Davul-Zurna / Tapan-Zurla – Trommel-Schalmei

Das Zusammenspiel von großer Zylindertrommel und Trichteroboe (Türk.: davul-zurna; Mazed.: tapan-zurla) spielt bis heute eine wichtige Rolle in der brauch- und festgebundenen Volksmusik der Türkei und Südosteuropas (Mazedonien, Südserbien, Kosovo, Albanien, Bulgarien, griechisches Festland). Auch wenn in den letzten vier Jahrzehnten zunehmend andere, elektrisch verstärkte Musikgruppen (zum Tanz) aufspielen, ist dieses Instrumentenpaar in vielen Regionen noch immer ein unverzichtbares Element von Hochzeiten und anderen festlichen Anlässen, wie z.B. (religiösen oder weltlichen) Feiertagen, muslimischen Beschneidungsfesten, Jahrmärkten oder traditionellen Ringkämpfen.

Gespielt werden davul-zurna fast ausschließlich von Roma, die das Musizieren meist hauptberuflich, zumindest aber nebenberuflich ausüben (Roma als Berufsmusiker). Sie sind in der Regel männlichen Geschlechts und entstammen häufig Musikerfamilien, wobei die Kenntnis des Instrumentalspiels vom Vater zum Sohn weitergegeben wird. Meist gehören die Musiker bereits lange ansässigen (häufig muslimischen) Roma-Gruppen an, die am Rande der Dörfer oder in eigenen Stadtvierteln (Türk.: "mahalle"; Romani: e mahála) wohnen. In Griechenland werden diese Roma von der Bevölkerung – zur Unterscheidung von (früher) nomadischen Gruppen – Yiftoi genannt. Diese von Eyiftoi ("Ägypter") abgeleitete Bezeichnung (die freilich oft eine pejorative Konnotation hat) wird von den Griechen auch synonym für "Instrumentalist" ("organopaichtis") gebraucht.

Trommel-Schalmei werden nicht nur für die (Mehrheits-)Bevölkerung der jeweiligen Region (Türken, Griechen, Mazedonier, Albaner, Bulgaren u.a.) gespielt, sondern natürlich auch bei Festen und Bräuchen der Roma selbst. Bei Hochzeiten, Beschneidungen oder an Feiertagen (z.B. am herdelezi, St. Georgstag) erfüllen sie noch immer bedeutende Funktionen als Begleitung traditioneller Tänze oder von Bräuchen. So spielen tapan-zurla in der Šutka in Skopje und in anderen mazedonischen Roma-Siedlungen während des Hochzeitsumzugs auf der Straße und markieren wichtige rituelle Momente, wie die Hennafärbung von Haar, Händen und Füßen der Braut, oder auch die Ankunft eines neuen Gastes, die Schlachtung eines Lammes und die Begrüßung von Gästen am herdelezi (Silverman 2000). [Audio-Illustration: tapan-zurla] Erklingen bei den Sepečides (Korbflechtern) in Izmir (Türkei) am Morgen des dritten Hochzeitstages davul-zurna, gilt die Jungfräulichkeit der Braut als erwiesen. Aufgrund dieser Funktionen und nicht zuletzt wegen ihrer symbolischen Verknüpfung mit der Roma-Identität selbst koexistieren Trommel und Schalmei bis heute mit modernen Musikgruppen.

Davul-zurna werden üblicherweise im Freien gespielt, nicht zuletzt wegen des eindringlichen, "schrillen" Klangs der Oboe und der hohen Lautstärke des Ensembles.

Die zurna (Türk., Mazed., Serb.: "zurla"; "zurna"; Griech.: "zournas"; "karamouza"; Alban.: "surle"; Romani: e zurla; e zurna) ist eine Schalmei aus Holz, mit weit ausladender, trichterförmiger Stürze, einem Doppelrohrblattmundstück und meist sieben, mitunter sechs oder acht Grifflöchern sowie einem Daumenloch. An der Stelle, wo das Messingröhrchen mit dem Doppelrohrblatt im Holzrohr steckt, ist eine Lippenstütze (Scheibe aus Metall, notfalls Karton) angebracht. Sie erleichtert dem Spieler die Technik des "Zirkularatmens", die ein ununterbrochenes Spiel ermöglicht; hierbei werden die Backen zunächst mit Luft gefüllt und dann nur durch die Nase eingeatmet, während gleichzeitig vom Mund Luft herausgepresst wird. [Audio-Illustrationen: 2 surnāī und 2 Trommeln / 2 zurna und davul]

Die Trichteroboen sind (je nach Ländern und Regionen) von unterschiedlicher Länge, im Durchschnitt 30-45 cm und mitunter bis zu 60 cm lang. In Anatolien werden drei Größen unterschieden: die große, tiefe kaba zurna, die normale (orta) zurna (entspricht der mazedonischen "velika") sowie die kleine cura zurna (entspricht der mazedonischen "velika" und der griechischen "pipiza"). Das Spiel der zurna, von Felix Hoerburger (1966) in Anlehnung an die Jazz-Terminologie als "schmutziges" charakterisiert, zeichnet sich durch mikrotonische Abweichungen, virtuose Glissandi und Verzierungen aus (schnelle Triller und Nebennoten, Vibrato, das durch den Wechsel des Atmungsdruckes erzeugt wird; vgl. Rice 1982; Brandl 1996; Silverman 2000).

Die davul (Türk., Mazed., Serb.: "tapan", "tupan"; Serb.: "goč", "bubanj"; Griech.: "daouli"; Alban.: "lodrë", Romani: o davuli, o daúli) ist eine große Zylindertrommel aus Holz mit zwei mittels Reifen befestigten Membranen (aus Ziegen- oder Kalbshäuten) und W-förmiger Schnurspannung. Die Zargenhöhe ist meist etwas kleiner als der Felldurchmesser (z.B. 50:60 cm). Die Hauptakzente werden mit einem gekrümmten oder hakenförmigen Holzschlegel geschlagen, der türk. "tokmak" oder "çokmak", mazed. "mavalka", serb. "čukalka", alban. "macarung", "kukë" oder "topuz" heißt. Die leichten Zwischenschläge werden mit einem dünnen (Bambus-)Stäbchen (Türk.: "çubuk"; Mazed.: "prčka"; Serb.: "prutić"; Alban.: "thurbes") ausgeführt. Die Trommel hängt so über der Schulter, dass die Membran für die schweren Schläge nach oben gewendet ist und die rechte Hand mit dem Schlegel hoch ausholen und von schräg oben herabfallen kann; die andere Hand ruht dagegen auf dem Zargenrand und lässt die Schläge, durch die der Rhythmus unterteilt wird, auf dem Fell vibrieren.

In Mazedonien und in der Türkei ist der davulcu (Türk., "Trommler"; Mazed.: "tapandži") zumeist der führende Spieler, während der zurnacı (Türk., "Oboenspieler"; Mazed.: "zurladži") daneben stehend oder sitzend spielt. Der davulcu bewegt sich mit den Tänzern mit bzw. tanzt selbst im Kreis ihres Reigens, vollführt mitunter sogar artistische Kunststücke (schwingt z.B. die Trommel hoch über den Kopf oder schlägt ein Bein über sie). In Griechenland und in Albanien sind diese Rollen meist umgekehrt verteilt, hier ist der Oboenbläser der Hauptakteur, der mitunter ebenfalls Kunststücke vollführt, wie etwa ein volles Weinglas während des Spielens (mit Hilfe von etwas Klebstoff) auf seinem Instrument zu balancieren (Reinhard 2000; Hoerburger 1954, 1976, 1994).

Neben einfacher Besetzung der beiden Instrumente, wie es in vielen Gegenden der Türkei die Regel ist, werden häufig – in Griechenland und Mazedonien – auch zwei Schalmeien zur Trommel gespielt, wobei die zweite zurna das Melodiespiel der ersten mit dem Bordun (Halteton) bzw. Wechselbordun begleitet. [Audio-Illustration: 2 zurna und davul] Fallweise spielen beide Oboen in heterophonem Einklang, in Oktaven oder in parallelen Terzen. Zusätzlich zu Tanz- oder Liedmelodien spielt der führende zurna-Bläser freirhythmische melodische Improvisationen und metrische Variationen. Der Trommler improvisiert ebenfalls, wobei er auch die unterschiedlichen Klänge der beiden Membranen ausnützt (Rice 1982; Silverman 2000; Hoerburger 1986a, S. 238ff.; 1994). Mitunter spielen jeweils mehrere Trommeln und Oboen zusammen; so können die Ensembles im Kosovo, die mindestens aus vier Instrumentalisten bestehen, auf bis zu zehn Musiker anwachsen (Pettan 2002).

Der deutsche Musikforscher Felix Hoerburger (1954; 1966) vertrat die Theorie, dass es sich bei davul-zurna um ein genuines Ensemble der Roma handelt, das von ihnen aus Nordwestindien nach Europa mitgebracht wurde. Tatsächlich lässt sich das Instrumentenpaar erst mit dem Auftreten der Roma im Orient und am Balkan belegen (bildliche Darstellungen in mazedonischen Kirchen aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts – also vor der Ankunft der Osmanen in Europa – korrelieren mit ersten Erwähnungen von Roma am Südbalkan; Hoerburger 1954, S. 24ff.).

Darüber hinaus lassen sich sowohl die Instrumente selbst als z.T. auch ihre Bezeichnungen über den Nahen Osten bis nach Indien verfolgen. In Afghanistan und im Iran heißen Trommel und Oboe dohol oder dhol und sornā oder surnai, in Pakistan und Rajasthan ḍholak oder ḍhol und surnā, surnāī oder śahnāī. Das Instrumentenpaar ist außerdem in Nordafrika und – in abgewandelter Form – in Westafrika und Ostasien (China, Malaysia) zu finden, wobei seine Verbreitung parallel mit jener des Islam zu verlaufen scheint (Hoerburger 1986b, S. 253). Ab Ostafghanistan und Pakistan sind die Trommeln meist nicht zylindrisch, sondern fassförmig; von Indien bis Ostasien ist die Schalmei nicht ein konisch gebohrtes Instrument aus einem Stück Holz, vielmehr ist am Rohr eine trichterförmige Stürze aus Metall aufgesetzt.

In dem weiten Verbreitungsgebiet von Trommel und Schalmei sind eigentümliche überregionale Gemeinsamkeiten festzustellen: Es ist dies einerseits ihre Funktion bei festlichen Anlässen, vor allem der Hochzeit, und andererseits der Umstand, dass sie üblicherweise von Berufsmusikern gespielt werden, die zumeist den untersten sozialen Schichten angehören. In Pakistan und Nordindien, z.T. auch in Afghanistan, gehören die Trommel-Oboen-Spieler ethnischen Gruppen (oder Kasten) an, die Ḍom, auch Mīrāsī oder Bericho, genannt werden.

Literatur

Brandl, Rudolf M. (2000) Die "Yiftoi" und die Musik in Griechenland – Rolle und Funktion. In: Baumann, Max Peter (ed.) Music, Language and Literature of the Roma and Sinti (= Intercultural Music Studies 11). Berlin, pp. 195-224.
Bryant, Wanda (1991) Musical Change in Turkish Zurna Music. In: Pacific Review of Ethnomusicology 6, pp. 1-34.
Hoerburger, Felix (1954) Der Tanz mit der Trommel (= Quellen und Forschungen zur musikalischen Folklore 2). Regensburg.
Hoerburger, Felix (1966) Musica Vulgaris. Lebensgesetze der instrumentalen Volksmusik (= Erlangener Forschungen. Reihe A: Geisteswissenschaften 19). Erlangen.
Hoerburger, Felix (1976) Die Zournâs-Musik in Griechenland. Verbreitung und Erhaltungszustand. In: Reinhard, Kurt (ed.) Studien zur Musik Südost-Europas (= Beiträge zur Ethnomusikologie 4). Hamburg, pp. 28-48.
Hoerburger, Felix (1986a) Zur weltweiten Verbreitung der orientalischen Volksoboe. In: Eichiner, Hans / Emmerig, Thomas (eds.) Volksmusikforschung, Aufsätze und Vorträge 1953-1984 über Volkstanz und instrumentale Volksmusik. Laaber, pp. 250-259.
Hoerburger, Felix (1986b) Beobachtungen zur Improvisationspraxis der Zurna-Spieler. In: Eichiner, Hans / Emmerig, Thomas (eds.) Volksmusikforschung, Aufsätze und Vorträge 1953-1984 über Volkstanz und instrumentale Volksmusik. Laaber, pp. 239-249.
Hoerburger, Felix (1994) Valle popullore. Tanz und Tanzmusik der Albaner im Kosovo und in Makedonien (hrsg. von Thomas Emmerig unter Mitarbeit von Adelheid Feilcke-Tiemann uund Bernd Reuer). Frankfurt a.M. u.a.
Pettan, Svanibor (2002) Rom Musicians in Kosovo. Interaction and Creativity (= Gypsy Folk Music of Europe 5), Budapest.
Peycheva, Lozanka / Dimov, Ventsislav (2002) The Zurna Tradition in Southwest Bulgaria. Romani Musicians in Practice. (Bulgarian Musicology – Researches), Sofia.
Picken, Laurence (1975) Folk Musical Instruments of Turkey. London.
Reinhard, Kurt / Reinhard, Ursula (1984) Musik der Türkei. Band 2: Die Volksmusik, Wilhelmshaven.
Reinhard, Ursula (2000) Grenzstile der Roma-Musik zwischen Orient und Okzident. In: Baumann, Max Peter (ed.) Music, Language and Literature of the Roma and Sinti (= Intercultural Music Studies 11). Berlin, pp. 225-245.
Rice, Timothy (1982) The surla and tapan Tradition in Yugoslav Macedonia. In: The Galpin Society Journal 35/3, pp. 123-137.
Sadie, Stanley (ed.) (1984) The New Grove Dictionary of Musical Instruments. London.
Sadie, Stanley / Tyrrell, John (eds.) (2001) The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2nd edition. London.
Silverman, Carol (2000) Music and Power. Gender and Performance among Roma (Gypsies) of Skopje, Macedonia, In: Baumann, Max Peter (ed.) Music, Language and Literature of the Roma and Sinti (= Intercultural Music Studies 11). Berlin, pp. 247-262.

Tonträger

Dietrich, Wolf (ed.) (1996) Gypsy music of Macedonia and neighbouring countries. Collected in the field by Wolf Dietrich (TSCD914).

Video

Brandl, Rudolf M. (2000) Zournas und Daouli – Umzug am Heiligen Abend im Bazar von Thessaloniki (Live-Aufnahme am 24.12.1999), RMB Video, Orbis Musicarum, Live Recordings from the Phonogrammarchiv of Göttingen University, OM 23. ISBN 3-927636-65-7 (8,5 min). Göttingen.
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Image tapan-zurla
Image 2 surnāī und 2 Trommeln
Image 2 zurna und davul
Çırpıköy (Türkei), 2003
Dolno (Bulgarien)