Pro paramisa

pro paramisa, wörtlich: "für Märchen" (paramisi, f.: "Märchen"): traditionelle kulturell festgelegte Zusammenkünfte, bei denen Erwachsene Märchen erzählten.

Die offiziellen Geschichtenerzähler "in der Öffentlichkeit" waren Männer; zu Hause konnten auch die Frauen – gewöhnlich auf die Kinder "abgestimmte" – Märchen erzählen. Bei öffentlichen pro paramisa waren Kinder nur geduldet, und wenn "Dekameron"-ähnliche Märchen (džungale paramisa) erzählt wurden, mussten die Kinder den Raum verlassen. In den Märchen – die oft stundenlang dauernde Heldengeschichten waren – wurden ethnische Normen weitergegeben und eine elegante Sprache gepflegt. Gute Geschichtenerzähler waren im ganzen Land bekannt und genossen ein hohes Ansehen.

Die kulturellen Versammlungen pro paramisa folgten genauen Regeln und jeder, der nicht wollte, dass man ihn als ungezogenen Rüpel, als degeš betrachtete, hielt sich daran. Das Publikum, das sich im Winter und an Schlechtwettertagen im größten Haus der Siedlung versammelte, mietete den Raum gegen einen kleinen Betrag vom Besitzer. Jeder, der kein Geld hatte, brachte stattdessen ein kleines Holzscheit und half damit, den Raum im Winter zu beheizen. Der Geschichtenerzähler wurde mit einem Beutel voll Pfeifentabak belohnt.

Im Unterschied zur bašaviben – einem Fest mit Musik, Gesang und Tanz – gab es, während die Geschichten erzählt wurden, kein Essen und vor allem keinen Alkohol. Die Zuhörer durften sich auch nicht unterhalten oder den Geschichtenerzähler unterbrechen. Ganz im Gegenteil erwartete man von ihnen stets, dass sie die Heldengeschichten der paramisara aufmerksam verfolgten und die Geschichtenerzähler durch Lachen, Seufzer, Angstschreie und verschiedene Zwischenrufe anfeuerten. Zeugen dieser vergnüglichen Zusammenkünfte, die viele Stunden lang dauerten, fassten sie in einem Satz zusammen: "Ganz wie die Gadže (Nicht-Roma) ins Theater gehen, gingen wir zur pro paramisa."

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