Ḍom – Mirasi

Ḍom (die Etymologie beweist eindeutig, dass Verbindungen zwischen den indoeuropäischen Sprachen der Ḍom und der Sprache der heutigen Roma Romani – bestehen) sind Angehörige von Kasten oder ethnischen Gruppen, die hauptsächlich im indischen Rajasthan, in Punjab und den nördlichen Regionen von Pakistan leben. Im heutigen indischen Kastensystem (das zum Beispiel vom Buddhismus oder dem Tantraismus nicht akzeptiert wird) hat diese Gruppe eine niedere gesellschaftliche Stellung. Zu den traditionellen Berufen ihrer Mitglieder gehören vor allem Musik und andere Unterhaltungsberufe, Handel, Weben, Korbflechten , Siebherstellung, Schmiedearbeiten , Kesselherstellung , und Betteln. [Berufe]

Oft wird dieses breite berufliche Spektrum zur Rechtfertigung und Unterstreichung der These verwendet, dass der Terminus Ḍom / dom sich nicht nur auf eine einzelne Kaste bezieht, sondern eher eine generelle Bezeichnung für mehrere endogame (Heirat erfolgt ausschließlich innerhalb der Gruppe) Berufsgruppen, die zur vorarischen Bevölkerung Indiens gehören könnten, darstellt.

In der mündlichen Überlieferung wird die Wendung domogushpur rajogushpur (Ind.: Ḍom-Fürst, herrschender Fürst) verwendet. Mit ihr verbunden sind Geschichten über den gemeinsamen Ursprung des herrschenden Klans und der alten Musikerfamilien – Ḍom. Charakteristisch für Ḍom-Musiker ist es, die Aufgaben nach dem Geschlecht aufzuteilen: Während die Männer die Musikinstrumente spielen, ist das Tanzen und das Singen von lyrischen Liedern, Liebesliedern und sehr oft auch Liedern über die Vorfahren den Frauen und Kindern, die sich selbst mit einer Trommel begleiten, vorbehalten. Die Sänger, häufig sind es Analphabeten, zeichnen sich oft durch ihr außerordentliches Gedächtnis aus, dank dem sie sogar Lieder mit Tausenden Versen vortragen können. Dementsprechend sind sie die lebenden Familienchronisten, welche die Lobgesänge für die vielen Generationen ihrer Vorfahren singen. Ḍom-Musiker standen – und stehen auch heute noch – im Dienste von reichen Hindu- oder Moslem-Familien, für die sie sogar klassische Gedichte, zum Beispiel von Mizra Ghalib, vortrugen.

Die üblichen Ḍom-Instrumentalgruppen aus Pakistan bestehen aus mindestens drei Musikern, von denen einer entweder die surnai (davul-zurna), ein Doppelblattinstrument nach dem Typ der Oboe, oder eine Art von Flöte spielt, während die zwei anderen die Trommeln spielen: das dadan mit zwei Membraphonen und eine zweiteilige Trommel, das daman. Diese Kombination von Instrumenten ist typisch für Gebiete, die von der arabisch-islamischen Kultur beeinflusst sind. Diese Art von Instrumentalmusik wird Harip genannt.

Während Ḍom Hindus sind, die für Hindus und Moslems spielen und singen, bezeichnen sich die moslemischen Volksmusiker selbst als Mirasi (1870 ersetzte dieser Terminus die ältere Bezeichnung für die kastenähnliche Gruppe: Dharni) oder als Manganihars (vom indischen Wort für "betteln" übernommen). Die Mirasi spielen hauptsächlich bei Zeremonien und Feiern, die mit dem Familienzyklus verbunden sind (Geburt, Beschneidung, Hochzeit, Tod), und Andachtsmusik in Hindu-Tempeln. Der Umstand, dass sie vom Hinduismus zum Islam konvertiert sind, geht aus einigen Hindu-Bräuchen und von den Namen in ihren Genealogien (Stammbäumen) hervor.

Wie bei den Ḍom wird auch bei den Mirasi die musikalische Darbietung nach dem Geschlecht eingeteilt: Die Frauen sind Tänzerinnen und Sängerinnen und tragen oft genealogische Lieder vor; sie begleiten sich selbst mit Trommeln. Die männlichen Musiker spielen die Instrumente: neben den Trommeln auch verschiedene Blas- und Saiteninstrumente. Die hauptsächlich verwendeten Melodieinstrumente der rajasthanischen Mirasi sind das Doppelrohrblattinstrument (surnai) und das Saiteninstrument kamaycha.

Die Ḍom bestehen darauf, dass der Beruf des Musikers vollkommene Konzentration erfordert: Ein Musiker muss jederzeit in der Lage sein, Musik zu erfinden und zu spielen. Es überrascht nicht, dass dies im Gegensatz zu den traditionellen Werten der sie umgebenden sesshaften Mehrheitsbevölkerung steht, die der formellen Ausbildung höchsten Wert beimisst. Für Ḍom hingegen hat die Musik den größten Wert.

Literatur

Arnold, Alison (ed.) (2000) South Asia. The Indian Subcontinent, New York.
Hübschmannová, Milena (1997) Domští hudebníci v Indii. In: Romano džaniben 3-4, pp. 11-27.
Neuman, Daniel (1980) The Life of Music in North India. The Organization of an Artistic Tradition, Detroit.
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Image 2 Surnāī und 2 Trommeln