Frühe Migration: Persien

Ausgangssituation

Die Herkunft der Roma aus dem Nordwesten Indiens gilt aufgrund sprachwissenschaftlicher Untersuchungen seit etwa 200 Jahren als gesichert. Die Ursachen und der Zeitraum ihrer Abwanderung nach Persien, die Dauer ihres Aufenthaltes im Persischen Reich sowie ihre etwaige Verwandtschaft mit noch heute dort beheimateten Gruppen sind dagegen nach wie vor umstritten.

Zur Erforschung dieses frühen Kapitels der Roma-Historie stehen, weil es von den Roma selbst keine schriftlichen Überlieferungen gibt, nur persische oder arabische Quellentexte zur Verfügung. Diese enthalten vereinzelte Verweise auf indischstämmige Einwanderer, welche gemeinhin als erste fassbare Spuren der Roma gewertet werden. Ob es sich bei den genannten Gruppen – den Zott und den Luri – allerdings wirklich um die Vorfahren der heutigen Roma handelte, ist kaum nachzuweisen.

Einwanderung nach Persien

Aus dem 10. bzw. 11. Jahrhundert sind drei Quellentexte überliefert, welche die Einwanderung "Roma-ähnlicher" Gruppen von Indien ins Sassanidenreich bereits im 5. Jahrhundert nach Christus bezeugen:

Der arabische Historiker Hamza al-Isfahani berichtet 961 n. Chr. davon, dass einst Schah Bahram V. Gur (420-438 n. Chr) aus Mangel an Sängern im eigenen Land den indischen König um Musiker für sein Volk gebeten habe. Daraufhin seien 12.000 Sänger von Indien nach Persien gesandt worden, die Bahram Gur in alle Regionen seines Reiches verteilt habe. Dort hätten sie geheiratet und Nachkommen gezeugt, von denen – so Hamza – "obwohl in geringerer Zahl – noch immer einige anzutreffen sind. Sie sind" – und damit schließt der Eintrag – "vom Stamm der "Zott"."

Eine zweite Version dieser Geschichte findet man im 1011 n. Chr. vollendeten persischen Nationalepos "Shahnameh". Dessen Verfasser Firdausi weicht bei seiner Schilderung der Einwanderung kaum von Hamza ab. Dass er nur von 10.000 Musikern spricht, ist zu vernachlässigen. Wichtiger scheint, dass Firdausi die Einwanderer als Luri bezeichnet.

Ebenso bemerkenswert sind seine Ausführungen über deren weiteres Schicksal: Nachdem die Luri eingetroffen waren, so der Dichter, habe der König jedem von ihnen einen Ochsen, einen Esel und Saatgut gegeben. Anstatt sich jedoch als Bauern zu betätigen, hätten die Luri Getreide und Tiere verspeist und seien nach Ablauf eines Jahres zum König zurückgekehrt. Dieser habe ihnen gezürnt und sie in die Verbannung geschickt. "So kommt es", erklärt Firdausi, "dass die Luri noch heute durch die Welt irren auf der Suche nach ihrem Lebensunterhalt, als Weggesellen der Hunde und Wölfe wandern sie unablässig umher."

Nur neun Jahre danach (1020) wurde auch noch eine dritte Fassung dieser Begebenheit niedergeschrieben. Der arabische Historiker Al-Talibi übersetzte einen später verloren gegangenen persischen Text ins Arabische und nahm ihn in seine "Geschichte der persischen Könige" auf. Der Kern seiner Erzählung deckt sich mit den beiden anderen Texten, lediglich die Anzahl der Luri – diesmal werden 4.000 Musiker genannt – ist wieder eine andere.

Eine Verbindung zwischen den Musikern des Schahs und den Roma herzustellen, ist verlockend. Zum einen waren im Zeitraum zwischen 415 und 500 n. Chr. die "weißen Hunnen" in Indien eingefallen, und es scheint nicht ausgeschlossen, dass die in Firdausis und Al-Talibis Texten als Luri bezeichnete Gruppe unter dem Druck dieser Horden tatsächlich nach Persien auswich. Nach der Eroberung Nordindiens durch den persischen König Ardaschir (224–241 n. Chr.) im Jahr 227 n. Chr. dürften die politischen Bedingungen derartig weiträumige Wanderungen durchaus zugelassen haben. Zum anderen verleitet auch die Darstellung der Lebensweise dieser Einwanderer zu dem Schluss, sie könnten Vorfahren der europäischen Roma gewesen sein.

Noch heute leben im Iran, in Afghanistan und in Pakistan nomadisierende Gruppen, die als Luri, Nuri oder Luli bezeichnet werden. Diese sprechen aber im Gegensatz zu den Roma kein indisches Idiom, sondern Beluchi. Zwar reisten auch sie bis in die jüngste Vergangenheit als Handwerker und Musiker umher, jedoch ging der Trend ihrer Wanderungen eher nach Osten als nach Westen. Dass die heutigen Luri mit den damaligen ident sind, ist wohl auszuschließen.

Es stellt sich somit die Frage, wie verlässlich die Angaben in den beiden Texten, die sehr lange nach dem beschriebenen Ereignis verfasst wurden, sind. Nicht die Einwanderung als solche muss bezweifelt werden, sondern dass es sich bei den indischen Immigranten um Luri handelte.

Möglicherweise ist die Bezeichnung, die Firdausi und Al-Talibi für die Vorfahren der Roma verwendeten, Ergebnis einer durch die ähnliche Lebensweise und die romantische Aura, die beide Gruppen umgab, verursachten Verwechslung.

Ebenso wenig gesichert wie die Verwandtschaft der Roma mit den Luri ist die von Hamza behauptete Zugehörigkeit der indischen Einwanderer zum Stamm der Zott. Die Zott waren ursprünglich im Punjab beheimatete Wasserbüffel-Züchter. Sie verließen diese Region nachweislich in mehreren Etappen und aus unterschiedlichen Gründen.

Bereits nach der Eroberung Nordwest-Indiens (227 n. Chr.) durch die Sassaniden hatten sie ihr Wandergebiet auf die indisch-persische Grenzregion ausgedehnt. Bis ins 7. Jahrhundert stand eine größere Zahl von Zott in Diensten des persischen Hofes. Im Zuge der arabischen Expansion wechselten die Zott jedoch die Seite, wandten sich dem Islam zu und siedelten sich in Basra an. Von dort wurden sie – zumal sie den Arabern als ehemalige Gefolgsleute des Schahs als unzuverlässig erschienen – schließlich nach Antiochien an die Mittelmeerküste verlegt.

Nachdem im Jahre 711 Feldherr Muhammad ibn al-Quasim das Indus-Gebiet erobert hatte, deportierten die Araber mehrere tausend Zott zur Grenzsicherung an die Tigrismündung. Dort wurden diese im Lauf der Zeit jedoch so mächtig, dass sie von reisenden Kaufleuten Zölle einhoben und offen gegen das Kalifat von Bagdad rebellierten. Kalif al-Mutasim schickte deshalb im Jahr 820 Truppen gegen sie, doch erst 834 gelang es ihm, den Widerstand der Zott zu brechen.

Der arabische Historiograph Al Tabari berichtet, dass 27.000 Zott nach ihrer Unterwerfung zunächst nach Bagdad gebracht und der Bevölkerung in ihrer Tracht und mit ihren Musikinstrumenten vorgeführt wurden. Anschließend wurde ein kleinerer Teil der Aufständischen nach Khanikin, einem Ort nordöstlich von Bagdad, deportiert. Den weit größeren Teil siedelten die Araber jedoch nach Ain Zarba an die Grenze des Byzantinischen Reiches um. Als die Byzantiner 855 das arabische Reich angriffen – so schildert Al Tabari – verschleppten sie die in der Grenzregion lebenden Zott in die Gefangenschaft ins Byzantinische Reich.

Das wichtigste Indiz für die These, wonach die Zott Vorfahren der heutigen Roma gewesen sein könnten, ist deren kontinuierliche Westwärtsbewegung. Mit Hilfe der arabischen Quellen lässt sich ihr Weg von Nordwestindien nach Syrien und weiter ins Byzantinische Reich nachzeichnen.

Erhebliche Schwierigkeiten resultieren jedoch daraus, dass die Araber nicht nur die Büffelzüchter aus dem Punjab in einer arabisierten Form ihres indischen Stammesnamens Jat als Zott bezeichneten. Sie verwendeten diesen Begriff vielmehr für alle indischstämmigen Menschen und Völker, die im Lauf der Jahrhunderte in ihr Reich gelangten. Wenn in den Quellen von Zott die Rede ist, können die Jat gemeint sein, aber auch andere aus Indien eingewanderte Gruppen. Ob die Texte etwas über die Vorfahren der Roma verraten, bleibt demnach ungewiss.

Die noch heute für die Roma im Nahen Osten übliche Bezeichnung Zott ist also wahrscheinlich nur das Ergebnis einer zum Zeitpunkt ihrer Einwanderung nicht vorgenommenen Differenzierung. Für die arabischen Geschichtsschreiber schienen die Roma Zott gewesen zu sein - genau wie alle anderen Menschen aus Indien, mit denen sie in Kontakt kamen. Auf Basis dieser arabischen Texte sind die Roma als eigene Ethnie nicht gesondert fassbar.

Lässt sich mit den Texten Hamzas, Firdausis und Al-Talibis das Eintreffen der ersten Roma in Persien im 5. Jahrhundert auch nur schwer beweisen, so erlauben ihre Schilderungen zumindest eine wichtige Schlussfolgerung: Als sie um das Jahr 1000 n. Chr. verfasst wurden, müssen die indischen Einwanderer dort bereits so etabliert gewesen sein, dass der Zeitpunkt ihrer Ankunft weit nach hinten verlegt wurde. Wenn es auch nicht zur Zeit des legendären Königs Bahram Gur gewesen sein mochte, so doch deutlich vor dem 10. Jahrhundert.

Gegenteilige Thesen, welche die Einwanderung der Roma nach Persien in spätere Zeit verlegen, scheinen wenig plausibel. Die bekannteste davon ist jene von Ian Hancock, der behauptet, die Abwanderung der Roma aus Indien sei erst im Zuge der kriegerischen Einfälle Mahmuds von Ghazna zu Beginn des 11. Jahrhunderts erfolgt. Die von ihm vorgebrachten linguistischen Beweise werden durch das einfache Argument entkräftet, demzufolge die Roma Indien wohl kaum im selben Jahrhundert verlassen haben können, in dem sie auch schon in Byzanz aufgetaucht sind. Selbst die maximale Ausweitung des zeitlichen Rahmens auf ca. 200 Jahre reicht nicht aus, um Hancocks Theorie mit der Entwicklung eines Romani-Wortschatzes, der zu einem Drittel persische, armenische und griechische Wörter enthält, in Einklang zu bringen.

Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boza, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 10), Frankfurt.
Hancock, Ian (1987) The Pariah Syndrome. An Account of Gypsy Slavery and Persecution, Ann Arbor.
Kenrick, Donald (1998) Sinti und Roma: Von Indien bis zum Mittelmeer. Die Wanderwege der Sinti und Roma (Interface Collection 3), Berlin.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Image Druckversion
Image Hamza al-Isfahani über Bahram V. Gur
Image Firdausi über Bahram V. Gur
Image Die Einwanderung der Luri
Bahram V. Gur, Schah von Persien (420 - 438 n.Chr.)
Musizierende Luri
Sultan Mahmud von Ghazna