Hallgató

Hallgató, ein langsames, getragenes Lied, ist der bedeutendste Lied-Typus im traditionellen Repertoire der sesshaften ungarischen und slowakischen Roma (einschließlich jener, die in Böhmen leben). Im Hinblick auf die behandelten Themen betreffen Hallgató-Lieder verschiedene Bereiche: čorikane gil'a (Lieder über das Verlassenwerden und die Armut), žalosno gil'a (traurige Klagelieder), hareštantska giľa [bertenošika giľa] (Lieder über die Gefangenschaft), muľatošna giľa (Trinklieder in Verbindung mit Feiern, Trinken, Singen und Tanzen). Ein Großteil der Texte der einzelnen Themenbereiche wird zu Hallgató-Melodien gesungen. In Ausnahmefällen hört man auch schnelle Tanzmelodien.

Der ungarische Nóta gilt als geschichtlicher Vorläufer des Liedertyps Hallgató (Sárosi 1977). Die älteste schriftliche Textaufzeichnung eines Liedes dieser Art, das heute noch gesungen wird, wurde von Kopernicky am Beginn des 20. Jahrhunderts niedergeschrieben ("Marel o Del marel"). Die erste bedeutende Sammlung von Transkriptionen dieses Genres wurde von den Gebrüdern Csenki in Ungarn – auf der Grundlage ihrer Feldsammlungen aus den 1930er Jahren – erstellt. Die älteste Tonaufnahme stammt erst vom Ende der 1950er Jahre (erstellt von den Gebrüdern Csenki in Ungarn und von Eva Davidová in Böhmen und der Slowakei). [ The music of the Roma in Hungary ]

Charakteristische Merkmale

Die Lieder des Hallgató-Typus sind mehrstrophig – mit vierzeiligen Textstrophen – aufgebaut. Die Anzahl der Silben in jeder Strophenzeile eines bestimmten Liedes ist festgelegt, kann aber bei den einzelnen Liedern variieren, bei denen man dann sechs, acht oder zwölf Silben findet. Jeder Vers hat seine charakteristische melodische Phrase, die sich mehr oder weniger klar von der folgenden Phrase unterscheidet. Eine Pause zwischen der zweiten und dritten Phrase ist besonders charakteristisch. Die zweite Phrase endet meistens auf einer Dominante, die abschließende Phrase immer auf einer Tonika, der – als Regel – eine erweiterte Septime, die als Verzierung gesungen wird, vorangeht. Am häufigsten wird äolisches Moll verwendet (mit einer erweiterten Septime vor dem Abschluss). Die Lieder umfassen einen großen Bereich, oft mit großen Intervallsprüngen und kunstfertigen Akkordfolgen.

Die Strophen (in Ausnahmefällen auch die einzelnen Verse) stellen in erster Linie die Grundeinheiten des Liedtextes dar, sie sind die Träger der Gedanken und der Stimmung. Die Gewichtung der Strophen und ihre Abfolge sind nicht festgelegt. Die häufigsten Themen behandeln Einsamkeit, Waisenkinder, Tod, Hunger, Gefangenschaft, die Beziehung zwischen Mann und Frau oder zwischen Eltern und Kindern.

Ein langsames Tempo ist kennzeichnend für die Darbietung von Hallgató-Liedern und steht im Einklang mit den traurigen oder tragischen Inhalten der Texte und dem dramatischen Rubato-Stil, der die Einzigartigkeit der Aussage (der Künstler singt, als handle es sich um sein eigenes persönliches Schicksal, ungeachtet der Tatsache, dass sich der Text ja aus einem Set von Standardphrasen oder sogar ganzen vorgefertigten Strophen zusammensetzt) hervorhebt. Die Lieder werden mit enormer Emotionalität vorgetragen, was durch Zwischenrufe noch verstärkt wird (jaj, ejde etc.).

Frauen sind traditionellerweise stets die hauptsächlichen Interpreten der Lieder des Hallgató-Typs gewesen. Trotz der Tatsache, dass vornehmlich Solodarbietungen vorgetragen werden, hört man in Ausnahmefällen auch mehrstimmige Wiedergaben. Die Melodie wird dabei von der höchsten Stimme getragen.

Ein bestimmtes Maß an Improvisation ist ein charakteristisches Merkmal der Interpretation – sowohl bei den musikalischen als auch den textlichen Teilen. Bei einem Solointerpreten kann die Improvisation (Verändern der Melodie) von einer zur nächsten Strophe – und auch von einer Darbietung zur nächsten – variieren; auch – und besonders stark – variieren die Darbietungen verschiedener Interpreten. Dieser Stil spiegelt den Platz und die Funktion dieses speziellen Liedtyps in der Roma-Kultur wider: Der gleich bleibende Teil des Liedes entspricht der kollektiven Erfahrung, die vom Interpreten durch seinen/ihren eigenen musikalischen und textlichen Ausdruck modifiziert wird. Dank dieser existentiellen Verbindung mit dem Leben tauchen sogar heute noch neue Textvarianten des Hallgató-Liedtyps auf. Sie spiegeln die Lebensrealität der vergangenen Jahrzehnte (die Auswanderungswelle der slowakischen Roma nach Böhmen, ihre Arbeit in den Minen von Ostrava, die gesellschaftliche Situation etc.) wider. [Cinka Panna / Pista Dankó]

Literatur

Davidová, Eva / Žižka, Jan (1991) A letelepedett cigányság népzenéje Csehszlovákiában (= Európai cigánx népzene / Gypsy folk music of Europe 2). Budapest.
Holý, Dušan / Nečas, Ctibor (1993) Žalující píseň. Strážnice.
Sárosi, Bálint (1977) Zigeunermusik. Zürich / Freiburg i. Br.
Víg, Rudolf (1974) Gypsy Folk Songs from the Béla Bartok and Zoltán Kodály Collections. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae 16, pp. 89–131.

Tonträger

Bari, Karoly (ed.) (1996) Anthology of Gypsy Folk Songs I-IV. Hungary and Romania (4 CDs mit Beiheft), Budapest (EMI Quintana QUI 903095).
Bari, Karoly (ed.) (1999) Gypsy Folklore I-X: Hungary and Romania. Collected by Károly Bari (10 CDs mit Beiheft [English, Romani]), Budapest (Private Publishing).
Davidová, Eva / Gelnar, Jaromir (eds.) (1971) Romane giľa. Antologie autentického cikánského písňového folklóru (LP), Praha (Supraphon).
Víg, Rudolf (ed.) (1976) Gypsy Folk Songs from Hungary (CD). Budapest (Hungaroton HCD 18028-29).
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