Herkunft der Roma

Schon Ende des 18. Jahrhunderts bewiesen sprachwissenschaftliche Vergleiche des Romani mit den indischen indoeuropäischen Sprachen die Herkunft der Roma aus Indien. Die folgende Begebenheit, die wahrscheinlich jedem, der sich für die Geschichte der Roma interessiert, bereits bekannt ist, hat den Wissenschaftlern vermutlich den Weg nach Indien gewiesen. Die erste Person, die diese beschrieben hat, ist der slowakische Gelehrte Samuel Augustini ab Hortis in seiner Arbeit "Zigeuner in Ungarn (...)" (1775):

"Am 6. November 1764 stattete mir der gelehrte Drucker Štefan Pap Nemethi einen Besuch ab und erzählte mir in einem Gespräch, was er vom kalvinistischen Prediger Štefan Váli, der zu jener Zeit in Almáš in der Provinz von Komárno arbeitete, erfahren hatte. Als Váli an der Universität von Leyden studierte, machte er die Bekanntschaft von drei jungen Leuten aus Malabar … Als Váli erkannte, dass deren Sprache mehr als nur leichte Ähnlichkeiten mit der Sprache unserer Zigeuner aufwies, nützte er diese Gelegenheit und schrieb über tausend Malabar-Wörter, die sie verwendet hatten, und deren Bedeutung auf ... Als Váli in sein Heimatland zurückkehrte, wollte er sich der Bedeutung jener Malabar-Wörter vergewissern. Die Zigeuner konnten sie ihm ohne Probleme übersetzen." (ab Hortis, S. 54)

Welche Sprache sprachen die Studenten aus Malabar? Das Land der Malabar liegt im heutigen südwestindischen Küstenstaat Kerala. Dort spricht man Malayalam, eine dravidische Sprache, die mit indoeuropäischen Sprachen (Hindi, Bengali, Punjabi, Marathi, Gujarati – Romani! – und anderen) nichts gemein hat. Hätten die Studenten tatsächlich Malabari – oder Malayalam – gesprochen, hätte Váli nicht die Ähnlichkeit mit dem Romani feststellen können.

Ohne Zweifel gehörten die Studenten der höchsten gesellschaftlichen Klasse an, die – vor allem im schriftlichen Ausdruck – die Sprache der Intellektuellen verwendete, die alte Kultur- und Schriftsprache Indiens: Sanskrit. Ein Großteil der Wortwurzeln der Sanskrit-Ausdrücke findet sich heute in den modernen indischen (indoeuropäischen) Sprachen – einschließlich des Romani.

Es gibt noch eine weitere mögliche Erklärung. Die südwestliche Küste Indiens war ein Kap, wo es seit jeher Kontakte zwischen Indien und der westlichen Welt gegeben hatte. Das Christentum konnte dort bereits zur Zeit des hl. Thomas, des Apostels, der angeblich im Süden Indiens gestorben ist, Wurzeln schlagen. Es ist möglich, dass Christen aus ganz Indien dorthin kamen, um im Zentrum des indischen Christentums zu studieren. Bei ihrer Muttersprache dürfte es sich nicht um Romani, sondern um eine andere indoeuropäische, dem Romani ähnliche Sprache gehandelt haben. (In anderen Regionen Indiens konnte sich das Christentum nicht verbreiten.) Von diesem Zentrum aus gingen viele nach Europa, um ihre christliche Ausbildung abzuschließen.

Was auch immer nun tatsächlich zutreffen mag, Vális bemerkenswerte Entdeckung kam "in Umlauf" und viele Sprachwissenschaftler, einschließlich des Deutschen Johannes Rüdiger und des Engländers William Marsden wurden darauf aufmerksam. Diese Wissenschaftler und jene, die ihnen im nächsten Jahrhundert folgten, konnten unwiderlegbar beweisen, dass das Romani eine moderne indische Sprache ist. Am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bestätigte Ralph Turner die enge Verwandtschaft von Romani und Hindi, den Rajasthan-Dialekten und Punjabi. Mittlerweile wurde seine Klassifizierung allgemein übernommen.

Man kam überein, dass ungefähr 70% des Grundwortschatzes des Romani mit anderen indischen (indoeuropäischen) Sprachen verwandt ist. Im Folgenden finden sich zwei Beispielsätze und ein Sprichwort. Weitere Beispiele finden Sie in den Illustrationen.

  • mire bala kale hin (R.) / mere bal kale hain (H.) [Mein Haar ist schwarz.]
  • ajsi bari rakli! (R.) / ajsi bari larki! (H.) [So ein großes Mädchen!]
  • Me raňi, tu raňi, ko pherela paňi? (R.) / Me(n) rani, tu rani, kon bharega pani? (H.) [Ich (bin) eine Frau, du (bist) eine Frau – wer wird das Wasser holen gehen?]

Die indischen Ursprungswörter im Romani haben, verglichen mit Lehnwörtern, den größten morphosyntaktische Einfluss, was heißt, dass man mit bestimmten Suffixen eine ganze Reihe weiterer Wörter bilden kann. Im Folgenden sind einige Beispiele von Ableitungen vom Wort bari (groß) angeführt. Sie stammen von derselben Wurzel ab (bar-):

Romani Deutsch
bari-pen (m) Größe, Unterscheidung, Stolz
bar-ikan-o anmaßend, stolz
bar-ikaň-ipen (m) Anmaßung
bar-ikaň-ar-el pes sich herausputzen, sich zu fein kleiden
bar-ar-el vergrößern
bararel avri Kinder großziehen
bararel pes prahlen
bar-uv-el (barol) wachsen
bar-av-el anbauen
bar-eder Beamter (von einer semantischen Erweiterung des Komperativs "größer")

Abgesehen vom Wortschatz hat das Romani auch zahlreiche grammatikalische und derivative Formanten – Endungen und Suffixe – mit den indischen Sprachen gemeinsam.

Beispiel: die Endung des Adjektivs im Singular:

  • m. -o (Romani, Marvari): baro (R. Marv.) groß; kalo (R., Marv.) schwarz
  • f. -i (R., Hindi, Marvari, etc.) bari (R., Ind.) groß; kali (R., Ind.): schwarz

Die Genitiv-Endung (m. -ka [Hindi] / ko [Marvari, R.]; f. -ki [Hindi, Marvari, R.]) ist gleich wie im Vlach-Romani, abgesehen davon, dass sich in den indischen Sprachen die Endung mit der Wortwurzel selbst verbindet, während sie im Romani mit dem erweiterten Stamm verbunden wird:

Beispiele:

  • bijav-es-ko dives (Vlach, R.) / bjao-ka divas (H.) [Hochzeitstag]
  • bijav-es-ki rat (Vlach, R.) / bjao-ki rat (H) [Hochzeitsnacht]

Die Dativendung -ke, die Lokativendungen -te und -e (archaisch) und einige Verb-Endungen sind in Romani und Bengali gleich.

Beispiele:

  • dža! (R., H., Beng.) [geh!]
  • amen geľam (R.) / amra gelam (Beng.) [wir gingen]

Klarerweise hat sich im Laufe von über tausend Jahren, seit die Roma ihre ursprüngliche indische Heimat verlassen haben, die phonetische und grammatikalische Struktur des Romani verändert. Die meisten Veränderungen weisen eine bestimmte Gesetzmäßigkeit auf und folglich lassen sich etymologische Verbindungen bei Wörtern feststellen, die heute anders ausgesprochen werden. So sind zum Beispiel die stimmhaften Aspirata (bh, dh, gh und andere), die in anderen indischen Sprachen beibehalten wurden, aus dem Romani verschwunden und im Allgemeinen zu stimmlosen Aspirata geworden:

Beispiele:

  • gham (H.) [Sonnenhitze] / kham (R.) [Sonne]
  • dudh (H.) / thud (R.) [Milch]

Retroflexe Laute (sie werden mit nach oben und nach hinten – gegen oder nahe beim Übergang des weichen und harten Gaumens – gerichteter Zungenspitze gebildet), wie sie für indische Sprachen charakteristisch sind, haben sich zumeist zu einem "r" gewandelt oder ihre Retroflexion ging verloren.

Beispiele:

  • doi (H.) [Holzlöffel]
  • roj (R.) [Löffel]

Es ließen sich den linguistischen Entsprechungen von Romani und anderer moderner indischer Sprachen noch viele weitere Seiten widmen: Es gibt so gewichtige und zahlreiche Übereinstimmungen, dass über die indische Herkunft der Roma kein Zweifel bestehen kann.

Das Autonym (Selbstbezeichnung) Rom selbst ist indisch: Etymologisch ist es mit der Kastenbezeichnung Dom (Ddom) verbunden.

Abgesehen von der Sprache deuten auch weitere wichtige Hinweise auf die indische Herkunft der Roma hin: die traditionellen Berufe der Roma und Dom, wichtige soziokulturelle Einrichtungen, ungeschriebene Gesetze und Bräuche, einschließlich der Überreste bestimmter religiöser Vorstellungen, sowie in anthropologischer Hinsicht etwa die Häufigkeitsverteilung der Blutgruppen. Ein Beispiel dafür ist die Einrichtung des gruppeneigenen Rechtssystems der Lovara und der Kalderaš-Roma namens kris, das wie das panchayat, das traditionelle Sippen-Gericht in indischen Dörfern, funktioniert.

Die Gesetze der "Kastendistanz" – Endogamie und das Verbot des Kommensalismus (gemeinsames Essen) –, wie sie in traditionell lebenden Roma-Gesellschaften bis vor kurzem und vielleicht sogar bis heute beibehalten wurden, stellen Charakteristika der traditionellen indischen Gesellschaft dar. Nach dem Gebot der Endogamie darf kein Mitglied einer jati – eines bestimmten Roma-Klans oder einer ethnischen Subgruppe der Roma – ein Mädchen aus einem anderen Klan heiraten, der einen anderen "Kasten"-Beruf ausübt oder der andere (oder weniger strikt eingehaltene) Regeln der rituellen Reinheit befolgt. Das Verbot des Kommensalismus bedeutet, dass ein Mitglied einer jati (Kaste), die sich selbst als "höher stehend" oder rituell "reiner" betrachtet, in der Wohnung eines Mitglieds einer anderen Kaste, die als "weniger rein" und "niederer" angesehen wird, kein Essen annimmt.

Es steht folglich außer Zweifel, dass die Roma aus Indien kommen. Als sie in Byzanz (wahrscheinlich im 11. Jahrhundert, vielleicht sogar früher), dem sich über das weite eurasische Gebiet erstreckenden Reich, in Erscheinung traten, hatten jedoch entweder sie selbst die Erinnerung an ihre indische Herkunft verloren oder die Byzantiner wussten über sie nicht Bescheid – oder es bestand einfach ein nachvollziehbarer Mangel an Kommunikation zwischen den Angehörigen von so unterschiedlichen Kulturen. Wenn wir die Bezeichnungen, die für die Roma in Byzanz verwendet wurden, betrachten, können wir annehmen, dass die Byzantiner in ihnen die Mitglieder einer magischen Sekte – der Athingani – (daraus entwickelten sich später Bezeichnungen wie "Cikán", "Tsigane", "Zigeuner", "Zingari" usw.) – oder Ägypter (daher: "Gypsy", "Gitan", "Jifti" usw.) sahen. Beide exonymen Bezeichnungen (Fremdbezeichnungen) für Roma wurden also bereits in Byzanz verwendet: zuerst Athingani und später sowohl Athingani als auch Giptoi / Jifti.

Sollten die Roma ihre indische Herkunft auf ihren Wanderungen durch Europa vergessen haben, stellt sich die Frage, warum. Diese Frage ergibt sich öfters. Darauf gibt es mehrere Antworten. Zunächst könnten wir uns selbst einmal nach der Herkunft unserer Ururgroßeltern fragen. Wenn wir uns bisher nicht sehr für die Genealogie unserer Familie interessiert haben, ist zu vermuten, dass wir darauf keine Antwort wissen. Wollen wir uns jedoch mit Familienforschung befassen, müssen wir Geburten-, Ehe- und Sterberegister – also geschriebene Dokumente – durchforsten. Wenn Tschechen die Anfänge der tschechischen Geschichte kennen, die Deutschen die Anfänge der deutschen Geschichte, die Engländer die englische Geschichte, dann aus dem Grund, weil sie ihre jeweilige Nationalgeschichte in der Schule gelernt haben oder ihre Eltern ihnen erzählt haben, woran sie sich selbst noch aus ihrer Schulzeit erinnerten.

Das Wissen eines eingeschränkten Kreises von in den Wissenschaften bewanderten Experten wurde über verschiedene institutionelle Kanäle (vor allem in der Schule) an die breite Öffentlichkeit weitergegeben. Wird Geschichte nicht in schriftlichen Dokumenten – "litera scripta manet" ("Geschriebenes bleibt") – festgehalten oder in kunstvollen mündlichen Erzählungen von speziellen "Sängern" ("Barden") überliefert, reicht die „familiäre Erinnerung“ im Allgemeinen nicht weiter als vier oder fünf Generationen zurück.

Als die Roma Indien verließen, verfassten sie weder Chroniken über ihre Geschichte noch hatten sie Barden, die – durch mündliche Überlieferung – hätten verhindern können, dass die Menschen denkwürdige Geschichten vergessen. In dieser Hinsicht war es durchaus typisch, dass keine Chroniken geführt wurden. Andererseits ist es jedoch interessant, dass sich – sogar heute noch – Angehörige einiger Dom-jati (Kasten von mit den Roma verwandten Gruppen), z.B. der Dom-Mirasi, als Barden spezialisiert haben: Zu musikalischer Begleitung singen sie Lieder über die Geschichte ihrer jajmans (Schutzheiligen). Diese gehören im Allgemeinen einer varna (Klasse) von Brahmanen (ursprünglich Priester und Gelehrte) oder kshatriya (ursprünglich Herrscher und Krieger) oder muslimischen Bauern an. Dom-Mirasi verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Berufssänger. Genauer gesagt werden sie von "Kunden" engagiert, deren Familiengeschichte die Barden auswendig kennen müssen, um darüber singen zu können. Die Geschichte eines bestimmten Klans, die sonst innerhalb nur weniger nachfolgender Generationen vergessen werden würde, wird auf diese Weise – und zwar lediglich in Form unterhaltsamer Geschichten – weitergegeben.

Ein weiterer Grund dafür, dass die Roma nicht sagen, dass Indien ihr Herkunftsland ist, liegt sehr wahrscheinlich darin, dass ihnen früher das Wort "Indien" nicht geläufig war – wie auch die "Inder" selbst den Namen nicht kannten oder erst seit kurzer Zeit verwenden – vor allem Inder ohne Schulbildung. Die Bezeichnung "Indien" ist exonym, d.h. nicht die Bevölkerung Indiens selbst, sondern die Mitglieder anderer Kulturkreise verwendeten ihn für den indischen Subkontinent: zuerst die Perser, dann die Griechen, die Römer, die Araber, die Byzantiner, die Engländer und langsam verbreitete er sich auf der ganzen Welt. Der Name für das ganze Land – oder eher für das geopolitische Gebiet, mit dem verschiedene westliche Staaten im Laufe der Zeit in Kontakt kamen – wurde vom Fluss Indus übernommen, überliefert und weiterverbreitet. Griechische und römische Reisende, Historiker und Geografen übernahmen den Namen, der auf das Sanskrit-Wort sindhu mit der Bedeutung "Ozean", "großer Fluss" zurückgeht.

Die Vorfahren der heutigen Roma konnten also kaum den Namen "Indien" kennen und konnten sich daher schwerlich mit einem indischen Staat identifizieren, wie ihn sich die Europäer vorstellten. Bis vor kurzem und vielleicht auch heute noch identifizieren sich die Menschen in einem traditionellen indischen Dorf zuallererst mit ihrer jati, dann mit dem Ort/Gebiet, aus dem sie kommen, möglicherweise mit ihrer ethnischen Herkunft (Punjabi, Bengali, Marathi etc.) – und früher, mit dem Kleinstaat des Radschas oder des Maharadschas, in dem sie lebten.

Überaschenderweise wird in zwei Dokumenten, die uns heute bekannt sind, auf die "indische" Herkunft der Roma verwiesen. Bei dem einen handelt es sich um eine Chronik der norditalienischen Stadt Forli aus dem Jahre 1422, in der es heißt: "Aliqui dicebant, quod erant de India" ("Einige behaupteten, sie seien aus Indien") (Muratori, Script. Rerum italica XIX, 8. – Horváthová 1964).

Auf das zweite Dokument wurden wir vom Oberrabbi der Tschechischen Republik, Karol Efraim Sidon, hingewiesen. In hebräischer Schrift schildert die "Weltchronik" die Ereignisse im Jahr 1602, als König Phillipp die spanischen kuschim ("Schwarzen") verbannte. (Heute werden die Roma in Spanien Kale – "Schwarze" – genannt.)

"König Philipp von Spanien verbannte alle kushim (Schwarzen), die in seinem Königreich lebten, sodass sie in ihr Land, Indien, reisen würden, zu dem Ort, wo sie geboren wurden, ihr altes Land. Es gab mehr als 200.000 von ihnen. Und er tat es gegen ihren Willen. Und viele von ihnen starben unterwegs den Hungertod und viele wurden bei Überfällen getötet." (Romano džaniben 1-2/2000, S. 6-7).

Aus den oben beschriebenen Gründen erscheint es jedoch unwahrscheinlich, dass einige Roma ihre ursprüngliche "indische" Heimat in Erinnerung behalten haben.

Für die Europäer konnte Indien ein Symbol für ein entferntes, unbekanntes Land mit Bewohnern dunkler Hautfarbe, mit einer unverständlichen Sprache und einer fremdartigen "barbarischen" Kultur darstellen. Und so war die Vorstellung, Indien sei die ursprüngliche Heimat der Roma, früher nicht weniger zufällig wie die Spekulationen über ihre Herkunft aus Nubien, Äthiopien, Ägypten oder sogar aus dem "verlorenen Kontinent" Atlantis.

Wann und warum die Roma Indien verlassen haben, ist bislang noch nicht überzeugend geklärt. Der amerikanische Linguist Terrence Kaufmann behauptet, dass die Roma Indien im vierten Jahrhundert v. Chr. verlassen hätten, also in der Zeit, als die Armee Alexanders des Großen in das nördliche Indien einfiel. Wo aber haben die Roma dann über 1.500 Jahre lang gelebt, bevor sie nach Byzanz kamen? Beinahe jede historische Veröffentlichung über die Roma zitiert eine Legende, die der persische Dichter Firdausi 1011 in seinem umfangreichen Werk "Schah Namah" ("Das Buch der Könige") aufgezeichnet hat. Laut dieser Legende sollte ein indischer Herrscher König Bahram V. (420-438) 10.000 Luri (Musiker) "zur Verfügung stellen", welche die arbeitenden Menschen mit Musik unterhalten sollten.

Schah Bahram gab den Musikern Saatkorn und Lasttiere, damit sie sich niederließen und anfingen, das Land zu bebauen. Doch die Musiker aßen die Samen und kamen im darauf folgenden Jahr wieder und verlangten nach mehr. Daraufhin befahl ihnen der Schah, auf ihren Eseln durch die Welt zu wandern, da sie doch unwillig waren, das Land zu bebauen.

Andere Geschichtsschreiber berichten von einer ähnlichen Legende, z.B. der persische Geschichtsschreiber Hamza Isfahani in einem Werk aus der Jahr 961 und der arabische Historiker at Talibi (1020). Alle drei Arbeiten nennen eine andere Anzahl von Musikern und einen anderen Namen für den indischen Herrscher.

Für die Musiker verwendeten sie, abgesehen vom Namen Luri, den Namen Zott, die arabische Aussprache des indischen Wortes Jat. Die heutigen Jats in Indien sind Bauern und man nimmt an, dass sie skythischer Herkunft sind. Während der Herrschaft Bahrams V. gehörten sie der Sindhi-Bevölkerung an: Einige züchteten Wasserbüffel, einige waren Fischer.

Da die Jat die ersten Bewohner "Indiens" waren, trafen arabische Plünderer auf sie und übertrugen ihr Ethnonym (Bezeichnung für eine Ethnie) wahrscheinlich auf alle Inder. Gegenwärtig ist der russische Romani-Linguist Lev Cherenkov geneigt, die Hypothese über "Musiker, die Bahram gegeben wurden", zu akzeptieren. Der englische Rom Donald Kenrick ist auch der Meinung, die Roma könnten Nachkommen der Zott sein, die sich später mit ihren Wasserbüffeln in einem Sumpfland südlich von Basra niederließen. In den Jahren zwischen 820 und 834 haben sie sogar einen kleinen unabhängigen "Staat" gegründet. Sie erhoben sich gegen die Araber, aber ihr Aufstand wurde vom arabischen Kalifen Mutasim niedergeschlagen. Viele Aufständische wurden hingerichtet und der Rest nach Ainzarba, einer Stadt an der byzantinischen Grenze, deportiert. Im Jahr 855 wurde Ainzarba von den Byzantinern erobert und die Zott wurden ins Landesinnere von Byzanz gebracht.

Diese Gelehrten und andere Experten untermauern ihre Hypothesen mit linguistischen Theorien. In Romani gibt es viele dem Persischen entnommene Wörter, was folglich bedeutet, dass die Roma mit der persischsprachigen Bevölkerung über längere Zeit hinweg in Kontakt gewesen sein müssen. Andererseits beinhaltet das Romani nur wenige arabische Wörter.

Die oben genannten Gelehrten sind daher zum Schluss gekommen, dass die Roma bereits im fünften und sechsten Jahrhundert in Persien gelebt haben müssen – unter der Herrschaft von Bahram V. und seiner Nachkommen aus der Sassaniden-Dynastie, also bevor Persien im 7. Jahrhundert von den Arabern erobert wurde. Ein überzeugendes Argument spricht allerdings gegen diese Theorie: Zwar haben die Araber Persien erobert, doch ist Arabisch dort nie in die normale Gesellschaft vorgedrungen und hat auch Persisch nie als offizielle und literarische Sprache ersetzt. Arabisch wurde von wenigen Intellektuellen (z.B. Hamza Isfahani, der auf Arabisch schrieb) und hauptsächlich von religiösen Würdenträgern verwendet.

Es musste also keineswegs der Fall gewesen sein, dass die Roma in jener Zeit – bzw. als die Araber das Land eroberten – im persischen Gebiet mit Arabisch in Kontakt kamen.

Die Roma hätten sogar dann nicht mit der arabischen Sprache in Kontakt kommen müssen, als einige Gruppen von Metallhandwerkern, Musikern und Händlern von Lasttieren ihren Dienst für das arabische Heer leisteten bzw. leisten mussten. In einer "arabischen" Armee waren gewöhnlich nur die Führer tatsächlich in ethnischer Hinsicht Araber, während die einfachen Söldner aus verschiedensten ethnischen Gruppen – hauptsächlich aus der iranischen Bevölkerung – rekrutiert wurden.

Der Romani-Professor Ian Hancock le Redžosko von der Texas University in Austin (USA) ist der Meinung, dass die Roma ursprünglich Rajput-Kämpfer waren (die Rajput-Armee setzte sich aus einer Vielzahl von verschiedenen Kasten zusammen), die Indien wegen der muslimischen Invasionen verlassen hätten. Deren Truppen unter dem Heerführer al Qasim begannen ihre Invasion mit der Eroberung von Sindh im Jahr 712. Die Kriege fanden ihren Höhepunkt mit den 21 Grenzüberfällen unter der Führung von Mahmud von Ghazni (Beginn des 11. Jh.).

Hancock datiert die Abwanderung der Roma aus Indien genau auf die Zeit Mahmuds. Hancocks Theorie geht von sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen aus: Seiner Meinung nach verloren die modernen indischen Sprachen ihr neutrales Geschlecht, wobei die neutralen Wörter das maskuline Geschlecht annahmen. Hancock (2001) präsentiert eine Aufstellung, in der er das Geschlecht von Romani-Wörtern mit verwandten Hindi-Wörtern vergleicht. Seine Theorie ist interessant, aber wenn Athingani (sehr wahrscheinlich Roma) bereits im 11. Jahrhundert in Byzanz waren, ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie Indien erst in diesem Jahrhundert verlassen hätten.

Es ist auch denkbar, dass der Exodus der Roma aus Indien von mehreren Faktoren gleichzeitig (Hübschmannová 1972) ausgelöst wurde. Einer dieser Faktoren könnte eine Hungersnot gewesen sein. Auch heute noch suchen Hungersnöte das Wüstenland von Rajasthan immer wieder heim und zwingen die hungernde Bevölkerung, in anderen Teilen Indiens nach Lebensmitteln zu suchen.

Gemeinschaften von Verwandten (Klans ["Sippen"] oder Splittergruppen von verschiedenen jati) migrierten gemeinsam. In Rajasthan, vielleicht auch im benachbarten Punjab, hielten sich Vorfahren von Roma-Klans offenbar längere Zeit auf, bevor sie Indien verließen. (Die Ähnlichkeit von Romani mit dem Hauptdialekt von Rajasthan, dem Marvari, ist noch nicht erforscht.)

Warum zogen die Mitglieder von Musikerkasten, Metallhandwerkern, Händlern und ähnlichen eng verwandten Kasten Richtung Westen? Wahrscheinlich war der Grund eine passende Beschäftigungsmöglichkeit. Vielleicht hatten sie die Möglichkeit, ihre traditionellen Gewerbe in der Armee oder in Handelskarawanen auszuüben. Sowohl das Heer als auch die Handelskarawanen benötigten Schmiede, Musiker, Händler von Lasttieren, Heiler und Unterhalter, die sie begleiteten und der "Mannschaft" die zermürbende Langeweile während ihrer untätigen Zeit auf der Straße erleichterten. Und genau diese Berufe sind die traditionellen Beschäftigungen, mit denen sich die Roma-Klans und ethnische Subgruppen der Roma (jati) ihren Lebensunterhalt verdienten. Byzantinische Quellen und später verschiedenste Dokumente aus ganz Europa erwähnen diese Handwerke in Verbindung mit den Athingani (Roma). Sogar heute noch leben Roma, wann immer es ihnen möglich ist, als Musiker, Schmiede, Pferdehändler, Zirkusartisten und Puppenspieler. Deshalb ist es ziemlich sicher, dass sie ihre Berufe aus Indien mitbrachten. Nun bleibt noch zu klären, warum und wie es vor sich ging.

Nehmen wir an, dass ein Teil der "Roma" (Vorfahren der heutigen Roma) Indien entweder als Begleitung von Handelskarawanen oder als Rekruten in muslimischen Armeen verließen. (Kurze Anmerkung: Wenn man ihnen ungenügenden "Patriotismus" vorwerfen wollte, wäre das ein widersinniger Anachronismus. Denn "Patriotismus", die Identifizierung mit dem Heimat-/Vaterland, ist eine viel spätere Entwicklung.) Ein Großteil der "nahen Verwandten" der Roma blieb jedoch weiterhin in Indien.

Die Verwandtschaft mit den Roma wird z.B. von politischen Vertretern der Banjaras, wandernder Händler, die wie andere auch die Armee mit Salz belieferten, betont. Weitere "Verwandte" sind die gade lohars, wandernde Schmiede, die auf dieselbe Weise – d.h. bešindos: in sitzender Position – arbeiten wie Roma-Schmiede. Sapéré / sanpválé könnten auch gemeinsame Roma-Vorfahren haben. Sapéré (sanp: "Schlange", vgl. mit Romani: sap) führen tanzende Kobras vor, können aber vor allem Schlangenbisse heilen und mit Gift umgehen. Mehrere byzantinische Quellen erwähnen diesen Athingani-Beruf. Da es aber diese Schlangenarten, mit denen Sapéré arbeiteten, in Europa nicht gibt, verschwand dieser Beruf des "Schlangen-Halters". (In Ägypten hingegen hat er sich erhalten.) Unzweifelhaft sind verschiedene Musiker-Kasten mit den Roma verwandt. Die Dom-Mirasi sorgten für die Musik bei den wichtigsten religiösen Feiertagen, wie zum Beispiel am Festtag von Krishna und Rama. Die Badi sind Musiker und in einigen Kasten Indiens auch Zirkusdarsteller (könnte der alte Romani-FamiliennameBadi nicht ursprünglich ein Kastenname sein?); Bihari sind ebenfalls Zirkusdarsteller. (Besteht auch hier eine Analogie zwischen Kastennamen und dem häufigen Romani-Nachnamen Bihari?)

Die Mitglieder all dieser Kasten gelten als Nachkommen der Adivasi, der ursprünglichen Bevölkerung Indiens, die zur Zeit der Mohenjo-Daro-Kultur – einer der ältesten der Welt – lebten, womit auch gesagt werden kann, dass sie Mitbegründer dieser Zivilisation sind. Verschiedene ethnische Gruppen waren an ihrer Schaffung beteiligt. Wir werden wahrscheinlich nie ihre ursprünglichen Namen kennen, diese Namen jedoch haben nichts mit den Namen der gegenwärtigen Kasten gemeinsam. Oder doch?

Das Wissen um die indische Herkunft der Roma hat sich zwar einerseits schon vor beinahe zweieinhalb Jahrhunderten auf unwiderlegbare Weise durchgesetzt. Andererseits wissen wir noch immer nicht, wann genau die Roma Indien verlassen haben, warum sie es verlassen haben und zu welchen Gesellschaftsschichten sie gehörten. Es ist bestimmt nicht einfach, dies festzustellen, doch durch die Zusammenarbeit von Linguisten (Experten für indische Sprachen in den verschiedenen Entwicklungsphasen und natürlich Romani-Experten), Historikern (umfassend sowohl Experten für indische Geschichte als auch für persische, byzantinische und arabische Geschichte), Ethnologen und anderen könnte es möglich sein, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, die der Wahrheit möglichst nahe kommen.

Obwohl Experten bereits seit langer Zeit über die Herkunft der Roma Bescheid wissen, ist dieses Wissen noch nicht völlig in das allgemeine Bewusstsein eingedrungen. Auch viele Roma hatten noch nicht die Gelegenheit, sich über ihre ursprüngliche Heimat zu informieren (z.B. in der Schule). In populärwissenschaftlicher Literatur werden immer noch Halbwahrheiten verbreitet, wonach die Roma den niedersten Kasten der "Unberührbaren", die es auf indischem Boden gab, angehört hätten.

Diese Feststellung berücksichtigt jedoch nicht die lange Dauer der indischen Geschichte, in der die heutigen "Unberührbaren" einst zu den Mitbegründern einer hoch entwickelten Kultur zählten. Erst nachdem sie nach und nach von den "arischen" Indoeuropäern unterjocht worden waren, fanden sie sich – als Besiegte – am Rande der Gesellschaft wieder.

Gerade weil die Vorgeschichte der Roma nicht richtig gewertet wurde, verleugnen einige Roma, dass Indien ihr Herkunftsland ist, und suchen ihren Ursprung z.B. in Palästina oder in Ägypten etc. Andererseits gibt es weitaus mehr Roma, die in ihrer indischen Herkunft eine Quelle ihres ethnischen Bewusstseins finden. Zu diesen zählt zum Beispiel der russische Romani-Dichter (geboren in Lettland) Leksa Manush. Er schrieb ein Paraphrase von einem der zwei ältesten indischen epischen Gedichte, "Ramajanam". Natürlich sind sich auch Roma-Historiker wie der oben erwähnte Ian Hancock, der verstorbene Bartoloměj Daniel oder Jana Horváthová und andere der indischen Herkunft der Roma bewusst und versuchen, dazu beizutragen, das Bild der "indischen" Roma-Geschichte zu vervollständigen.

In Indien findet man ein starkes Interesse an den Roma. In der Hauptstadt des Staates Punjab, Chandigarh, ist bereits seit 70 Jahren ein "Roma-Zentrum" tätig. Es wurde ursprünglich von dem Politiker und Diplomaten W. R. Rishi gegründet. Es gibt die Zeitschrift "Roma" und Romani-Literatur heraus. Das Zentrum veröffentlichte zum Beispiel Manushs moderne Version von "Ramajanam".

Auf indischem Boden haben auch internationale Roma-Kulturfestivals stattgefunden, davon eines 1993 in Chandigarh. Auch die damalige Premierministerin Indira Gandhi nahm daran teil.

Ein gutes Verständnis der indischen Kultur und Geschichte kann einen Beitrag zum ethnischen Selbstbewusstsein der Roma leisten.

Literatur

ab Hortis, Samuel Augustini (1775-1776 / 1994) Cigáni v Uhorsku 1775 / Zigeuner in Ungarn 1775. Bratislava.
Fraser, Angus (1998) Cikáni. Praha.
Hancock, Ian (2001) K upřesnění doby odchodu mluvčích protoromštiny z Indie. In: Romano džaniben 3/4, pp. 6-12.
Horváthová, Emilia (1964) Cikáni na Slovensku. Bratislava.
Hübschmannová, Milena (1972) What can Sociology suggest about the Origin of Roms. In: Archiv orientální 40/1, pp. 51-64.
Kenrick, Donald (1994) Gypsies: from India to the Mediterranean. Paris.
Majumdar, RC (ed.) (1960) The classical accounts of India. Calcutta.
Matras, Yaron (1999) Rüdigerův příspěvek k objasnění původu romštiny. In: Romano džaniben 3/4, pp. 80-102.
(2000) Rozhovor s Karolem Efraímem Sidonem, vrchním rabínem v České republice. In: Romano džaniben 1/2, pp. 3-11.
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