Jánoš Bihari

"Bihari ist der herausragendste ungarische Musiker und der größte Musikkünstler der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Durch seine Interpretation wurde "verbuňk" zu einer wahren Kunst, die im höchsten Maß für die ungarische Volksmusik steht." (Ervin Major)

Jánoš Bihari war ein Rom – ein "Zigeuner". Im neunzehnten Jahrhundert wurde "Zigeunermusik" so modern, dass die Anzahl der "Zigeunerbands" nicht mehr ausreichte, um die Nachfrage der Besitzer von Weintavernen und Restaurants befriedigen zu können. Dennoch hat Biharis Biograph Ervin Major über ihn geschrieben, als ob er ein ungarischer Musiker wäre. Und das war durchaus typisch.

Typisch war, dass der gute Ruf der "Zigeunermusik" den Terminus "Zigeuner" nicht vom stereotypen Zerrbild [Stereotype und Folklorisierung] befreien konnte, das in der Vorstellung der Gadže (Nicht-Roma), ein "Zigeuner" sei ein Vagabund, Landstreicher, Bettler, Dieb usw., verankert war. War ein Rom weder ein Vagabund noch ein Landstreicher und auch kein Dieb oder übertrafen seine Fähigkeiten außerhalb der Roma-Gesellschaft in irgendeiner Form die Erwartungen der Menschen, konnte er also kein richtiger "Zigeuner" sein. Seine Stellung wurde auf die eines "Ungarn", "Slowaken" oder "Spaniers" gehoben. Oder er galt ehrenhalber als Gadžo.

Auch Kaiserin Maria-Theresia stimmte mit dieser Ansicht überein und erließ im Jahr 1761 eine offizielle Bezeichnung für "Zigeuner": "Új magyár" ("Neu-Ungar"). [Maria-Theresia und Joseph II.] Sogar noch im Jahr 1967 wurden bei der EXPO in Montreal Produkte von Roma-Kunstschmieden aus Podunajské Biskupice (in der Nähe von Bratislava) als "slowakische Volkskunst" ausgestellt.

Das verzerrte Bild vom "Zigeuner", das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, hat zweifelsohne dazu geführt, dass die Roma-Herkunft von sicherlich nicht wenigen herausragenden historischen Persönlichkeiten der Aufmerksamkeit entgangen ist. Dies unterstützte noch die Tatsache, dass das negative stereotype Bild des "Zigeuners" weiterlebte und sich noch fester verankerte – ein Teufelskreis von Ursache und Wirkung.

Von Jánoš Bihari wissen wir, dass er von den "Zigeunern" abstammt, wenngleich er als "ungarischer Musiker" bekannt ist. Über ihn wissen wir in dieser Hinsicht genau Bescheid, weil "Zigeunermusik" im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte in Ungarn dermaßen an Prestige gewonnen hat, dass es schließlich sogar für Nicht-Roma-Musiker als Ehre galt, Teil einer "Zigeunerband" zu sein. In den 1970er Jahren gab es in Budapest immer noch mehr als hundert "Zigeunerbands".

Trotz der Biographien von Gábor Mátray und später Ervin Major wissen wir nicht viel über das Leben von Jánoš Bihari – vor allem nicht über sein persönliches Leben und sein Familienleben. Als Musikhistoriker waren sie natürlich vor allem an seinem Leben als Musiker interessiert.

Jánoš Bihari wurde am 21. Oktober 1764 in Nagyabonyi (Ungarn) geboren. Er starb am 26. April 1825 in Budapest. Wahrscheinlich ist er in den Jahren 1801 oder 1802 nach Budapest gezogen. Im Jahr 1853 schrieb Gábor Mátray:

"Bihari kam nach Pest, der größten und bevölkerungsreichsten Stadt unseres Landes, um Erfahrungen zu sammeln und jede sich bietende Gelegenheit zu nützen, um sein musikalisches Wissen zu erweitern und sein Talent als Geigenspieler zu perfektionieren. Sein Bekanntheitsgrad wurde immer größer und die Musik liebende Öffentlichkeit schenkte ihm ihre volle Aufmerksamkeit. Da er als der talentierteste Volksmusiker Budapests und eigentlich des ganzen Landes galt, wurde er eingeladen, bei einer Vielzahl öffentlicher und privater Feierlichkeiten aufzutreten. Bis 1925 – also kurz vor seinem Tod – spielte er in Buda bei vornehmen Banketten, er trat in Bratislava im Rahmen der Krönungsfeierlichkeiten auf, er begleitet das Hofzeremoniell und spielte für die Landstände. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. galt Bihari als der Interpret ungarischer Musik. Er wurde sogar nach Wien eingeladen, um die Zeremonien und Bankette am kaiserlichen Hof musikalisch zu umrahmen. Bihari und seine Band traten üblicherweise jedes Jahr in Wien, der kaiserlichen Metropole, auf."

Als am 18. Oktober 1814 eine prachtvolle Prozession veranstaltet wurde, um die siegreiche Schlacht gegen Napoleon in Leipzig zu feiern, nahm daran auch Biharis Band teil. Sie spielte sogar für den Wiener Kongress. Zu jener Zeit verbrachten Bihari und seine Band beinahe ein ganzes Jahr in Wien. Bihari wurde die größtmögliche Auszeichnung zuteil: Er wurde eingeladen, am kaiserlichen Hof zu spielen.

"Als Kateřina Pavlovna, die Prinzessin von Oldenburg, am 1. Juni 1815 einen Empfang zu Ehren ihrer Schwester, der Gattin des Kronprinzen Joseph, auf der Margareteninsel in der Donau, zwischen Buda und Pest, gab, zeichneten sich Bihari und seine Kameraden als Interpreten ungarischer Musik aus."

Obwohl Biharis Band einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte, wurden drei der Mitglieder zur Armee einberufen. Bihari wandte sich an das Gericht und ersuchte um ihre Freistellung: "Trotz körperlicher Mühen haben meine Kameraden und ich versucht, die Öffentlichkeit mit unserer Musik zu erfreuen; seit jedoch Hauptmann Miller meine besten Musiker genommen hat, kann ich meine Dienste zu Ehren dieses Landes nicht mehr ausführen (…)."

Biharis Petition wurde abgelehnt. Nichtsdestotrotz spielte er im Jahr 1820 wieder bei Feierlichkeiten und begleitete ein Manöver der Armee. Er traf nicht nur auf ungarische Adelige, sondern auch auf prominente ausländische Gäste. Das erlesene Publikum erfreute sich an traditioneller nationaler ungarischer "hijink", während der zum Beispiel wilde Pferde und Stiere gebändigt wurden. Die Gäste konnten es sich kaum erlauben, dabei die Vertreter ungarischer Kultur zu versäumen, d.h. "Zigeunermusiker": die Jánoš Bihari-Band. In den Zeitungsmeldungen jener Zeit konnte man lesen:

"Unser gefeierter Violinist Bihari spielte so wunderbar auf ungarische Art, dass sogar jene, die ihn nicht schon davor gekannt hatten, seiner meisterhaften Kunst mit Freude lauschten. Der englische Prinz war höchst überrascht, als Bihari "Marlborough" zu singen begann. Der Prinz und seine vierköpfige Begleitung waren so bewegt, dass sie innerhalb kürzester Zeit begannen, vergnügt mitzusingen."

Einer von Biharis Bewunderern war Franz Liszt, der über ihn schrieb: "Die süßesten Töne, die aus seiner magischen Violine kamen, fielen wie Tropfen eines Nektars auf unsere verzauberten Ohren." ("Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn")

In anderen Kapiteln desselben Buches schrieb Liszt:

"Obwohl sein [Biharis] Spiel von einem Leuchten erfüllt ist, das nötig ist, um die ungarische Öffentlichkeit anzuziehen, war es nicht mit überflüssigen, unbedeutenden Verzierungen überladen. (...) Bihari hat die angeborene Fähigkeit der Zigeuner, offensichtlich miteinander unvereinbare Elemente anzupassen und zu vereinen. (...)"

Von Liszt erfahren wir, dass Jánoš Bihari und seine Band nicht nur ungarische Tänze spielten, sondern auch "Kalamajkas" (traditionelle tschechische Volkstänze), "Quadrillen", schottische Tänze, "Allemandes" (deutsche Volkstänze), französische Tänze, Menuette etc.

Bihari liebte es am meisten, Kompositionen von Csermák oder Lavota und natürlich auch seine eigenen Stücke zu spielen. Die bekanntesten davon sind "Wiegenlied", "Requiem für einen Sohn" oder "Verbuňks" wie "Sechs Säbelhiebe", "Wenn das Geld ausgeht", "Hundert Männer" und eine Reihe an Krönungsliedern. Da der berühmte Violinist und Bandleader Bihari die Notenschrift nicht beherrschte, konnte er seine Kompositionen auch nicht zu Papier bringen. Die meisten waren nur Geschenke des Augenblicks für jene, die das Glück hatten, sie zu hören. Andere Musiker, die mit der Notenschrift vertraut waren, schrieben jedoch manches Werk Biharis auf. Und dennoch bestand zwischen den starren Aufzeichnungen und den herausragenden Darbietungen von Bihari – natürlich – ein enormer Unterschied. Deshalb eröffnet sich die wahre Qualität seiner Musik nur jenen Menschen, sie selbst über musikalische Fantasie und einen Funken an Genialität verfügen.

Wie war nun das äußere Erscheinungsbild dieses musikalischen Roma-Genies? Liszt beschrieb ihn auf Grund der Information, die er von Mátray erhalten hatte, folgendermaßen:

"Bihari war von groß gewachsener, robuster Statur (…). Starke, alkoholreiche Getränke mochte Bihari nicht; er ging nur ins Gasthaus, um die Gefühle seine Freunde nicht zu verletzen. Diese Disziplin, die er sich selbst abverlangte, erwartete er auch von seinen Bandmitgliedern. Bihari und seine Band trugen volkstümliche Kostüme, die ihnen Oberst Karel Kubinyi zur Verfügung stellte. Das Kostüm bestand aus dunkelblauen Hosen im ungarischen Stil, verziert mit schwarzen Streifen und Fransen sowie so genannten roten "Dolmans" (festliche Mäntel des ungarischen Militärs oder Adels, verziert und geschmückt mit Kordeln), deren Ärmel Aufsetzer aus Schafleder trugen. Ihre Mützen bestanden aus Otter-Fell, waren mit weißen Federn versehen und wurden "Kalpaks" genannt. Zur Hervorhebung der Rolle Biharis, waren auf seinem Kostüm goldene Fransen aufgenäht."

Es wird erzählt, dass Bihari, als er vom österreichischen Kaiser hätte ausgezeichnet werden sollen, diese Ehre nur anzunehmen bereit war, wenn man ihm versicherte, dass auch seine Bandmitglieder ausgezeichnet werden würden.

Nach Gábor Mátray besuchten Jánoš Bihari und seine Band alle größeren Städte der österreichischen Monarchie. Sie traten in Ungarn, Siebenbürgen, Kroatien und der Slowakei auf.

Am 4. Dezember 1824 wurde Bihari eingeladen, bei der Angelobungsfeier der neuen Beamten des Stadtrates von Eger zu spielen. Auf seinem Weg nach Hause überschlug sich seine Kutsche und zertrümmerte Biharis linke Hand. Trotz aller Bemühungen des Arztes Dr. Stáhl aus Györ blieb seine Hand beeinträchtigt. Dennoch trat Bihari weiterhin auf. Er spielte im Jahr 1825 sogar vor dem Regionalrat in Preßburg (Bratislava), trat aber nie mehr als Bandleader in Erscheinung. Diese Rolle wurde von Jánoš Šarkösi übernommen.

Jánoš Bihari scheint am Höhepunkt seiner Karriere das Leben eines Edelmannes geführt zu haben. Wenn er in auswärtigen Städten spielte, übernachtete er in Luxushotels und sein livrierter Diener trug die Violine für ihn. Dennoch scheint er in Armut gestorben zu sein, wie dies bei so vielen anderen berühmten Persönlichkeiten auch der Fall ist. In einem Porträt des berühmten ungarischen Künstlers Jánoš Donát wird Bihari für alle Zeit als aristokratischer, schöner Mann mit dunkler Hautfarbe und stechenden Augen in herrschaftlichem Volksgewand mit goldenen Verzierungen dargestellt sein.

Was all jene, die zumindest ein wenig über "Zigeunermusik" wissen, nie vergessen werden, ist seine legendäre geniale Virtuosität, seine Töne von unbeschreiblicher Magie, die so typisch für Zigeunermusik ist. Und auch jene, die ihn als "Ungarn", als "ungarischen Musiker" und als herausragendsten Interpreten "ungarischer Volksmusik" charakterisiert haben, sind möglicherweise doch zur Überzeugung gelangt, dass in seiner unerreichbaren Kunst auch sein "Zigeunersein" – seine romipen – enthalten ist.

Literatur

Liszt, Franz (1883) Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn. Leipzig.
Major, Ervin (1928) Bihari János. Budapest.
Mátray, Gábor (1853) Bihari János magyar népzenész. In: Kubinyi, Ferenc / Vahot, Imre (eds.) Magyarország és Erdély képekben II. Pest, pp. 156-161.
Sárosi, Bálint (1996) János Bihari: Zigeunerprimas und Verbunkoskomponist – Zum gegenwärtigen Stand der Forschung. In: Awosusi, Anita (ed.) Die Musik der Sinti und Roma. Bd. 1. Die ungarische "Zigeunermusik" (= Schriftenreihe des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma 5), Heidelberg, pp. 57-79.
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Jánoš Bihari (1764-1825)