40 Salase ("Zeltgemeinschaften") der "Acingani" gehörten. Der Nachfolger Dans, Mircea I., schenkte 1388 dem neu gegründeten Kloster Cozia 300 Salase Roma. Im benachbarten Moldawien übereignete Alexander der Gute dem Kloster Bistritz 1428 31 Salase "Tigani" und 12 Zelte "Tartaren". Im Gegensatz zu obigen Dokumenten sind in diesen Urkunden zweifellos Roma gemeint, nicht zuletzt deshalb, weil das rumänische Wort "salas" (Unterkunft) auch die Bedeutung von "Zeltgemeinschaft" hat.

Obwohl dies anhand der spärlichen schriftlichen Quellen nicht zu beweisen ist, kann man davon ausgehen, dass Roma spätestens in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in den Balkanstaaten Fuß fassten. In den Donaufürstentümern waren sie aufgrund ihrer handwerklichen Fähigkeiten äußerst willkommen. Um den unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor, den die Roma dort darstellten, auf Dauer zu erhalten, begannen Staat und Kirche schon bald, sie am Reisen zu hindern.

Als die Fürstentümer Moldau (1396) und Walachei (1500) dem Osmanischen Reich tributpflichtig wurden, kam der Handel in dieser Region fast ganz zum Erliegen. Die Erträge der Landwirtschaft wurden zu niedrigen Preisen nach Konstantinopel gebracht. Durch sinkende Einkommen und eine höhere Steuerlast gerieten die Kleinbauern in Leibeigenschaft. Die Roma gingen in den Besitz des Staates, der Kirche oder der Großgrundbesitzer über und wurden für Jahrhunderte zu Sklaven oder Leibeigenen gemacht. [ Vlach-Roma]

Ungarn

Auch im Königreich Ungarn, das zu jener Zeit neben Siebenbürgen (Transsilvanien) große Teile des früheren Jugoslawien und der ehemaligen Tschechoslowakei umfasste, lässt sich das Eintreffen von Roma nicht genau datieren. Ab 1370 taucht das Wort "Cigan" in verschiedenen Varianten als Familienname auf, die Zugehörigkeit seiner Träger zu den Roma ist jedoch nicht unmittelbar ersichtlich. Von dem im Protokollbuch des Agramer Gerichtes ab 1378 mehrfach erwähnten Nikolaus dem Henker wird nur gesagt, dass er "Cigan" genannt werde ("dictus Cigan"), nicht aber, dass er ein "Zigeuner" sei.

Im nordwestlichen Transsilvanien stößt man auf einige an Roma gemahnende geographische Bezeichnungen. Neben einem Dorf, das Cigányvaja hieß, wird eine adelige Familie mit Namen "Zygan" erwähnt. Deren Geschichte lässt sich allerdings bis auf die Landnahme zurückverfolgen, was ihre Roma-Herkunft nahezu ausschließt.

Von späteren Quellenpassagen, die sich eindeutig auf Roma beziehen, fehlen leider entsprechende Belege. So zitierte etwa Heinrich von Wlislocki 1890 einen Vermerk, demzufolge die Stadt Brasov (Kronstadt) den "Herrn Emaus aus Ägypten und seine 220 Gefährten" im Jahr 1416 mit Geld und Proviant versorgte. Obwohl sich dieser Vermerk sowohl chronologisch als auch inhaltlich sehr gut in den bekannten historischen Kontext einfügen würde, konnte dafür bis heute kein dokumentarischer Beleg erbracht werden. Dasselbe gilt für einen Geleitbrief des Nikolaus von Gara, den der Palatin während der Abwesenheit König Sigismunds in Ungarn (1416) für Roma ausgestellt haben soll.

Unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt die ersten Roma ankamen, ist festzuhalten, dass sie in Ungarn – von Transsilvanien abgesehen – ein weitaus höheres Maß an Toleranz vorfanden als in anderen Ländern. Da ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Metallverarbeitung und der Waffenerzeugung sehr begehrt waren, standen sie unter besonderem Schutz des Königs. Jede private Nutzung ihrer Dienste bedurfte königlicher Zustimmung. So mussten etwa die Bürger von Hermannstadt 1476 eigens die Erlaubnis von Matthias Corvinus einholen, bevor sie Roma in den Vorstädten arbeiten lassen durften.

Früheste Quellenbelege aus Mitteleuropa

Als ältester urkundlicher Beleg für das Auftreten von Roma in Deutschland gilt gemeinhin ein auf das Jahr 1407 zurückgehender Vermerk in den Hildesheimer Stadtrechnungen. Darin wurde festgehalten, dass "am 20. September den Tataren auf der Stadtschreiberei, wo man ihre Briefe prüfen wollte, für einen halben Stüber Wein gegeben" wurde. Dass es sich bei den als "Tataren" Bezeichneten eigentlich um Roma handelte, bestätigen spätere Eintragungen. Dennoch ist der bei ihrem ersten Auftauchen fälschlich für die Roma verwendete Name "Tataren" für die Roma in Norddeutschland und in Skandinavien bis heute gebräuchlich geblieben.

1414 wird in den Baseler Wochenausgabebüchern ein "Heide" erwähnt, der "durch Gottes Gnaden" von der Stadt 10 Schilling erhielt. Ob damit ein Rom gemeint war, ist nicht zu beantworten, da zunächst auch andere Fremde "Heiden" genannt wurden. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wurde der Terminus "Heiden" im deutschsprachigen und niederländischen Raum jedoch eindeutig als Synonym für "Zigeuner" verwendet.

Ebenfalls im Jahr 1414 sollen "Zigeuner" in Hessen aufgetaucht sein. Nachdem der entsprechende Eintrag in der "Hessischen Chronik" allerdings erst 200 Jahre nach dem beschriebenen Ereignis erfolgte, scheinen Ungenauigkeiten in Bezug auf die Datierung möglich. Laut der ebenfalls deutlich später verfassten "Meißner Chronik" sollen die "Zigani" bereits 1416 aus der Markgrafschaft vertrieben worden sein.

Schon 1399 wurde im Rechtsbuch von Rosenberg (Böhmen) ein "Cikan" als Mittäter eines Räubers namens Vachek genannt, 1416 traten "Cinkani" erstmals auch in der tschechischen Chronik auf.

Roma als organisierte Pilgergruppen

Ab 1417 vermerkten Chronisten zahlreicher europäischer Städte das Eintreffen von Roma, die sie abhängig vom eigenen Wissensstand bzw. den Auskünften der Neuankömmlinge als "Tataren", "Egypter", "Egiptenleut", "Heiden", "Sarrasins" oder bereits als "Zigeuner" bezeichneten. Diese Serie von weiträumig belegten Ankünften markiert den Beginn einer neue Epoche in der Geschichte der Roma, in der diese hierzulande in einer bis dato unbekannten Weise in Erscheinung traten und allerorts ungeheure Aufmerksamkeit erregten.

Roma erschienen nunmehr in großen, von Personen mit hohen Adelstiteln geführten Gruppen und den Status von Pilgern für sich beanspruchend in den Städten Mittel- und Westeuropas. Entsprechend den zeitgenössischen Schilderungen umfassten solche "Pilgergruppen" 30, 100, zuweilen sogar 300 Personen, die zu Fuß oder zu Pferd unterwegs waren. Wurde ihnen der Aufenthalt innerhalb der Stadtmauern verweigert, lagerten sie auf freiem Feld vor den Städten. Ihre Anführer nannten sich selbst "Herzöge", "Grafen" oder "Woiwoden". Diese übten die Gerichtsbarkeit über ihre Gefolgschaft aus, waren besser gekleidet als ihre Untergebenen und stets zu Pferde unterwegs. Da "Herzöge von Klein-Ägypten" manchmal auch innerhalb der Städte logierten, scheint nicht ausgeschlossen, dass es sich bei diesen nicht um Roma handelte, sondern tatsächlich um Adelige, die in ihrer vormaligen Heimat als Woiwoden eingesetzt worden waren.

Den Chroniken zufolge stellten sich die Anführer bei ihrem Eintreffen ganz offiziell bei den Stadtherren vor. Vielfach konnten sie Schutzbriefe bzw. Empfehlungsschreiben kirchlicher oder weltlicher Herrscher vorweisen, die ihnen freies Geleit und Schutz vor Übergriffen zusicherten. Die vermeintlich religiöse Motivation ihrer Wanderung bescherte den Fremden eine gastfreundliche und wohlwollende Aufnahme. In diesem Punkt kam ihnen die von der mittelalterlichen Gesellschaft ernst genommene Verpflichtung, Pilger mit Verpflegung, Obdach und Geld zu versorgen, zweifellos sehr entgegen. Vermerke in den Rechnungsbüchern bezeugen, dass der christlichen Pflicht zumindest beim ersten Auftreten der Roma allerorts Genüge getan wurde.

Um ihre Pilgerschaft glaubhaft zu machen, trugen die Roma Bußgeschichten vor, die bei den mitleidigen und rührseligen Menschen des Spätmittelalters großen Eindruck hinterließen. Vielfach begründeten sie ihre Wanderschaft mit einem vorübergehenden Abfall vom Christentum, für dessen Abgeltung ihnen eine siebenjährige Bußfahrt auferlegt worden sei. Später wurden auch die Verweigerung des Nachtquartiers für Josef und Maria und die Erinnerung an die Flucht der Heiligen Familie aus Ägypten als Grund für die Pilgerfahrt überliefert. [Stereotype und Folklorisierung]

Die Idee, beim Verlassen Griechenlands den vorteilhaften Status von Pilgern anzunehmen, entsprang wohl dem Kontakt mit jenen Christen, die sich auf dem Weg ins Heilige Land vorübergehend in Epirus und auf dem Peloponnes aufgehalten hatten. Auf die "Zigeunersiedlung""Gyppe" bei Modon (Peloponnes) ging übrigens auch das in den Quellen ab 1418 als Herkunft der Roma genannte "Klein-Ägypten" zurück. Dieses "Klein-Ägypten" wurde von den Chronisten anfänglich mit dem "echten" Ägypten – also dem Land am Nil – verwechselt. Damit verbunden war die irrtümliche Bezeichnung der Roma als "Ägypter" – eine in verschiedenen Varianten ("Gypsies", "Gitanos", "Egypter"...) bis heute gebräuchliche Sammelbezeichnung für Roma.

Die zeitlich eng beieinander liegende Nennung von Roma in benachbarten Städten bzw. Regionen sowie die gleich bleibenden Namen ihrer Anführer (Andreas, Michael) geben Anlass zu der These, dass anfänglich nur eine begrenzte Anzahl von Roma-Gruppen in Europa unterwegs war. Die schwankenden Angaben der Gruppengrößen lassen überdies vermuten, dass nur der Kern solcher Gruppen ständig zusammenblieb. Kleinere Teile scheinen sich zeitweise abgesondert und andere Routen eingeschlagen zu haben, um sich erst später wieder der Hauptgruppe anzuschließen.

Gründe für die Abwanderung nach Westen

Die Migration der Roma nach Mittel- und Westeuropa fällt zeitlich mit dem Vordringen der Türken in Südosteuropa zusammen. Daraus wurde geschlossen, die Roma wären vor den Türken geflohen. Diese These erscheint durchaus plausibel, jedoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass der weitaus größere Teil der Roma in jenen Gebieten blieb, die später unter türkische Herrschaft gerieten.

Eine Ursache für die nur teilweise erfolgte Abwanderung der Roma war zweifellos deren Versklavung in den Balkanfürstentümern. Ein zweiter entscheidender Faktor mag die Tatsache gewesen sein, dass die Osmanen in den eroberten Balkangebieten lediglich eine Art "indirekter" Herrschaft ausübten. Die Situation der Roma scheint sich (im Vergleich zu jener unter ihren früheren Herrschern) unter osmanischer Herrschaft keineswegs verschlechtert zu haben. Die Türken führten ein Abgabensystem ein, doch erlegten sie der Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten keine weiteren Bürden auf.

Eine religiöse Motivation erscheint trotz entsprechender Angaben in den Quellen als Grund für die Wanderung unwahrscheinlich, zumal die Osmanen zu jener Zeit Andersgläubigen gegenüber weitaus toleranter waren als etwa die christlichen Königreiche Europas. Die Flucht vor den "Ungläubigen" dürfte wohl eher eine für die mittel- bzw. westeuropäische Bevölkerung zugeschnittene Begründung der Wanderung gewesen sein, die primär dazu diente, eine freundliche Aufnahme sicherzustellen.

Einen triftigen Anlass, die bisherige Heimat zu verlassen, sich einem ungewissen Schicksal auszuliefern und unbekannte Gefahren in Kauf zu nehmen, scheinen die blutigen Kriegshandlungen während des türkischen Vordringens dargestellt zu haben. Im Zuge ihrer Eroberung des Balkans zerstörten die Türken Städte, Dörfer und Klöster. Ganze Landstriche wurden verwüstetet. Es ist nahe liegend, dass ein Gros der Roma aus Gründen des Selbstschutzes die von den Kämpfen besonders betroffenen Gebiete verließ.

Neben dem Versuch, Leib, Leben und vielleicht einige Habseligkeiten zu retten, verdient ein weiterer Aspekt Beachtung: Wie bereits erwähnt, unterstanden die Roma Adeligen, die – wie dies Quellen aus Siebenbürgen, Polen oder Litauen erkennen lassen und auch von Chronikberichten gestützt wird – als Woiwoden eingesetzt worden waren. Von Arnold von Harff ist überliefert, dass einige dieser Grafen nicht den Türken dienen wollten. Vermutlich hätten sie unter der Herrschaft der Türken weit mehr verloren als ihre Untergebenen. Es ist somit nicht auszuschließen, dass auch das Eigeninteresse der Woiwoden den Ausschlag für die Abwanderung gab.

Ankünfte 1417 bis 1421

Zehn Jahre nach ihrem ersten Auftreten wurde die Stadt Hildesheim 1417 erneut von "Tataren aus Ägypten" aufgesucht, denen man "Almosen zu Gottes Ehre" gab. Trotzdem ließ die Bürgerschaft ihr Lager sicherheitshalber von zwei Marktknechten bewachen.

Ebenfalls 1417 zog eine Roma-Gruppe durch Lüneburg, Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifiswald. Der Dominikanermönch Hermann Cornerus berichtet von ausländischen, früher nie gesehenen, umherschweifenden Leuten, die in großer Anzahl aus östlichen Landstrichen nach Alemannien gekommen und bis an die deutschen Meeresküsten gewandert seien. In seinem "Chronicon" liefert er den frühesten ausführlicheren Bericht über die Ankunft einer großen Roma-Gruppe.

Cornerus’ Eintrag zufolge kamen ungefähr 300 Leute, Männer und Frauen, die sich selbst "Secaner" (offensichtlich eine frühe Form von "cigani") nannten, "schrecklich anzusehen" und "schwarz wie die Tartaren" gewesen seien. Sie standen – so der Mönch – unter der Führung eines Herzogs und eines Grafen, welche die Gerichtsbarkeit ausübten und deren Befehlen Folge geleistet wurde. Die "Secaner" hätten Schutzbriefe von Fürsten vorgezeigt, vor allem von Sigismund, dem römischen König, und seien daher "menschenfreundlich" behandelt worden. Dass diese Leute außerhalb der Stadt lagerten, begründete der Chronist damit, dass viele von ihnen Diebe waren und innerhalb der Stadtmauern Gefahr gelaufen wären, verhaftet zu werden. Es scheint so, als hätten die Schutzbriefe in den Hansestädten nicht ausgereicht, um die Roma in Fällen vermuteten oder erwiesenen Diebstahls vor Vergeltungsmaßnahmen zu schützen. Ob die Behörden strengere Strafen verhängten oder die Bevölkerung zu blutigen Racheaktionen schritt, ist unklar. Fest steht, dass sich ein Teil dieser Gruppe in den ersten Monaten des Jahres 1418 nach Süddeutschland wendete.

So ist überliefert, dass die Stadt Frankfurt im Juni dieses Jahres "den elenden Leuten aus Klein-Egypten" 4 Pfund und 4 Schilling für Brot und Fleisch spendete. Der entsprechende Vermerk ist übrigens die früheste Nennung "Klein-Egyptens" als Heimat der Roma.

Etwa zur selben Zeit tauchten "Zigeuner" auch im Elsass auf. Die Richtigkeit der aus Straßburg überlieferten Daten ist, zumal es sich dabei um Einträge aus viel späterer Zeit handelt, nicht erwiesen. In der erst im 16. Jahrhundert verfassten Stadtchronik wird für das Jahr 1418 die Ankunft von "Zeygingern" gemeldet, die "genug Geld hatten, alles zahlten und niemandem ein Leid taten". Hergekommen seien diese – so der Chronist – aus "Epirus", "vom gemeinen Mann Klein-Egipten genannt".

Zuverlässigere und auch präzisere Angaben liegen aus Colmar vor. Diese Stadt wurde im August 1418 von etwa 30 "Heiden" heimgesucht, welchen drei Tage nach ihrer Abreise weitere 100 folgten. Neben den bereits bekannten Beobachtungen wurde erstmals auch das Tragen von Ohrringen, die besondere Tracht der Frauen und deren Praxis des Handlesens registriert.

Für 1418 sind zahlreiche Ankünfte in der Schweiz belegt: Die Chroniken von Zürich, Basel, Solothurn und Bern weisen entsprechende Einträge auf, wobei anzumerken ist, dass deren Verfasser – von einer Ausnahme abgesehen – keine Augenzeugen der Geschehnisse waren und offenbar voneinander abschrieben. Conrad Justinger, der einzige zeitgenössische Schweizer Chronist, berichtet von mehr als 200 getauften "Heiden", die vor Bern lagerten und von der Stadtverwaltung vertrieben wurden, weil die Bürgerschaft ihre zahlreichen Diebstähle nicht mehr dulden wollte.

Allem Anschein nach verließen die Roma die Schweiz noch vor Ende des Jahres 1418. Im Folgenden ist eine Häufung von Ankünften in Frankreich festzustellen. Am 22. August 1419 erschienen "Sarrassins" unter der Führung "Herzog Andrés von Klein-Ägypten" in Chatillon-en-Dombes. Weil sie ein Empfehlungsschreiben des Königs und des Herzogs von Savoyen vorweisen konnten, wurden sie mit Wein, Hafer und 6 Florins empfangen. Fünf Wochen später meldete Sisteron in der Provence die Ankunft von "Saracens", denen man den Zutritt zur Stadt verweigerte, aber Nahrung und Futter für ihre Pferde in ihr Lager auf offenem Feld brachte.

Im Jänner 1420 trafen ein "Herzog Andreas" und seine etwa 100 Begleiter in Brüssel ein. Im März desselben Jahres wird ihre Ankunft im holländischen Deventer vermerkt. Es ist möglich, dass diese Gruppe mit der zuvor in Frankreich erwähnten identisch war. Mit Sicherheit lässt sich dies allerdings nicht sagen, zumal Schutzbriefe erwiesenermaßen kopiert wurden. Der Anführer einer bestimmten Gruppe konnte sich ohne weiteres unter jenem Namen vorgestellt haben, auf welchen ein Dokument ausgestellt worden war. Natürlich ist aber auch nicht gänzlich auszuschließen, dass es gleichzeitig zwei Anführer mit gleichem Namen gab.

Für 1421 sind Ankünfte in den Städten Brügge und Mons vermerkt, wobei letztere sogar zweimal besucht wurde. Am 8. Oktober kamen 80 Personen an, die unter der Führung von "Herzog Andreas von Klein-Ägypten" standen und einen Geleitbrief Kaiser Sigismunds vorlegten. Am 20. Oktober folgte eine zweite Gruppe, deren Anführer Michael hieß und sich als Bruder des zuvor genannten Andreas ausgab.

Schutzbriefe

Häufig ist in den Quellen vermerkt, dass die Anführer der Roma bei ihrem Eintreffen Geleitbriefe bei sich trugen. Derartige Dokumente stellten die Vorläufer von Reisepässen dar, waren auf eine Person (in diesem Fall auf den Woiwoden) ausgestellt und garantierten dem Inhaber und dessen Gefolgschaft eine freie, vor allem aber auch eine sichere Reise.

Die Echtheit dieser Schutzbriefe erscheint im Falle der Roma zuweilen zweifelhaft und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie Kopien anfertigten. Auch wenn solche Briefe vervielfältigt und von Gruppe zu Gruppe weitergegeben wurden oder – wie im Mittelalter üblich – Fälschungen im Umlauf waren, gilt es als unbestritten, dass Roma sehr wohl auch im Besitz echter Reisedokumente waren.

Ein zweifellos echter und in den Quellen mehrfach erwähnter Schutzbrief ist jener, der von König Sigismund während seiner Teilnahme am Konzil von Konstanz (1414-1418) ausgestellt wurde. Darin gewährte der höchste weltliche Herrscher der Christenheit den Roma, die von sich selbst aussagten, "ihre Vorfahren wären in Klein Ägypten vom Glauben abgefallen", "ein Geleit und freien Zug durch die Länder und Städte". Sebastian Münster, der Jahrzehnte später eine Kopie dieses Schutzbriefes sah, gab in seiner 1550 erschienenen "Cosmographia universalis" Lindau als Ort der Ausfertigung an, ohne jedoch ein genaues Datum zu nennen. Sicher scheint, dass die Ausstellung des Geleitbriefes vor dem Herbst 1417 erfolgte, zumal die Roma ihn zu diesem Zeitpunkt bereits in den norddeutschen Städten vorwiesen.

Dass der viel beschäftigte König Sigismund die Roma während des Großen Konzils empfing, geschah zweifellos nicht grundlos. Möglicherweise konnten ihm die Roma, die vor nicht allzu langer Zeit durch türkisch beherrschte Gebiete gezogen waren, mit wichtigen Informationen dienen. Immerhin war er selbst dem von den Türken bedrohten Ungarn seit Jahren fern geblieben und benötigte deshalb dringend Aufklärung über Vorgänge im Osten seines Reiches. Darf man Berichten in späteren Quellen Glauben schenken, so war Sigismund schon anlässlich seines Kreuzzuges gegen die Türken im Jahre 1396 in Kontakt mit Roma gekommen. In diesem Fall dürften sich die Roma berechtigte Hoffnungen gemacht haben, den gewünschten Schutzbrief zu erhalten oder einen bereits existenten erneuert zu bekommen.

Neben königlichen Schutzbriefen verfügten Roma auch über Geleitbriefe von anderen weltlichen Würdenträgern. Das älteste Dokument, das nicht aus der königlichen bzw. kaiserlichen Kanzlei stammt, ist ein 1419 in Châtillon vorgelegtes Empfehlungsschreiben des Herzogs von Savoyen. Garantien einzelner Territorialfürsten waren vor allem in den Gebieten außerhalb des Heiligen Römischen Reiches vorteilhaft, da königliche bzw. kaiserliche Briefe dort keine Gültigkeit hatten.

Angesichts der Zerrissenheit Europas und des sich daraus ergebenden Zwangs, in den vielen unabhängigen Fürstentümern und Königreichen jedes Mal von neuem um Schutz bitten zu müssen, scheinen sich die Roma bald um ein allerorts gültiges Empfehlungsschreiben bemüht zu haben. Ein solches Schriftstück konnte zu dieser Zeit nur der Vertreter der zweiten universellen Macht – also der Papst – ausstellen.

Die erste Erwähnung eines päpstlichen Empfehlungsschreibens fällt in das Jahr 1422. Damals vermerkte der Baseler Chronist in seinem Bericht über das Eintreffen eines Herzogs Michael und seiner Gefolgschaft, dass dieser Schutzbriefe "vom Papst und unserem Herrn, dem König, und von anderen Herren" vorgewiesen hätte. Wenn die Datierung stimmt, so müsste dieser Herzog Michael noch vor einem gewissen Herzog André beim Papst gewesen sein. Von jenem weiß man, dass er im Juli 1422 mit etwa 100 Begleitern in Bologna eintraf und anschließend nach Forlí weiterzog. In der dortigen Stadtchronik, in der übrigens erstmals die indische Herkunft der Fremden erwähnt wird, heißt es, dass die Roma Forlí in Richtung Rom verlassen hätten, um den Papst zu sehen. Danach verliert sich ihre Spur. Ob Herzog André in Rom ankam und eine Audienz bei Martin V. erhielt, ist ungewiss.

Mit den vorhandenen Indizien lässt sich ein Besuch der "Zigeuner" beim Papst nicht belegen. Eine groß angelegte Durchsuchung des päpstlichen Archivs im Jahre 1932 brachte keine neuen Hinweise. Dies bestärkt die Theorie, die Roma wären abgewiesen worden und hätten sich deshalb das gewünschte Dokument woanders besorgt. Unabhängig von der Echtheit des päpstlichen Schutzbriefes müssen rasch viele Kopien davon angefertigt worden sein. Die wechselnden Namen der Adressaten und inhaltliche Ungereimtheiten lassen viele der nach 1422 in Umlauf befindlichen angeblich "päpstlichen" Dokumente höchst suspekt erscheinen.

Ein Schriftstück neuer Art führte die erste Roma-Gruppe, die 1424 nach Regensburg gelangte, mit sich. Es handelt sich um einen Geleitbrief König Sigismunds, der im Jahre 1423 für den Woiwoden Ladislaus und die ihm untergebenen "Zigeuner" in der Zips ausgestellt worden war und in Form einer vom Regensburger Chronisten angefertigten Abschrift erhalten geblieben ist. Die Echtheit des Originals gilt als wahrscheinlich, da der Kaiser zur genannten Zeit tatsächlich in der Zipser Burg residierte.

Hierin gewährte Sigismund dem besagten Ladislaus nicht nur seinen besonderen Schutz, sondern er bestätigte darüber hinaus auch dessen Gerichtsbarkeit über seine Gefolgschaft. Auch weitere Besonderheiten verweisen darauf, dass zwischen dieser Gruppe und den früher Genannten wenig Gemeinsamkeiten bestanden. Der vorwiegend in Ungarn und Polen vorkommende Name des Woiwoden, der Status dieses Ladislaus – er wird explizit als Getreuer des Königs bezeichnet – sowie das Fehlen jeglicher Hinweise auf die Pilgerschaft und die Herkunft der "Zigeuner", legen den Schluss nahe, dass diese sich schon längere Zeit in Ungarn aufgehalten hatten. Offensichtlich gehörten sie einer zweiten Einwanderungswelle an, die sich vor einem ganz anderen Hintergrund abspielte.

Im Jahr 1425 stellte König Alfonso V. von Aragón in Saragossa einen Geleitbrief für "Juan de Egipto Menor" aus. Dieses Schriftstück ist der erste bekannte Schutzbrief aus Spanien. Nur wenige Monate später ließ Alfonso ein ähnliches Dokument für den Grafen "Thomas von Klein-Ägypten" ausfertigen, in dem er diesem freies Geleit zusicherte und ihn von jeglichen Steuern und Zöllen befreite. Dieser zweite Geleitbrief tauchte als beglaubigte Kopie zehn Jahre später nochmals auf, als der "höchst ehrenwerte" Thomas mit seiner Gefolgschaft die Pyrenäen überqueren wollte und die Grenzwächter Zoll von ihm verlangten. Da Thomas auf seiner verbrieften Zollfreiheit beharrte, riefen die Zöllner höhere Beamten aus Jaca (Huesca) herbei. Die folgende Überprüfung des Dokumentes bestätigte dessen Authentizität.

Weitere Ankünfte bis 1435

1426 wurde Regensburg erneut von einem Trupp "vom Stamm der Zigeuner" besucht, 1427 erschienen Roma auch wieder in Augsburg. Der Augsburger Chronist vermerkte damals, dass man die Leute aus Ägypten "seither Zigeuner nennt und sie hernach oft gekommen sind".

Einen der reichhaltigsten und lebendigsten Berichte aus früher Zeit lieferte ein anonymer Pariser Bürger. In seinem "Journal d’un Bourgeois de Paris" schildert er, wie am 17. August 1427 zunächst "zwölf Büßer" – "ein Herzog, ein Graf und zehn Mann, alle zu Pferde" – vor den Toren des von den Engländern besetzten Paris erschienen und einen Geleitbrief Papst Martins V. vorwiesen. Sie erzählten, dass sie nach ihrem Abfall vom Glauben und ihrer Vertreibung aus der Heimat nach Rom gezogen seien, um ihre Sünden zu beichten. Der Papst habe ihnen als Buße aufgegeben, sieben Jahre lang in der Welt umherzuziehen, "ohne in einem Bett zu schlafen". Auf Grundlage der Aussage, vor der Ankunft in Paris bereits fünf Jahre umhergewandert zu sein, ließe sich ihr Besuch beim Papst – sollte er denn tatsächlich erfolgt sein – 1422 ansetzen, also exakt in jenem Jahr, in dem auch anderen Quellen ein solches Ereignis andeuten.

Entsprechend den weiteren Ausführungen des "Bourgeois" folgte der zwölfköpfigen Vorhut am 29. August eine große Gruppe von über 100 Männern, Frauen und Kindern. Die Obrigkeit verwehrte der Gruppe den Eintritt in die Hauptstadt, wies ihr aber einen Lagerplatz nahe der Kapelle von Saint Denis, die damals nördlich der Stadt lag, zu.

Offensichtlich erregten die Roma ungeheures Aufsehen, denn der Tagebuchschreiber erwähnt auch, dass Neugierige aus ganz Paris herbeigeströmt seien, um sie zu begaffen. Der ausführlichen Schilderung ihres Aussehens fügte er eine Aufzählung der gegen die Fremden erhobenen Vorwürfe (Wahrsagerei, Diebstahl, Zauberei ...) hinzu – allerdings nicht ohne zu betonen, dass er diese nicht bestätigen könne.

Als Gerüchte über deren "unchristliche" Praktiken zum Bischof von Paris vordrangen, eilte dieser ins Lager der Roma und ließ alle Leute, die den Wahrsagerinnen ihre Hände gezeigt hatten, exkommunizieren. Bei den Roma schien sich die Durchführung der Exkommunizierung zu erübrigen, da sie der Bischof trotz des päpstlichen Geleitbriefes als Heiden betrachtete. Sie wurden einfach von La Chapelle vertrieben. Die Schilderung der Ereignisse schließt mit dem Vermerk, dass die Roma am 8. September 1427 in Richtung Pontoise weitergezogen seien.

Kaum drei Wochen später tauchte ein "Graf Thomas", begleitet von etwa 40 Leuten aus einem "fremden und sehr weit entfernten Land", vor Amiens auf. Nach eingehender Prüfung ihres päpstlichen Geleitbriefes beschloss der Rat, die Fremden in die Stadt zu lassen und ihnen "8 livres parises" aus der Stadtkasse als Almosen zu gewähren. Der zeitliche Rahmen, der nahezu gleiche Wortlaut der vorgetragenen Geschichte und der abermals erwähnte Geleitbrief Martins V. legen die Vermutung nahe, dass dieser Graf Thomas mit dem nicht näher bezeichneten Anführer der Roma bei La Chapelle identisch war. Möglicherweise handelte es sich auch bei der im März 1429 in Tournai erschienenen Gruppe um dessen Gefolgschaft.

Etwa zur selben Zeit traten Roma erstmals auch in polnischen Quellen auf. 1428 werden in Sanok aus Ungarn und Rumänien kommende "Zigeuner" erwähnt, die wohl als Vorfahren der polnischen Bergitska-Roma gelten dürfen.

1429 beherbergte die niederländische Stadt Deventer Leute aus Klein-Ägypten. Der entsprechende Vermerk in den Büchern verdient insofern Beachtung, als erstmals in den Niederlanden der Terminus "Heiden" verwendet wurde. Dieser ist seit damals die in den Niederlanden gebräuchliche Bezeichnung für Roma.

1429/30 vermerkten auch die niederländischen Städte Nijmegen, Utrecht, Arnhem, Middelburg, Zutphen, Leiden und Rotterdam das Eintreffen von "Heiden". Als Middelburg 1431 ein zweites Mal besucht wurde, konnte ein "Herzog von Ägypten" nicht nur einen Geleitbrief des Papstes, sondern auch einen Philipps von Burgund (1419-1467) vorlegen. In diesem Dokument verlangte der mächtige Herzog von Burgund, der damals den Großteil der Niederlande beherrschte, "dass man ihnen (den Roma) zu Hilfe kommen solle".

Von weiteren Ankünften auf deutschem Gebiet stechen die Besuche thüringischer Städte hervor. Die in den Jahren 1432 in Erfurt bzw. 1435 in Meiningen eingetroffenen Roma scheinen keine Verbindung mehr zu früher genannten Gruppen gehabt zu haben. Möglicherweise gehörten auch sie der aus Ungarn kommenden zweiten Einwanderungswelle an.

Misstrauen und Vorwürfe – Freikauf, Abschiebung, Vertreibung

Bis zum Jahr 1435 hatten sich die Roma fast in ganz Mittel- und Westeuropa bekannt gemacht und für großes Aufsehen gesorgt. Die Deklaration ihrer Reise als Pilgerschaft und mitgeführte Schutzbriefe bescherten ihnen bei ihrem erstmaligen Erscheinen eine freundliche Aufnahme. Dennoch schienen die "Zigeuner" der ansässigen Bevölkerung – vor allem jener in den deutschsprachigen Gebieten – von Anfang an verdächtig. Schon bald wurde die äußerliche Fremdartigkeit, etwa die "schwarze" Hautfarbe und das "schreckliche" Aussehen der Roma, mit negativen Charaktereigenschaften und sozialem Fehlverhalten verbunden. Es sind nur wenige positive Beobachtungen überliefert, jedoch zahlreiche und immer wiederkehrende abwertende Schilderungen. Bereits in frühesten Quellen wurden Roma als elendes, wildes, sitten- und gottloses Volk dargestellt.

Kleinere Eigentumsdelikte und Betrügereien begründeten den Ruf der Roma als "listiges Diebsgesindel". Die Praxis der Wahrsagerei, die offenbar als Vorwand zum Taschendiebstahl diente, erregte den Unmut der geistlichen Obrigkeit. Vertreter der Kirche vermuteten hinter den Praktiken der Roma "Zauberei" bzw. "Hexerei" und fürchteten um das Seelenheil der Gläubigen.

Während Diebstähle und Wahrsagerei mehrfach in den Quellen belegt sind und ohne Berücksichtigung der schmalen Existenzgrundlage umgehend zum ethnischen Merkmal der Roma hochstilisiert wurden, gab es für die ihnen ebenfalls unterstellte Spionage im Dienste der Türken keinerlei Anhaltspunkte. Obwohl kein Rom jemals als türkischer Kundschafter überführt werden konnte, entstand das für Jahrhunderte tradierte Bild des "verräterischen" und "untreuen" Volks.

Schon bei ihrem ersten Eintreffen wurden Roma von der sesshaften Bevölkerung nur zeitweilig geduldet. Vielerorts gestattete man ihnen höchstens zwei oder drei Tage zu verweilen. Häufig wurden sie aufgrund der ihnen zur Last gelegten Delikte nach kurzer Zeit aufgefordert, die Stadt wieder zu verlassen.

Der nur kurz währenden (mehr oder weniger) gastfreundlichen Aufnahme der Fremden folgte schon bald das Bestreben der sesshaften Bevölkerung, diese von ihren Städten fern zu halten. Je bekannter die Roma in den deutschsprachigen Gebieten wurden und je mehr negative Berichte über sie in Umlauf gelangten, umso öfter wurde ihnen der Zutritt zu den Städten verwehrt. In Frankfurt geschah dies innerhalb weniger Jahre gleich zweimal (1449 und 1454).

Auch die vielfach zitierte Gabe von "Almosen zur Ehre Gottes" mutierte zunehmend zu einem Freikauf von den lästigen "Pilgern". Der erste Fall eines solchen Freikaufs ereignete sich in Bamberg. In der Chronik dieser Stadt wurde im Jahre 1463 festgehalten, den "Zigeunern" sei ein Geschenk von sieben Pfund gemacht worden, "darum, dass sie von stund an hin wegschieden und die gemein unbeschädigt liessen". Hier ging es den Stadtherren also nicht mehr um die anfänglich geübte Erfüllung einer christlichen Pflicht, sondern einzig und allein um die Abwendung vorhersehbarer Unannehmlichkeiten.

Als die "Zigeuner" trotz Zutrittsverboten, trotz angedrohter und später praktizierter Exkommunikation, trotz Freikäufen und Abschiebungen wiederkehrten, kam es zu ersten gewaltsamen Vertreibungen. Im Zuge des wachsenden Misstrauens und der zunehmend feindlichen Haltung der Bevölkerung gegenüber den Fremden griffen auch Kommunen und Staatsgewalt zu drastischen Maßnahmen. Das 1482 erlassene Edikt des Kurfürsten Albrecht Achilles von Brandenburg, das den "Zigeunern" den Aufenthalt in seinem Herrschaftsbereich bei Strafandrohung verbot, und die auf dem Reichstag zu Lindau 1497 erfolgte Erklärung der "Zigeuner" für "vogelfrei" bildeten den Auftakt zu den ersten "Zigeunerverfolgungen" größeren Ausmaßes.

Verwendete und weiterführende Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boza, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 10), Frankfurt.
Hancock, Ian (1987) The Pariah Syndrome. An Account of Gypsy Slavery and Persecution, Ann Arbor.
Kenrick, Donald (1998) Sinti und Roma: Von Indien bis zum Mittelmeer. Die Wanderwege der Sinti und Roma (Interface Collection 3), Berlin.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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