Flamenco

Etymologie

Der Begriff Flamenco (= "flämisch") kam bereits am Ende des 18. Jahrhunderts im Sinne von "hochmütig" und "prahlerisch" auf. Etwa zur selben Zeit wurde das Wort auch als Name des Flamingo-Vogels übernommen. Die Körperhaltung des Vogels mit seinem langen Hals und dem hochgezogenen Bein erinnert an die typische Pose eines Flamencotänzers.

Die Geschichte des Flamenco

Die frühesten Erzählungen berichteten zu Beginn des 19. Jahrhunderts von musikalischen Festen, bei denen "Gitanos" zur Unterhaltung spielten und sangen; unterstützt und belohnt wurden sie von den ansässigen Honoratioren (Adeligen und Grundbesitzern). Die Zeit zwischen 1840 und 1920 gilt als das "Goldenes Zeitalter" des Flamenco: Sowohl in Madrid als auch in Sevilla wurden so genannte café cantantes ("Musik-Cafés") eröffnet, in denen Musiker und Flamencotänzer ihre Künste auf Arbeitsvertragsbasis darboten. Zu jener Zeit wurde der typische Gesangscharakter des Flamencocante – entwickelt; auch der Tanz gewann an Bedeutung. Von Beginn des 20. Jahrhunderts an löste sich – besonders unter dem Einfluss von Ramón Montoya – auch das Gitarrenspiel aus seiner ursprünglich rein begleitenden Funktion, sodass seit Mitte des 20. Jahrhunderts auch Gitarrenspiel ohne Gesang anzutreffen ist. Die Zeit der café cantantes gilt jedoch auch als der Beginn der Vermarktung des Flamenco.

Während der Zeit zwischen den zwanziger und den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts standen zwei Formen des Flamenco einander gegenüber: einerseits der kommerzielle Stil, bekannt als opera flamenco (operísima), mit sentimentalen Liedern (cuplé flamenco), der von spanischen Zarzuelas und lateinamerikanischer Volkskunst – mit einem wahren Feuerwerk des Gesangs und theatralischen Effekten – beeinflusst war.

Dieser Stil rief andererseits auch Kritik von Seiten spanischer Intellektueller und Künstler (wie Manuel de Falla oder Federico García Lorca) hervor, die – im Gegensatz dazu – im Flamenco die unverfälschte "Seele Andalusiens" sahen und seinen romantischen und spirituellen Aspekt hervorstrichen. In der Zeit der Diktatur Francos wurde von der staatlichen Kulturpolitik jedoch das kommerzielle Konzept oberflächlicher Fröhlichkeit bevorzugt.

Größeres internationales Interesse am Flamenco entwickelte sich in den 1950er Jahren – teilweise dank der reisenden Musiktanzgruppen des Flamenco. Im Jahr 1958 wurde das Institut für Flamenco-Forschung (Catédra de Flamenco) in Jerez de la Frontera gegründet. Gleichzeitig entstanden Flamenco-Clubs in allen größeren spanischen Städten, und man begann, regionale Festivals und Wettbewerbe abzuhalten.

Seit den 1960ern begann sich der nuevo flamenco (der "neue Flamenco") zu entwickeln, indem sich die Elemente des Flamenco mit jenen westlicher Popularmusik, lateinamerikanischer, arabischer und afrikanischer Musik zu vermischen begannen. Einer der bedeutendsten Vertreter dieses Genres ist der Gitarrist Paco de Lucía, der mit seinem Stil, der Flamenco mit Jazz und lateinamerikanischen Rhythmen verbindet, die Flamenco-Musiker auf außerordentlich starke Weise beeinflusst hat.

Die Hauptmerkmale

Im Genre des Flamenco werden Gesang (cante), Gitarrespiel (toque), und Tanz (baile) miteinander kombiniert. Der männliche oder weibliche Gesang gilt als der wichtigste Teil. In seinen Anfängen (vor der Zeit der café cantantes) wurde der Gesang nicht – bzw. nur von Rhythmusinstrumenten – begleitet (später von Kastagnetten). Intervalle von weniger als einem Halbton, enharmonische Modulationen, ein relativ kleiner Tonumfang (nicht mehr als eine Sexte) und ein Rhythmus, der dem Metrum nicht untergeordnet wird, sind charakteristische Eigenschaften des Vokalausdrucks. Mit expressiven Ausrufen und durch eine gutturale Stimmgebung schafft der Gesang eine Stimmung intensiven Schmerzes, die mit dem Text in Einklang steht.

Stilistisch können drei Formen des Vokalausdrucks (und der anderen, damit zusammenhängenden musikalischen Komponenten) unterschieden werden. Auch die damit verknüpften poetischen Formen entsprechen diesen Stilen: cante jondo (wörtlich: "tiefer Gesang" = innerlich), der als der älteste gilt, auf der poetischen Form siguiriya basiert und eine rhythmische Struktur von zwölf Takten aufweist; cante intermedio ("mittlerer Gesang"), der ursprünglich durch das Vermischen von cante jondo mit spanischer Volks- und Popularmusik entstand; und cante chico ("klein" = leicht), der einige Elemente der lateinamerikanischen Musik übernommen hat und für eine extrovertiertere Vortragsweise steht.

Die Vokaltexte im andalusischen Dialekt des Spanischen kommen in der Form von drei- bis fünfzeiligen Strophen vor, die das Grundgerüst bilden; die Flamenco-Sänger bereichern diese Struktur durch verschiedene Variationen. Einige Texte sind anonym, viele jedoch stammen von bekannten Autoren (Manuel Machado, M. Balmaseda, Federico García Lorca). Die häufigsten Themen behandeln Leiden und Tod, Liebe und Liebesqualen, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit – all diese Themen werden mit Fatalismus und Nihilismus behandelt. Einige Lieder des cante chico-Typs haben hingegen ein humorvolles Thema, doch auch dann ist immer auch ein tragischer Unterton enthalten.

Erst in der Zeit der café cantantes wurde das Gitarrenspiel zu einem organischen Bestandteil des Flamenco. Es werden verschiedene Techniken angewandt, um die Saite zum Klingen zu bringen, einschließlich schwieriger Elemente im Spiel der linken Hand. Hier werden Arpeggios, melodische Passagen, Tremolos – mit vier Fingern gespielt – auch perkussive rhythmische Figuren kombiniert.

Der Flamenco-Tanz hat sich im Laufe der Zeit aus einem eher statischen Ausdruck, der den ursprünglichen Klageliedern der "Gitanos" entsprach, entwickelt. Später wurden einige spanische Volkstänze in den Flamenco integriert (z.B. seguidilla, fandango, zarabanda), durch sie wurde das Spektrum des chico-Stils erweitert.

Abgesehen von den Formen, die Gesang und Tanz miteinender verbinden, gibt es auch rein vokale Flamenco-Formen, z.B. Gesang mit religiösem Charakter.

Die Zuhörer nehmen eine wichtige Rolle im traditionellen Kontext des Flamenco ein. Sie spielen eine aktive Rolle in der Aufführung, nicht nur durch anfeuernde Zurufe, sondern auch durch rhythmisches Klatschen usw. Bei einer Konzertaufführung wird diese Rolle von einem Sänger übernommen.

Obwohl die Flamenco-Interpreten nicht notwendigerweise "Gitanos" sein müssen, gehören viele der bedeutendsten Künstler dieser ethnischen Gruppe an (z.B. La Niña de los Peines, Ramón Montoya und andere).

Literatur

Awosusi, Anita (ed.) (1998) Die Musik der Sinti und Roma. Bd. 3. Der Flamenco (= Schriftenreihe des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma 7), Heidelberg.
Leblon, Bernard (2003) Gypsies and Flamenco. The Emergence of the Art of Flamenco in Andalusia (= Interface Collection, Volume 6), Hertfordshire .
Serano, Juan / Elgorriaga, José (1980) Flamenco, Body and Soul. Fresno.
Image Druckversion
Image Traditionelles Flamenco-Lied