Khelimaski gjili, khelimaski ďili – Tanzlied

Das Tanzlied (Romani: khelimaski gjili [d’ili, ģili]) ist neben dem langsamen lyrischen Lied (Romani: loki gjili) eine zentrale Gattung in der traditionellen Musik der Lovara und anderer (früher) im ungarischen Sprachgebiet lebender Vlach-Roma (Rom) (Musik der Vlach-Roma). Von Vlach-Roma in Ungarn und der Slowakei wird es auch als chutjadi gjili (Romani: "Hüpflied") oder patogošo (vgl. Ungar.: "pattog" – "prasseln, knattern") bezeichnet.

Die Tanzlieder haben Strophenform, zumeist mit vier Zeilen zu sieben, acht oder – seltener – sechs Silben, wobei die Silbenanzahl in der Mitte und am Ende der Strophe auf 11 erweitert oder die Anzahl der Zeilen erhöht werden kann. Die khelimaske gjila stehen fast durchwegs im geraden Takt (2/4) und haben meist einen absteigenden Melodieverlauf. Wie die loke gjila beruhen sie auf Dur- oder Moll-Leitern (oft mit kleiner Septime im oberen und mit großer im unteren Register) und mitunter auch auf Pentatonik (Sárosi 1977). Die Melodie wird häufig solistisch, manchmal auch von mehreren Sänger(innen) vorgetragen.

Inhaltlich werden Motive aus der Erfahrungswelt der nomadischen Rom gebracht, nicht selten aus der männlichen Perspektive und mit ironischen Untertönen: das erfolgreiche Handeln mit Pferden oder Teppichen und anschließendes Feiern, die (enttäuschte) Liebe zu einer Frau und ihr ehrbares oder – häufiger – schamloses Verhalten. Im Gegensatz zu den loke gjila spielt der Text in den Tanzliedern jedoch eine untergeordnete Rolle. Oft wird er bereits nach wenigen Zeilen von schnellen Klangsilben abgelöst, die für eine akzentuierte, sich steigernde Tanzbegleitung geeigneter sind. Tanzlieder, die insgesamt nur aus textlosen Silben bestehen, sind ebenfalls keine Seltenheit.

Die diminuierende und synkopierte Variation der Strophenmelodie im Silbengesang ("Wirbeln", Ungar.: "pergetés") und damit die Steigerung der Impulsdichte und des Tempos sind charakteristisch für die Interpretation der khelimaske gjila. Mit dem "Wirbeln" und anderen Klang erzeugenden Techniken wird eine instrumentale Tanzbegleitung imitiert. Rhythmisch begleiten sich die Sänger(innen) durch Fingerschnippen, Händeklatschen und Stampfen, durch Trommeln auf Tischplatten oder mit Haushaltsgegenständen, z.B. einer Milchkanne oder mit Holzlöffeln. Hinzu tritt der so genannte "Mundbass", bei dem ein weiterer Sänger akzentuierte Silben im Estam-Rhythmus (auf die geradzahligen Achtel) ausstößt und damit quasi die Funktion eines Bassinstruments übernimmt. [Audio-Illustrationen: Na šinger, na šinger, Boja, muro gadoro / Trin gone kočaja] Etwa seit den 1960er Jahren werden neben diesen traditionellen Techniken mitunter auch Musikinstrumente, v.a. die Gitarre, zur Begleitung herangezogen.

Khelimaske gjila werden zu Solotänzen, die jeweils von Männern oder Frauen vollführt werden, sowie zu Paartänzen (ohne Fassung) gesungen (Balázs 1995). Die slowakischen und tschechischen Vlach-Roma nennen ihren charakteristischen, ursprünglich nur Männern vorbehaltenen Tanz čapaš (vgl. Ungar.: "csapás" – "Schlag").

Im nordungarischen Komitat Szatmár wird außerdem ein Stabtanz (Ungar.: "botoló") getanzt; einige Melodien des Stabtanzes stehen – im Unterschied zu den übrigen Tanzliedern – im Dreiertakt (3/8; 6/8).

Tanzlieder gehören auch zum traditionellen gruppeninternen Repertoire der Ungrika-Roma in Ungarn und der Slowakei sowie der Servika-Roma in der Slowakei und in Tschechien. Zwar werden bei diesen Gruppen ebenfalls die erwähnten nicht-instrumentalen rhythmischen Techniken verwendet, doch sorgen hier häufiger Roma-Musiker mit den für die "Zigeunermusik" typischen Streichinstrumenten (oft zusätzlich mit Akkordeon und/oder Gitarre) für die Gesangs- und Tanzbegleitung [The music of the Roma in Hungary; Die Musik der Roma in Böhmen und Mähren; Csardas]. Vlach-Roma in Rumänien, wie z.B. die Colarja ("Teppichhändler") in Siebenbürgen oder die Kalderaš, interpretieren ihre Tanzlieder auf ähnliche Weise wie die Lovara (rhythmisch-variierter Silbengesang; Begleitung mit Fingerschnippen, Schlagen auf Tischplatten etc.). Auch in den angrenzenden Gebieten Serbiens werden mitunter typische khelimaske gjila gesungen (z.B. von den Banater Roma), doch weisen Tanzlieder der Vlach-Roma hier zumeist stärkere Einflüsse der regionalen Volksmusik auf. So werden in der Vojvodina für die Region typische Tonskalen und asymmetrische Rhythmen (Aksak) verwendet und auch charakteristische Instrumente zur Begleitung herangezogen: Tamburicas (gezupfte Langhalslauten) unterschiedlicher Größe; dazu wird kolo (im Reigen) getanzt.

Literatur

Balázs, Gusztáv (1995) A nagyecsedi oláh cigányok tánchagyománya – The Dance Tradition of Vlach Gypsies in Nagyecsed (= Cigány Néprajzi Társaság – Studies in Roma [gypsy] ethnography 3). Budapest.
Kovalcsik, Katalin (1985) Vlach Gypsy Folk Songs in Slovakia (= Gypsy Folk Music of Europe 1). Budapest.
Sárosi, Bálint (1977) Zigeunermusik. Zürich / Freiburg i. Br.
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Image Na šinger, na šinger, Boja, muro gadoro – Zerschneide mein Hemd nicht, Boja
Image Trin gone kočaja – Drei Säcke Maiskolben