Loki gjili, loki ďili – langsames, lyrisches Lied

Das lyrische "langsame Lied" (Romani: loki gjili [d’ili, ģili]) ist eine der beiden zentralen Gattungen der traditionellen Musik der Lovara und anderer früher nomadischer Vlach-Roma (Rom), die lange im ungarischen Sprachgebiet lebten [Musik der Vlach-Roma; khelimaski gjili]. Das loki gjili, das auch mesaljaki gjili ("Tischlied") und mitunter mulatošo gjili ("Lied zum Feiern", vgl. Ungar.: "mulat" – "sich vergnügen") bezeichnet wird, ist strophisch aufgebaut.

Die Strophen bestehen jeweils aus vier Zeilen zu sechs oder acht Silben, zu denen häufig charakteristische Füllsilben wie jaj, joj, aj, de hinzukommen. Den textlichen entsprechen vier melodische Zeilen, wobei in der Regel die 2. und 3. – und nicht selten alle – durch Zäsuren voneinander getrennt sind. Die Melodien beruhen auf diatonischen Dur- oder Moll-Leitern (häufig mit kleiner Septime im oberen und mit großer Septime im unteren Register). Sie haben einen absteigenden Gestus oder bogenförmige Kontur und häufig einen großen Tonumfang (über eine Oktave hinaus). Die Melodiebildung ist geprägt von Sekundschritten, Tonwiederholungen, aber auch von größeren Intervallsprüngen und Terzfolgen. Im Gegensatz zu den Tanzliedern (khelimaski gjili) werden die langsamen Lieder in ungebundenem Parlando rubato interpretiert.

Ein weiteres Charakteristikum ist der die Melodie variierende Vortrag: Die Tonfolgen werden nicht unbedingt exakt wiederholt, vielmehr kann sich die "ideale Melodie" (Kovalcsik 1985), die im Gedächtnis der Sänger verankert ist, mit jeder Interpretation von neuem realisieren. Hierbei können auch in den einzelnen Strophen zwischen den gleich bleibenden Gerüsttönen rhythmische und tonale Variationen erfolgen. Der charakteristische Strophenschluss beginnt mit einer lang ausgehaltenen und decrescendo gesungenen Note auf der melodischen 2. Stufe; die dann nach einer kurzen Pause anschließende Finalis (Grundton) wird üblicherweise sehr leise gesungen, sie wird oft leittönig über die 7. Stufe erreicht und kann manchmal sogar wegfallen. Die zweite Zeile wird zumeist auf der Dominante beendet, in der Regel ebenfalls mit einem lang ausgehaltenen Ton. Typisch für die Gesangsinterpretation sind – relativ sparsam eingesetzte – Verzierungen wie Vorschläge, Portamenti, Nebennotenbewegungen sowie Vibrati auf lang ausgehaltenen (Zeilenschluss-)Tönen. [Audio-Illustrationen: Soro ratji mulatino]

Die langsamen "Tischlieder" werden solistisch dargeboten, wobei weitere Anwesende häufig (an den Zeilenenden), die "führende" Stimme gleichsam begleitend, mitsingen. Hieraus resultiert kein strenges Unisono, sondern eine für diese Vokalpraxis eigentümliche Heterophonie, die mit der improvisatorischen Interpretation im Parlando rubato zusammenhängt. [Audio-Illustration: Sumnakuni phurt keradem] Etwa seit den 1960er Jahren werden mitunter Musikinstrumente, vorwiegend die Gitarre, zur Begleitung der langsamen Lieder herangezogen.

Die Inhalte der loke gjila spiegeln die (frühere) Lebensweise der "Wanderzigeuner", die Bedeutung der Familie und der Rom-Gemeinschaft sowie die Rolle des Einzelnen in ihr wider. Oft wiederkehrende Motive sind das Leben auf Wanderschaft, die Fahrt zum Markt, das Zusammentreffen und Feiern mit "guten Rom-Burschen" (kerel voja le laše šavenca), denen Wein bestellt und damit Ehre erwiesen wird. Das Verhältnis der Geschlechter zueinander und dem Sitten- oder Ehrenkodex entsprechendes bzw. zuwiderlaufendes Verhalten (der Frauen) werden ebenfalls häufig abgehandelt. Aber auch die Trennung von der Familie, Einsamkeit, Krankheit, Verfolgung durch die Polizei und Gefängnisaufenthalte werden thematisiert.

Wie in ihrer musikalischen Gestaltung ist den loke gjila auch inhaltlich ein improvisatorisches Moment eigen. Charakteristisch für die Textgestaltung ist, dass ein fixierter, immer gleich ablaufender Inhalt keineswegs zwingend ist. Zwar gehört zu jeder Melodie ihr eigener Text, der aber insofern flexibel gestaltet wird, als je nach Situation und Stimmung Verse hinzugefügt oder weggelassen bzw. in ihrer Reihenfolge variiert werden. Auch gibt es "wandernde" Motive, die in verschiedene Lieder eingebaut werden können. Hierzu zählen Wunschformeln, wie t' al o Del bachtalo taj v'e laše šave ... ("Gott soll glücklich sein und auch die guten Burschen ...") oder de ma, Devla, tji bachtori ("gib mir, Gott, dein kleines Glück"), Bekräftigungsformeln, z.B. te merav aratji ("sterben will ich gestern"), Redewendungen, wie marel o Del, kas kamel te marel ("Gott straft, wen immer er strafen will"), und poetische Bilder, wie hulin patrorale, šaraven ma tele (šaraven i vurma) ... ("fallt, Blätter, deckt mich zu [bedeckt die Spur] ...") oder loli muri čugni, parni muri gaži ("rot ist meine Peitsche, weiß meine Frau").

Der/die Sänger(in) richtet sich in der Regel an eine bestimmte Person – z.B. ein Familienmitglied –, die auch im Text direkt angesprochen wird, z.B. De žavtar, mamo, a lumasa ... ("Ich gehe in die Welt hinaus, Mutter ...") oder Jaj, pi tu, Guran, mulatino ... ("Trink, Guran, feiere ..."). Die Anwesenden werden darüber hinaus mit gesprochenen Einschüben zwischen den Liedzeilen miteinbezogen, die zudem die Aufmerksamkeit auf den Inhalt lenken, z.B. apal phendas, šavale ("dann sagte er, Freunde") oder haj mir ("und warum?"). In familiärem Kreis gesungen, enthalten die Lieder häufig Anspielungen auf die eigene Situation und Befindlichkeit (oder auf jene eines anwesenden Adressaten), die von den Sängern in tradierte Verse oder Formeln "verpackt" werden. Diese abstrahierte Bezugnahme auf eigene Erfahrungen oder Gefühle ist für Außenstehende kaum nachvollziehbar, wird aber von den zuhörenden Familienmitgliedern und Freunden durchaus verstanden. Die Anwesenden nehmen nicht nur durch Mitsingen teil, sondern reagieren auf den individuellen Vortrag auch mit Zurufen, wie phen la! ("sing es!"), Wunschformeln oder Kommentaren. [Audio-Illustration: Perel tele, čore, tji loli papuča]

Vom formal-stilistischen sowie vom funktional-inhaltlichen Aspekt her ist das langsame Lied der Vlach-Roma vergleichbar dem Hallgató-Liedtypus der in Ungarn und der Slowakei ansässigen Ungrika-Roma sowie der Servika Roma in Tschechien und der Slowakei. Langsame Lieder lyrischen Inhalts im Parlando rubato werden auch bei Vlach-Roma in Rumänien sowie in angrenzenden serbischen Gebieten gesungen, z.B. bei rumänischen Kalderaš und Džambas in Siebenbürgen und dem Banat oder bei serbischen Banater Roma. Diese können sich ebenfalls aus vierzeiligen Strophen zusammensetzen, allerdings nicht unbedingt mit fixer Silbenanzahl. Ihre Melodien sind aber von den in der regionalen Volksmusik üblichen "modalen" Skalen geprägt.

Literatur

Kovalcsik, Katalin (1985) Vlach Gypsy Folk Songs in Slovakia (= Gypsy Folk Music of Europe 1). Budapest.
Sárosi, Bálint (1977) Zigeunermusik. Zürich / Freiburg i. Br.
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Image Soro ratji mulatino – Die ganze Nacht werde ich feiern
Image Sumnakuni phurt keradem – Eine goldene Brücke habe ich bauen lassen
Image Perel tele, čore, tji loli papuča – Fallen soll, Mädchen, dein roter Schuh