Rompop

Das permanente Aufnehmen und kreative Verarbeiten von Einflüssen der Umgebung stellt eine der Grundlagen für den musikalischen Ausdruck jener Roma-Gruppen dar, deren traditioneller Beruf es war, Musik zu machen. (Dies trifft für die spanisch-andalusischen Einflüsse im Flamenco ebenso zu wie für die Musik der russischen Roma oder der ungarischen "Zigeuner"-Musiker.)

Seit den 1960er Jahren gehören zu diesen Einflüssen auch Elemente der Popmusik, vor allem die Verwendung entsprechender Musikinstrumente (zuerst die Gitarre, später in erster Linie elektronische Instrumente mit Verstärker), die Komposition neuer Melodien und zeitgenössische Romani-Texte. Diese Richtung wird Rompop genannt.

Die Texte der modernen Rompop-Lieder variieren im Inhalt wie auch in der Qualität – und, nebenbei bemerkt, Inhalt und Qualität hängen oft gegenseitig voneinander ab. Vom Standpunkt der Lyrik aus sind Texte mit Klischees wie "Kames man? Soske manna kames? Kamav tut …" ("Liebst du mich? Warum liebst du mich nicht? Ich liebe dich …") verständlicherweise von geringerem Wert als Texte, die (1) die Gefühle der der Roma heute oder (2) treffend eine konkrete Situation beschreiben. Zu solchen Texte zählen zum Beispiel: (1) "Šele Romengero lav jekh gadžo prephagla" ("Das Wort von einhundert Roma wird von einem Gadžo gebrochen") oder (2) "Andro foros bari khangeri/ rovel odoj cikni chajori/ rovel rovel pal e daj/ kaj la mukla koror/ korkorora pro svetos." ("In der Stadt gibt es eine große Kirche/ dort weint ein kleines Mädchen/ weint, weint nach seiner Mutter/ die es alleine gelassen hat/ ganz alleine in der Welt.")

Die Texte, die ohne Klischees auskommen, sind vor allem Beweis für die Lebendigkeit und Beständigkeit der Romani-Volkslieder. Auch wenn es nicht den Anschein hat – da die Themen völlig verschieden sind –, setzen auch die modernen Texte diese Tradition fort; jedoch nicht indem sie phurikane ("alte") Themen über Hunger und Armut behandeln, sondern indem sie eine der wichtigen traditionellen Funktionen der Romani-Lieder erfüllen: "Lachi gili vakerel cacipen." ("Ein gutes Lied sagt die Wahrheit/spricht über die Realität.") Denn die Realität der Gegenwart "geht in anderen Gewändern"; gegenwärtige Roma "gehen nicht mehr schäbig gekleidet, schmutzig oder barfuß" ("na phiren chingerde melale pindrangle"), doch ihr Leben ist von Qualen und Freuden erfüllt wie zuvor – und gute Rompop-Texte erzählen über dieses heutige Leben.

Auch auf jene Texte soll hingewiesen werden, in denen das abgedroschene kale bala ("schwarzes Haar") und šukar chaj romani ("das hübsche Roma-Mädchen") wiederholt werden. Offensichtlich funktionieren diese Phrasen als Klischee. Sie drücken metaphorisch aus, was die magische Formel "Sem Roma sam!" ("Wir sind immer noch Roma!") – und wir können stolz darauf sein – impliziert. Sind sie nicht auch Ausdruck der Roma-Identität? Uns scheint es so. Im Gegensatz zu älteren (phurikane) Liedern sind die Verfasser einer Reihe von Rompop-Kompositionen bekannt; ihre Namen sind auf den CDs oder Audiokassetten vermerkt und/oder ihre Werke urheberrechtlich geschützt. Einige dieser Texte – Lieder der Gruppe "Točkolotoč", einige Texte der Musiker Vera Bílá, Jožka Feci oder der aufgelösten Gruppe "Cercen" und die exzellenten Strophen von Vojta Fabián – sind Beispiele für hervorragende moderne Romani-Dichtkunst.

Charakteristisch für Rompop-Melodien ist ihr beträchtliches Abweichen von Hallgató-Melodien, die keine starke Rhythmik aufweisen. Formal symmetrische Melodien, oft als Strophenrefrain aufgebaut, werden durch Variationen bereichert.

Diese Melodien hört man gewöhnlich in vokal-instrumentalen Darbietungen. Die Vokalteile sind polyphon: Die Melodie wird in der dritten oder fünften Sequenz begleitet. Bei den Instrumenten sind Saiteninstrumente (Gitarren), Keyboard und Perkussion vorherrschend. Einige Gruppen (z.B. "Ginovci" aus Rokycany) verwenden oder verwendeten Blasinstrumente – hauptsächlich Blechblasinstrumente. Die Verbindung traditioneller Texte mit neu komponierten Melodien ist nicht ungewöhnlich. [Audio-Illustration 1: Kaskre ola duj chavore]

Die bedeutendsten Gruppen bestehen oft aus Mitgliedern der jungen Generation traditioneller Musikerfamilien (z.B. in Rokycany in den 1980er Jahren: "Ginovci", "Rytmus 84", "Cercen" [Audio-Illustration 2: Amen Roma sam] oder Vera Bílá mit der Gruppe "Kale"; in Náchod die Familiengruppe "Cilágos"; in Svitavy "Točkolotoč" oder "Terne chave" aus Hradec Králové).

Rompop-Elemente – manchmal mehr, manchmal weniger – finden sich in beinahe jeder Musik von Roma-Gruppen, einschließlich jener, die christliche Musik (vor allem Pfingstmusik) spielen, und auch jener Ensembles, die sich selbst als "traditionell" bezeichnen.

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Image Kaskre ola duj čhavore
Image Amen Roma sam