Paramisi

Paramisi, f.; paramisa, pl. (Griechisch): Märchen, Geschichte.

Das Märchen ist die am stärksten formalisierte, maßgebende Prosaform in der Volksliteratur der Roma. Im Hinblick auf ihren Inhalt greift man auf feststehende narrative Elemente (Märchenart, Motive) zurück; im Hinblick auf ihre Form bestehen typische Formeln – fogaša.

Der Geschichtenerzähler soll "te vakerel avka sar hin, sar kampel/ sar džal e paramisi/ skladnones" – wörtlich: "es so erzählen, wie es ist, wie es sein muss/ wie die Geschichte geht/ "kompakt"", d.h. dass er beim eigentliche Thema bleibt und die Geschichte richtig erzählt. Ein guter Geschichtenerzähler muss šukar lava ("schöne Worte") und fogaša (festgeschriebene Erzählformeln) verwenden. Diese inhaltlichen und formalen Aspekte beziehen sich auf alle Arten von Geschichten.

Die Servika Roma unterscheiden zwischen zwei Haupttypen von Erzählungen: vitejzika paramisa (Heldengeschichten) und pherasune paramisa (lustige Geschichten).

Vitejzika paramisa haben noch einen anderen Namen: bare paramisa ("lange Geschichten").

Wenn sich alte Roma an Zusammenkünfte zum Geschichtenerzählen , gute Geschichtenerzähler und vitejzika paramisa erinnern, verwenden sie den beinahe schon rituellen Satz: "Jekh vitejziko paramisi bari džalas, the štar pandž ori." ("Ein Heldenmärchen dauerte lange, vier oder fünf Stunden."); oder: "O phuro XY chudňa te vakerel efta, ochto orendar raťi – jekh paramisi vakerelas dži tosara." ("Der alte XY begann um sieben oder acht Uhr am Abend zu sprechen und erzählte ein Märchen bis in den Morgen hinein.").

Die Autorin dieses Beitrags machte selbst die Erfahrung, einer Heldengeschichte zuzuhören, die sieben Stunden dauerte. Der Geschichtenerzähler war Michal Adam-Janču aus Kladno (in der Nähe von Prag) (1976). Die Transkription dieser Geschichte umfasste 105 maschinengeschriebene Seiten.

Für pherasune paramisa ("lustige Geschichten") gibt es einen weiteren Namen, der auf ihre Länge verweist: charne paramisa ("kurze Märchen").

Eine Unterklasse der kurzen Märchen sind die džunglae paramisa (wörtlich: "schmutzige Geschichten"), "Dekameron"-artige Anekdoten, während deren Erzählung die Kinder in einen anderen Raum gehen müssen: "Čhavale avri!" – "Kinder hinaus!".

Geschichten, die einer Kategorie zugerechnet werden, können jedoch auch Elemente anderer Gruppen aufweisen. So können humorvolle oder "Dekameron"-ähnliche Elemente in vitejzika paramisa erscheinen; charni paramisi – "kurze Märchen" – können durchaus auch länger sein und umgekehrt können Heldengeschichten, die in die Kategorie der bare paramisa – der "langen Geschichten" – fallen, auch kürzer sein. Im Allgemeinen jedoch entsprechen die Geschichten ihrer Klassifizierung.

Die Standardformeln (fogaša) werden für alle Arten von Geschichten verwendet, wenngleich die Heldenerzählungen mehr Freiraum für ihre Anwendung lassen. Zu den Standardformeln zählen etwa die Einleitungen und die Schlüsse.

Die standardmäßige Einleitungsformel wäre: "Sas kaj na sas, mre gule (Devla) bachtaleja the čačeja" – "Es war einmal, mein süßer (Gott), gesegnet/segnend und wahr/echt/gerecht"). Das Wort Devla (Gott) wird oft ausgelassen, denn jeder weiß, dass die Beinamen gulo (süß), bachtalo ("glücklich", "gesegnet") und čačo ("wahr"/"echt"/"gerecht") sich ausschließlich auf Gott beziehen können. Die Einleitungsformeln können unwesentliche Variationen aufweisen, die sich etwa auf eine Abwandlung der Wortstellung oder der Nennung der Attribute für Gott beziehen (z.B. "Mre gule, bachtaleja, sas kaj na sas" – "Mein süßer, gesegneter [Gott], es war einmal"). Die Schlussformel lautet: "Te na mule, dži adaďives dživen." ("Danach lebten sie für immer glücklich.")

Die Geschichten erzählen von Helden, die das Böse – eine Hexe, einen Drachen, einen bösen König, heimtückische Freunde usw. – bezwingen. In den pherasune paramisa siegt gewöhnlich ein Rom über einen geizigen, dummen oder reichen Bauern (Gadžo) oder einen Pfarrer (rašaj), manchmal auch über einen Grafen (grofos). Er besiegt seinen Feind predžal pre god'i (wörtlich: "er setzt sein Hirn ein"), er überlistet ihn, trickst ihn aus, besiegt ihn mit seinem Scharfsinn.

Der Held der vitejzika paramisa oder der pherasune paramisa ist oft ein čhavo, ein junger Rom. Gewöhnlich kommt er aus einer armen Roma-Familie – und aus einer Familie mit vielen Kindern. Wenn es sich also um einen solchen Jungen handelt, folgt gleich nach der einleitenden Formel eine weitere: "… sas jekh oro Rom. Sas les ajce čhave, keci hin pro ňebos čercheňa (a mek jekheha buter)." – "Es gab einen armen jungen Rom. Er hatte viele Kinder, so viele wie es Sterne am Himmel gibt (und noch eines mehr)."

In den vitejzika paramisa trifft der junge Mann auf seine Feinde und das Bösen in der Gestalt übernatürlicher und "natürlicher" Wesen, wie sie in den Märchen im gesamten europäisch-asiatischen Kulturkreis auftauchen. Sie sind entweder Drachen (šarkaňis), Teufel/Dämonen (beng) oder Hexen (bosorka, inžibaba). Zu den "natürlichen" Feinden des Helden gehört ein böser König (kral'is) oder eine eifersüchtige, böse Königin.

Eine bosorka muss nicht eindeutig böse sein. Ein čhavo kann sie bezwingen, indem er höflich zu ihr ist ("te džanel lačho lav te phenel" – wörtlich: "wenn er weiß, wie er ein gutes Wort sagt"). Diese Höflichkeit wird durch eine andere vorgegebene Grußformel ausgedrückt: "Mi del o Del lačho d'ives, mri kedvešno phuri daje" – "Gott soll dir einen guten Tag wünschen, meine liebe alte Mutter!" Darauf antwortet die Hexe: "Mi del o Del the tuke (vitejzina). Te mange na džanľalas kada lav te phenel, imar pal e žeľeno čar na phirďalas/ imar tut chaľomas pal o svetos!" – "Möge Gott dir (Held) dasselbe sagen. Wärest du nicht in der Lage gewesen, diese (höflichen) Worte zu sprechen, würdest du nicht weiter auf grünem Gras gehen/ wärest du schon aus dieser Welt beseitigt worden."

Um ihn loszuwerden, verlangt der König gewöhnlich vom jungen Rom, eine unerfüllbare Aufgabe zu bewältigen. Die Aufforderung endet mit der Drohung: miro charo, tiri men ("mein Schwert, dein Kopf"; d.h. wenn du die Aufgabe nicht erfüllen kannst, wirst du einen Kopf kürzer sein).

Eine weitere Drohung, mit der man beabsichtigt, dem Gegner Angst einzujagen, wird mit der Formel "Adad'ives imar tiri zumin na chala, tiri zumin chava me" ("Auch heute wirst du deine Suppe nicht essen; die Suppe wird von mir gegessen") ausgedrückt.

Auch die Prinzessin wird in einer Standardformel beschrieben: "Sas ajsi šukar, hoj andro kham šai dikhehas, pre late na (ajsi žara andal late demelas/ somnakaj pal late čuľalas)." – "Sie war so schön, dass du eher in die Sonne sehen konntest als auf sie (so ein Leuchten ging von ihr aus/ Gold floss ihren Körper hinab)." Goldene Prinzessinnen "jekha jakhala rovel, jekha jakhaha asal" ("weinen oft mit dem einem Auge und lachen mit dem anderen"). Sie glauben, dass ein čhavo sie befreien wird, und gleichzeitig fürchten sie um sein Leben.

In Roma-Märchen findet man alte, archetypische Ausdrücke, die an die ursprüngliche indische Heimat der Roma, an die indische Mythologie erinnern. Gewöhnlich findet man etwa die Phrase trin sveti (Sanskrit: triloka): "drei Welten": "Oj (e princezna) sas ajsi šukar, hoj pro trin sveti la para na has". – "Sie (die Prinzessin) war so schön, dass es ihresgleichen in drei Welten nicht gab."; "Sas les trinesvetengeri zor." – "Er hatte die Stärke von drei Welten." Als die Autorin dieses Beitrags Geschichtenerzähler nach der Bedeutung von trin sveti fragte, erfuhr sie nicht mehr als "Avka pes phenel!" ("So wird es gesagt!"). Der philosophisch-mythologische Hintergrund ist verloren gegangen und nur der Ausdruck selbst hat sich erhalten. In den vitejzika paramisa stellt Gott eine implizite oder explizite Kraft dar, die den Helden unterstützt, ihn hält und ihm hilft zu gewinnen.

Im Vergleich zur Vorstellungswelt von Nicht-Roma-Märchen (in ihrer literarischen Bearbeitung), in denen der Held immer aus eigener Kraft, aus eigenem Einfallsreichtum gewinnen muss, ist der Held in Roma-Märchen nicht selten dank der Hilfe Gottes, dank eines göttlichen Wunders siegreich.

Del (Gott) erscheint auch in Standardformeln und -phrasen: "Diňa o Del tosara/ ďives/ rat." ("Gott gab den Morgen/ den Tag/ die Nacht."); "Le Devleske som andro vast." ("Ich bin in den Händen Gottes."); "Sas les trinesvetengeri zor. O Del sas jekh, jov pal o Del aver."; ("[Der Held] hatte die Kraft von drei Welten. Gott war der Erste, er war der Zweite, nach Gott."); "So o Del dela, oda ela." ("Was Gott gibt, wird sein."). Der Bösewicht fragt den Helden: "Kames te dživel čino, abo but?" ("Möchtest du eine lange Zeit oder eine kurze Zeit leben?"); worauf der čhavo antwortet: "Aňi čino, aňi but, ča sar o Del dela." ("Weder lang noch kurz, wie es Gott wünscht.")

Die Macht und der Segen Gottes zeigen sich implizit in den hellseherischen Fähigkeiten des Helden und der Heldin. Die seherischen Fähigkeiten werden auch in einer Standardformel ausgedrückt, wenn das geliebte (befreite) Mädchen sich an den jungen Rom wendet: "Mek andre la dakero per salas, imar džanavas, hoj aveha miro rom." ("Du warst noch im Mutterleib, als ich wusste, dass du mein Ehemann werden würdest.") Das tatsächliche Alter des Helden und der Heldin waren unbedeutend. Zeit spielte keine Rolle. Sie war Teil desselben geheimnisvollen Rätsels wie die Handlung.

Die wundersamen Eigenschaften des Helden und der Heldin sind durch besondere Zeichen an ihren Körpern erkennbar: "Sas les/la čhonoro tel e balogno khak, khamoro tel e čači khak." ("Er/sie hatte einen kleinen Mond in seiner/ihrer linken Achselhöhle und eine Sonne in der rechten.") Der Umstand, dass der Held und die Heldin die gleichen Zeichen hatten, bedeutete, dass sie das Schicksal verbunden hatte. (Der Mond auf der linken du die Sonne auf der rechten Seite sind Symbole, die es in der indischen Mythologie ebenso gibt wie in der Chakra-Philosophie. Finden wir in diesem in Roma-Märchen häufig wiederholten Motiv nicht ein Echo Indiens wieder?)

Eine der wichtigen Funktionen der vitejzika paramisa ist, ethische Werte zu zeigen und zu festigen, wie Güte, Gehorsam, Demut vor Gott, Unterwerfung unter den Willen Gottes und die Fähigkeit zu verzeihen. Oft stößt man darauf, dass die ethischen Werte nicht nur in Geschichten beschrieben werden, sondern auch in Sprichwörtern betont werden. Diese Sprichwörter unterscheiden sich von den praktischen alltäglichen Sprüchen wie "Manuš dživel, sar pes del." ("Man lebt, wie man kann.") oder "Savo bur, ajso bur, ča te pre tute na cirdel." ("Es ist nicht wichtig, wie die Büsche sind, solange man den Wind nicht spürt.").

Folgende Sprichwörter, die einem Märchen der Servika-Roma entnommen sind, sind ethische Imperative: "Vaš lačhipen, lačhipen užareha." ("Für das Gute erwarte Gutes."); "Aves lačheha, arakhes lačho, aves phujeha, arakhes phuj." (wörtlich: "Kommst du mit gutem Willen, wirst du Gutes finden, kommst du mit bösem Willen, wirst du Böses finden."). Der ethische Wert des Vergebens wird in folgendem Sprichwort ausgedrückt: "Sar dživaha, te na džanaha te odmukel?" (wörtlich: "Wie werden wir leben, wenn wir nicht verzeihen können?") Dieser Wert manifestiert sich in verschiedenen Kontexten, die wir in den Märchen anderer Gesellschaften nicht finden: Am Ende der Geschichte vergibt der Held seinen verräterischen Brüdern, die ihn aus Eifersucht vernichten wollten; die auf wundersame Weise wieder auferstandene Frau vergibt ihrem Ehemann, der sie wegen seiner Geliebten getötet hatte – und am Ende lebt jeder glücklich für immer.

Das Prinzip der Vergebung ist gewöhnlich auf die Familienmitglieder beschränkt, obwohl sie sich manchmal auch auf die Leute im Allgemeinen ausweitet (hauptsächlich, wenn sie sich bessern möchten). Ungeheuern jedoch wird nicht vergeben, sie müssen getötet werden, sodass "phujipen/zrada te na avel buter pr'ada svetos" ("es kein Böses/Verrat mehr auf dieser Welt gibt").

Die philosophische Formel "Sar upre avka the tele, sar tele, avka the upre" ("Oben gerade so wie unten; unten gerade so wie oben") kommt in den meisten Märchen nicht vor, aber es gibt einige Aufzeichnungen davon, zum Beispiel in jener bereits erwähnten umfangreichen epischen Geschichte von Michal Adam-Janču.

Oft finden wir in den Märchen dumme und unmoralische Helden. Sie kommen hauptsächlich in pherasune paramisa (lustigen Geschichten) vor. Die dumme Person ist nicht unbedingt ein Gadžo (Nicht-Rom). In einer Reihe von humorvollen Geschichten wird das Publikum vom dilino Rom ("dummen Rom") unterhalten oder im Gegenteil vom baro špekulantos, dem "gerissenen Jungen", der unschuldige Menschen zu seinem Vorteil betrügt. Solche "Helden", deren Moral die Menschen manchmal schockiert, finden sich oft auch in Märchen aus dem eurasischen Bereich.

Bei vielen Arten und Themen von Roma-Geschichten, einschließlich vitejzika und pherasune, kommt es vor, dass sie in der Aarne-Thompson-Märchensammlung enthalten sind und daher in den Märchen der Nicht-Roma-Nachbarn wiederholt werden. Daraus glauben einige "Zigeuner"-Experten (z.B. J. Vekerdi, 1980, S. 5) ableiten zu können, dass "Zigeuner" keine eigenständige Volkskunst hätten und stattdessen bloß die Volkskunst der vorherrschenden Mehrheitsgesellschaften übernehmen und nachahmen würden (Hübschmannová, 1996). Auch so kluge Roma-Experten wie Angus Fraser (1998) sind diesem Fehler erlegen. Die herausragende deutsche Volkskundlerin Köhler-Zülch (1992) hebt korrekterweise hervor, dass die Themen und Arten der Märchen ein gemeinsames, "wanderndes" kulturelles Erbe der gesamten eurasischen Region sind.

Der hervorragende deutsche Völkerkundler und Indologe Prof. Heinz Mode, ein Experte für indische Märchen, beweist anhand statistischer Analysen, dass eine überaus große Anzahl von Roma-Geschichten dem indischen, persischen und türkischen Modell entspricht – und davon ausgehend gelangt er zur Annahme, dass die Roma zu jenen gehörten, welche die Modelle und Motive der indischen Geschichten nach Europa getragen haben (Mode, 1983-1985).

Den indischen Hintergrund der Roma-Geschichten spiegeln auch einige typische Figuren wider, auch wenn sie nun ins "kulturelle Gewand Europas" gekleidet sind. In indischen und europäischen Märchen erscheint die Figur des Blaubart, des Mannes, der seine Ehefrauen ermordet. Er verwandelt sich von einem Ungeheuer in einen (attraktiven) Heiratsschwindler. Als gut aussehender Mann macht er einem ahnungslosen Mädchen einen Antrag und verwandelt sich dann in ein Ungeheuer, das sie verschlingt. In indischen Märchen nimmt das Ungeheuer die Gestalt eines Tigers an (Tauscher, 1959). Da nun aber in Europa keine Tiger leben, verwandelten Roma-Märchen aus Serbien den Tiger in einen Hund (Sammlung des Roma-Experten und Volkskundlers Rade Uhlik), ebenso in den Märchen der Servika-Roma über den bösen Zauberer Preparud, Proměňovač ("Der Mann, der sich verwandeln konnte") (Giňa, 1999).

Vor dem Hintergrund einer veränderten indischen soziokulturellen Realität verwandelte sich die Figur in eine boshafte zweite Ehefrau (in einer polygamen Gesellschaft). Sie möchte die erste Frau oder deren Kinder "vernichten" (wie auch Kajkéjí im "Ramajanam"-Epos).

Zur Zeit, als die Roma in Europa ankamen, gab es die Polygamie nicht mehr; die zerstörerische "zweite Frau" wurde deshalb in den Roma-Märchen zu einer Hexe in Gestalt einer Köchin oder einer Dienerin. Im Märchen "Pal e romaňi princezna the pal e indžibaba" ("Die Roma-Prinzessin und die Machenschaften der Hexe") wird erzählt, dass "o kraľis peske ľikerlas indžibaba, sar čirla sas indžibabi, džanes, na, ta kajsi inžibaba sas le kraľis pre dvora" ("der König eine Hexe hielt, die war wie die Hexen von einst, du weißt, was ich meine – das ist die Art von Hexe, die der König an seinem Hof hatte" (Hübschmannová, 1973, S. 62). Diese Hexe wollte die Roma-Prinzessin loswerden, in die sich der König verliebt hatte, und sie versuchte mit aller Macht, die Welt von ihr zu befreien. Aber warum sollte sich der König eine solche Hexe am Hofe "halten"? Ist sie nicht der Prototyp der zweiten Frau, die Grund hatte, ihre Rivalin loszuwerden? Dieses Thema findet man häufig sowohl in indischen als auch in Roma-Märchen bzw. in europäischen Märchen im Allgemeinen.

In den Kommentaren zu den Märchen, die in der vierbändigen Sammlung von Heinz Mode (1983-1985) enthalten sind, und in den Erläuterungen zu den von Milena Hübschmannová (1973) gesammelten Märchen wird deutlich, wie viele Geschichten "original" sind – entweder weil ihre inhaltlichen Themen in internationalen Märchensammlungen nicht aufscheinen oder weil sie auf ziemlich ungewöhnliche Art zusammengesetzt sind. Es liegt eigentlich an der eigenständigen Mischung von Themen und kreativen Improvisationen der Geschichtenerzähler, dass die vitejziko paramisi zu ihrer Länge kommt.

Einige bare paramisa (lange Märchen) unterscheiden sich nicht sehr vom Epos. Das Besondere an einem Epos ist, dass es über mehrere Generationen von Helden erzählt. Der Held jeder Generation hat größere Kräfte, stärkere hellseherische Fähigkeiten und ein größeres Maß an Gottes Segen als sein Vater, Großvater und Urgroßvater. Ein typisches Beispiel eines solchen Märchens sind Nemtudomka (Hübschmannová, 1973) und das noch immer unveröffentlichte "Epos" von Michal Adam.

Das Geschichtenerzählen war zu Beginn der 1980er Jahre noch immer ein unermesslich wichtiges und beliebtes kulturelles Ereignis. Die Erwachsenen erzählten einander Märchen. Das Geschichtenerzählen in der Öffentlichkeit wurde von Männern übernommen, während die Frauen die Märchen "zu Hause" und bei speziellen Zusammenkünften der Frauen erzählten. Es ist beinahe unglaublich, wie drastisch die Zerstörung der Tradition des Geschichtenerzählens durch all die komplexen Veränderungen des gegenwärtigen Lebens der Roma vor sich ging.

Abschließend möchten wir noch ein weiteres besonderes Charakteristikum der Roma-Märchen hervorheben, das mit deren formalem Inhalt zusammenhängt. Bis vor kurzem hatten sie nicht nur die traditionelle volkstümliche Form, sondern eine Form, die das Alltagsleben mit seinen Problemen widerspiegelte. Deshalb finden sich in ein und demselben Märchen der Servika-Roma der friedliebende König Seite an Seite mit einem Sozialarbeiter, die schöne Prinzessin, die strahlte wie eine "200-Watt-Glühbirne", ein König, der eine Anzeige in einer Zeitung oder im Fernsehen schaltet usw. Diese Verbindungen mögen den intellektuellen Gadže absurd und komisch erscheinen, aber die meisten Roma-Zuhörer nahmen das als keineswegs ungewöhnlich auf. Die Aktualisierung und Improvisation dürfen jedoch nicht auf Kosten der Kontinuität der Geschichte gehen, sie dürfen den überlieferten Inhalt nicht durcheinander bringen.

Eine große Anzahl von "Zigeuner"-Experten haben Roma-Geschichten gesammelt. Es genügt, die Kommentare der vierbändigen Märchensammlung von Heinz Mode (1983-1985) zu lesen. Die in den ungezwungenen Erzählsituationen der pro paramisa vorgetragenen Geschichten unterscheiden sich oft von den Märchen, die den (Gadže-)Sammlern von Roma-Geschichtenerzählern unter "unnatürlichen" Umständen diktiert wurden. Dies ist sowohl vom österreichischen Roma-Experten Mozes Heinschink (Cech et al., 2001), dessen Tonbandaufzeichnungen vielleicht die umfangreichste Sammlung von Roma-Volkskunst der Welt darstellen, als auch der Autorin dieses Eintrags (Hübschmannová, 1996) angemerkt worden. Früher analysierten Experten die "diktierten" Geschichten (meistens weil es noch keine Kassettenrekorder gab). Heute wächst die Zahl von authentisch aufgezeichneten Sammlungen. Daraus entstand Material, das weitere Forschungen erfordert.

Noch schöner, als sich mit Roma-Märchen wissenschaftlich zu befassen, ist es natürlich, sie zu lesen; und schöner noch, Roma-Geschichtenerzählern zuzuhören, wenn sie die Märchen einer begeisterten Zuhörerschaft vortragen.

Leider sind diese Ereignisse in der Tschechischen Republik und in der Slowakei rar; aber Roma-Autoren wie Andrej Giňa, Vladislav Haluška, František Demeter, Helena Demeterová und Magda Hoffmannová wie auch der bereits verstorbene Elemír Baláź und Šani Dzurko kommen oft auf Märchen, die sie in vergangenen pro-paramisa-Versammlungen gehört haben, zurück. Sie geben sie wieder und verleihen ihnen eine literarische Form, fügen ihnen abschließend ihre eigene besondere Note hinzu und öffnen so den Weg für eine natürliche Entwicklung von mündlicher überlieferter Erzählkunst hin zu geschriebener Literatur.

Mi del o Del, kaj oda drom te avel phundrado.
"Möge Gott dafür sorgen, dass die Straße offen bleibt."

Literatur

Cech, Petra / Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (eds.) (2001) Fern von uns im Traum ... / Te na dikhas sunende ... Märchen, Erzählungen und Lieder der Lovara, Klagenfurt.
Fraser, Angus (1973) Cikáni. Praha.
Giňa, Andrej (1999) Pal o Preparudo. In: Romano džaniben 3-4, pp. 118-122.
Hübschmannová, Milena (1973) Romské pohádky. Praha.
Hübschmannová, Milena (1996) The Treasure of Romani Folk Tales. In: Roma 44-45, pp. 68-79.
Köhler-Zülch, Ines (1992) Die Heilige Familie in Ägypten, die verweigerte Herberge und andere Geschichten von "Zigeunern". Selbstäußerung oder Außenbilder? In: Strauß, Daniel (ed.) Die Sinti/Roma-Erzählkunst im Kontext europäischer Märchenkultur. Berichte und Ergebnisse einer Tagung. Heidelberg, pp. 35-84.
Mode, Heinz (ed.) (1983-1985) Zigeunermärchen aus aller Welt. Leipzig.
Tauscher, Rudolf (ed.) (1959) Volksmärchen aus dem Jeyporeland. Berlin.
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