Django Reinhardt

Es ist der 1. November 1928, Allerheiligen, spät am Abend. Die Familie Reinhardt teilt den Feiertag mit den Seelen der Verstorbenen, vor allem mit einem jungen, unlängst Gestorbenen, für den im ganzen Wohnwagen Kunstblumen hergerichtet sind. Der junge Django Reinhardt kehrt gerade von einem Konzert nach Hause, höchstwahrscheinlich beschäftigt ihn immer noch das Angebot des englischen Meisters des symphonischen Jazz, Jack Hylton, zu ihm nach London zu ziehen und in seinem Orchester zu spielen. Das Schicksal wendet sich jedoch in die umgekehrte Richtung.

Neben der Innenbeleuchtung zündet er auch den hergerichteten Blumenschmuck an, sofort fängt der ganze Wohnwagen Feuer, und die Familie ist froh, dass sie mit dem bloßen Leben davonkommt. Für den jungen, hoffnungsverheißenden Musiker hat der Vorfall die Dimension einer Katastrophe. Sein linkes Bein ist schwer verbrannt, es muss später operiert werden, aber vor allem verlieren zwei Finger seiner linken Hand ihre Funktion, was für einen Goldschmied oder zum Beispiel für einen Musiker den Verlust seiner Existenzgrundlage bedeutet.

Aber nicht so für Django Reinhardt. Die fanatische Liebe zur Musik hat in ihm schon Wurzeln geschlagen, und ein Geschenk in Form einer eigenen Gitarre, die seine Therapie fördern soll, bringt sie voll zum Ausbruch. Der innere Zwang, sich mittels Musik auszudrücken, erschließt sich seinen Weg auch so, und Django kehrt binnen eineinhalb Jahren in seiner ganzen Virtuosität zurück, zusätzlich ausgerüstet mit eigenständigen Ausdrucksmitteln. Seine neue Technik weckt bei ganzen Generationen von Gitarristen und Musikforschern Erstaunen und Neugier. Die Rolle dieser Verunstaltung seiner linken Hand bei der Gründung dieser bis heute – hauptsächlich unter Roma – bedeutenden Gitarrenschule lässt sich schwer abschätzen.

Für seinen stark ausgeprägten solistischen Charakter findet man schon aus der Zeit vor dem Unfall Belege, man hört ihn bei jeder seiner Aufnahmen heraus. Er ordnet sich keinem modischen Stil unter, wie sie gerade aus den Musikboxen oder Bars tönen, verliert dabei aber keinesfalls die Fähigkeit der Konsonanz im Team. Der berühmte amerikanische Jazzsaxofonist Benny Carter hat einmal über ihn gesagt, er sei unfähig, falsch zu spielen. Ganz allgemein ist Amerika von ihm verzückt, sein Jazzquintett stellt zu dieser Zeit die einzige Gruppierung des alten Kontinents dar, die der Sender CBS in seiner Dokumentarserie über den Jazz präsentiert. Manche betrachten ihn als den ersten europäischen Jazzmann mit überregionaler Bedeutung.

Außergewöhnlich ist auch die Besetzung von Djangos eigentlichem Ensemble, des "Quintette du Hot Club de France". Die Geige stellt ein für die Zeit des Quintetts recht ungewöhnliches Jazzinstrument dar, und in der Kombination mit der Gitarre ist sie praktisch einzigartig, desgleichen die Abwesenheit jeglichen Schlagzeugs, das als zu monoton abgelehnt wird. Dies störe auch dadurch, dass es gewöhnlich die ganze Zeit durch gespielt werde. Auch die besten Schlagzeuger der damaligen Szene konnten diese konzeptionellen Vorbehalte nicht ausräumen. Den melodischen Schwerpunkt, der bei vielen Ensembles von Trompete oder Saxofon gebildet wird, muss der Einfallsreichtum der genialen Solisten Django Reinhardt an der Gitarre und Stéphane Grappelli an der Geige ersetzen.

Wenn er sich nach dem Krieg nicht für die außerhalb des besetzten Frankreichs entstandenen neuen Jazzstile faszinieren kann, ist dies keinesfalls ein Zeichen seiner ausklingenden Kreativität. Das kann man klar daran sehen, wie er begeistert und gekonnt die E-Gitarre aufgreift. Sein musikalisches Genie wird endgültig offenbar, wenn er noch Anfang der fünfziger Jahre nach einer längeren Abwesenheit vom musikalischen Geschehen problemlos über jüngere Mitspieler Oberwasser gewinnt, indem er blitzschnell eine schnelle Passage oder zwanglos eine hoch komplexe Harmonie herunterspielt, bei der keiner der Anwesenden mitkommt.

Den gemeinsamen Nenner seines exzentrischen Auftretens im täglichen Leben und seiner Kreativität in der Musik könnte man in seiner Unfähigkeit erblicken, das zu erkennen, was man macht, was sich gehört, wie man spielt, kurz und gut, was normal ist. Die gesellschaftlichen Grenzen hat er offensichtlich nie absichtlich überschritten, er hat sie nur schlichtweg gar nicht wahrgenommen. Nur so konnte er das Unspielbare spielen.

Django, der Musiker und Künstler

Für einen Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung Europas ist Djangos Weg zur Musik ungewöhnlich, für viele Mitglieder der Minderheit der Roma ist er jedoch beinahe unumgänglich. Für diese gehört es doch oft zur Familientradition, für Geld, ein Abendessen, einen Korb voller Lebensmittel, für Alkohol oder Tabak für die Gadže zu spielen, d. h. für die Nicht-Roma, seien es gerade Franzosen, Belgier oder Deutsche. Auch in der Unterrichtsmethode unterschied er sich. Django stand niemals vor einem Notenständer und hat eine Etüde nach der anderen heruntergespielt, das Spiel hat er von klein auf immer gewissermaßen nebenbei durch Abhören und Wiederholen erfasst, bald auch beim Einspringen für Verwandte bei Aufführungen.

Seine Ausbildung bekommt er aber nicht einfach umsonst, nur so durch seine Herkunft. Den Drill erlegt er sich selbst auf, indem er Schritt halten, sich nicht blamieren will, indem er sich beweisen will. Seine Virtuosität fällt ihm so zum Großteil sicher nicht aus seiner ethnischen Herkunft in den Schoß, sondern entspringt starkem Willen und unermüdlicher und harter Arbeit mit dem Instrument. Im Erwachsenenalter kehrt sich dies dann um, als er als Inspiration für seine nächsten Verwandten dient, z. B. für den Bruder Joseph, die Cousins Eugene Vées und Joseph "Piton" Reinhardt, die ihn dann häufig ohne Schaden für die Zuschauer vertreten.

Der junge Django fädelt sich in die im Paris der Zwanziger lebendige Tanzszene ein. Er engagiert sich vor allem beim valse manouche, sozusagen dem "Zigeunerwalzer", bei den so genannten "Musette-Bällen", später dann noch bei Onestep und Foxtrott. Seine Fertigkeiten beim Geigenspiel, später dann auf dem Banjo, muss er nirgends mehr unter Beweis stellen, ein Verweis auf den ersten Platz bei verschiedenen Musikwettbewerben reicht vollauf. Zu der Zeit kommt die Gitarre auf, welche auch für ihn zwanglos an das Banjo anknüpft. Zur Abwechslung fertigt er kleine, naturgetreue Modelle von Wohnwägen an.

Die Familie Reinhardt hat bei ihren Parisbesuchen, anscheinend mit anderen Familien zusammen, in bestimmten Vierteln, "Zones", am Rande des Stadtkerns Station gemacht, wie z. B. am Porte d'Italie oder Porte de Clichy, alles unwirtliches Niemandsland mit Kohlelagern, Holzhütten und eben den Wohnwägen der Manouche. [Untergruppen der Roma]

In der Zeit nach dem Unfall kommt der Jazz auf. Der Pariser Club "Hot Club de France" bietet ihm unter Vermittlung des Malers Émile Savitry ein Engagement bei Aufnahmen bei der Firma Ultraphone an, später dann auch die Teilnahme am Abendprogramm. Dort intensiviert er die musikalische Beziehung zum Geiger und Autodidakten Stéphane Grappelli, dessen Einfluss auf Django Reinhardt kaum zu überschätzen ist. Das Zusammenspiel mit dem akademisch ausgebildeten Talent ist für ihn eine ungeahnte Herausforderung. Sie beschnuppern sich beim Spielen von Begleitmusik zu Stummfilmen, aber der Jazz lässt nun auch Grappelli nicht mehr los, der sich deswegen ein Grammophon gekauft hat und angefangen hat, ihn auf dem Klavier zu üben.

Reinhardt und Grappelli, mündliche Überlieferung und Konservatoriumsausbildung, der Großspurige und der Höfische, und dazu vor allem die innere Spannung zwischen den beiden Vollblutjazzern bilden den Kern des berühmten "Quintette du Hot Club de France". Der damalige Geschäftsführers des Clubs, Charles Delauney, stellte 1934 die erste Version des Quintetts zusammen. Die meiste Zeit traten sie gemeinsam mit dem Bassgitarristen Louis Vola, ursprünglich Akkordeonspieler, den Gitarristen Roger Chaput und Joseph Reinhardt, Djangos Bruder, auf, solange nicht einer von ihnen von hochrangigen Gitarristen wie Baro Ferret ersetzt wurde.

Eine Jazzsession wird wie ein gewöhnliches Konzert von einem Grundstock an mitgebrachtem Themenrepertoire genährt, das aber nur noch die gemeinsamen Sprachelemente zur Verständigung der Musiker liefert. Auf einer solchen Basis können sie dann durchaus eine vierzigminütige Improvisation über das der Komposition zu Grunde liegende Thema spielen. Diese Absprache arbeitet auch über Sprachgrenzen hinweg, der Besuch eines amerikanischen Jazzspielers stellt überhaupt kein Hindernis dar. Darüber hinaus loben alle das gewandte Einfühlungsvermögen von Django Reinhardt; man merkt schnell, dass es keinen Anlass dazu gibt, ein öffentliches Konzert ohne vorhergehende Proben zu scheuen, da sich gleich zu Anfang der Einklang der Musikerseelen einstellt. Auf einer gewissen Ebene fühlt sich Django im Einklang mit Johann Sebastian Bach, der sich von ihm nur dadurch unterscheidet, dass er seine Einfälle zu Papier brachte.

Dank seiner Reputation suchen sich mit der Zeit Django Reinhardt und die Größen der amerikanischen Jazzszene Louis Armstrong, Eddie Smith, Coleman Hawkins, Benny Carter oder Duke Ellington auf ihren Konzerttourneen durch Europa oder Amerika gegenseitig auf. Bei den gemeinsamen Sessions im Studio oder im Saal entstehen einzigartige künstlerische Werke. Dabei stört nicht einmal die Tatsache, dass der Bohemien Django seine Gitarre zu Hause in Europa lässt, im Glauben, dass man doch dort eine für ihn finden müsste. Es fand sich eine, aber nur eine elektrische.

Zur Kriegszeit entwickelt er ein vielseitiges künstlerisches Schaffen. Er spielt selten im Studio ein, aber abends herrscht um Anstellungen keine Not, da der Jazz als eine Protestform gegen das Okkupantenregime wahrgenommen wird. Er gründet einen eigenen Club, "La Roulette", später "Chez Django Reinhardt" genannt. Er macht Tourneen nach Belgien, in die nicht okkupierte Provence, nach Algerien. Sein Traum von einem eigenen Jazzorchester – "Django’s Music" – erfüllt sich. Dessen Mitglieder haben leider keine feste Anstellung, und gehen mit dem Kriegsende wieder eigene Wege. Er komponiert auf Grundlage von Texten des Dichters Jean Cocteau die Oper "Le manoir de mes reves", die er jedoch nie zur Aufführung bringt. Er beeindruckt die Fachöffentlichkeit aber mit seiner Orgelmesse, die er 1944 zu Ehren der Pilgerstätte der französischen Roma, der Manouche, im Rivieradorf St.-Maries-de-la-Mer komponiert.

Nach dem Krieg möchte er das berühmte Quintett wieder beleben, aber es gelingt weder mit dem ursprünglichen Geigenspieler Grappelli noch mit seinem neu gewonnenen Musikerfreund, dem begabten Klarinettisten Hubert Rostaing. Auch der neue, außerhalb der deutschen Okkupationsgebiete entstandene Jazz ist nicht ganz nach seinem Geschmack. Als ob sich zwischen beiden Seiten der Kriegsfront eine unüberwindliche Mauer gebildet hätte. Die Zeit ist auch nicht mehr so dem Jazz zugeneigt, nicht einmal die berühmten Jazzensembles der Vorkriegszeit tun sich mit Engagements leicht. In begrenztem Maße lässt sich Django vom Bebop beeinflussen, die größere Inspiration bezieht er aber eindeutig aus der E-Gitarre, die ihm neuen Raum zum Entdecken liefert.

Zur selben Zeit entdeckt er für sich eine neue Leidenschaft, die ihn mit seinem Bruder Joseph, dem Mitspieler Roger Chaput und seinem Freund Amédée Pianfetti zusammenbringt: das Malen, und zwar hauptsächlich Landschaften und – für einen Rom ungewöhnlich – nackte Frauen. Das Landschaftsmotiv entspringt seiner Liebe zur Natur. Sein Interesse entflammt so weit, dass manche Besucher seine Gitarre mit einer dicken Staubschicht bedeckt vorfinden, und Journalisten speist er mit der lakonischen Bemerkung ab, sie mögen nicht über Musik sprechen, da er male. Dennoch spielt er immer weiter, zur Abwechslung Klavier.

Django, der Rom

Wie sehr sich Django auch unter Nicht-Roma bewegt, sich in teuren Hotels oder gar direkt auf den Champs Elysées einquartiert hat, so kehrte er doch dann wieder in den Wohnwagen zurück, kurzum, er bleibt nach wie vor ein Angehöriger der Roma, oder, wie sich die Gruppe selbst nennt, der Manouche. Diese Bezeichnung hat in vielen Roma-Dialekten die Bedeutung "Mensch", und ihre Mitglieder sind enge Verwandte der Sinti. Beide Gruppen haben erhebliche Unterschiede den anderen Roma-Gruppierungen gegenüber gemeinsam, aber hinsichtlich der häufig einheitlichen Kultur, Sprache (Romanes), Tradition, Werteskala und oft auch Berufsbestimmung bilden sie ein gemeinsames Ganzes, das auf dem europäischen Kontinent schon Jahrhunderte lang heimisch ist.

Die Manouche besiedeln vor allem die französischsprachigen und die angrenzenden flämisch-niederländischen Gebiete, d. h. Frankreich, Belgien und die Niederlande. Im Unterschied zu den sonstigen Roma-Gruppen findet man unter ihnen noch einen erheblichen Anteil an Fahrenden, vor allem heutzutage, nachdem ihre ebenfalls wandernden Sinti-"Brüder" beinahe gänzlich ermordet worden waren und die Länder im kommunistischen Mittel- und Osteuropa das Umherziehen mit brutalen Repressalien praktisch total unterbunden hatten.

Die Einflussrichtung zwischen der "bloßen" Interpretation der "weißen" Musik durch Roma-Musiker auf der einen Seite und der Inspirationskraft der Spielweise der Roma auf die Nicht-Roma-Komponisten auf der anderen lässt sich nur schwerlich festlegen. Einen derartigen Einfluss hatten Roma-Musiker aus Rumänien und Ungarn auf Komponisten der österreichisch-ungarischen Monarchie des 19. Jahrhunderts, wie z. B. Liszt und Haydn. [Die Musik der Roma in Ungarn] Roma aus ebendieser Gegend, die sich im Paris der zwanziger Jahre aufhielten – ganz andere als die Manouche –, trugen nun diese Musik wiederum auf ihre Weise vor. Doch nicht nur unter den neu Zugewanderten, auch bei den schon lange in Frankreich heimischen Manouche findet diese Musikrichtung Gefallen. Pioniere dieser Musik waren Gusti Malha und Mattéo Garcia, beide Angehörigen der Calé (Kalé), d. h. der "spanischen Roma". Als Beispiel für Musikerfamilien der Manouche, in deren Repertoire man den valse manoushe findet, seien die Familie Django Reinhardts, die Familie Vées, Verwandte der Reinhardts, und die Familie Ferret genannt, der Django einen treuen Mitspieler im "Quintette du Hot Club de France" verdankt, Baro Ferret.

Besonders paradox mutet es an, wenn man von Django als einem der ersten wirklich erfolgreichen weißen Jazzmusiker spricht, und sich dabei seine Herkunft vor Augen führt, so wie so manches "typische" Museumsexponat im Heimatmuseum in Wirklichkeit aus einer Roma-Hand kommt.

Er selbst hat anscheinend seiner Herkunft keine Bedeutung beigemessen. Auf der Tournee, in der Pause, beim Billard dürfte er Franzose gewesen sein. Unterhielt er sich zu Hause mit seinen Eltern oder geriet er mit seinem Französisch in Schwierigkeiten, wenn er mit Intellektuellen sprach, dann könnte er sich als Rom gefühlt haben. Und wenn er in der linken Hand den Gitarrenhals und in der rechten das Plektrum hielt?

Die Persönlichkeit Djangos

Die Eigenschaften, die ihm im öffentlichen Leben Lorbeeren eintrugen, im Privatleben hat sie manch einer verflucht. Der Lebensstil eines Bohemien gehört gewissermaßen zum Künstlerdasein dazu, dazu musste er kein Rom sein. Improvisation ist dennoch schwierig für die, die an feste Regeln gewöhnt sind. Für Zuhörer, Mitspieler, Organisatoren – sei es im kleinen abgelegenen Club oder in der berühmten Carnegie Hall in New York –, die ihn um acht zum Konzert erwarten, und er erscheint um neun. Oder an seiner Stelle kommt ein angeblicher Cousin. Oder er kommt tatsächlich, um kurz darauf wieder von der Bühne zu verschwinden. Zum Kartenspiel, zu seinen Freunden, zum Musizieren. Wer Django Reinhardt hören wolle, so Hubert Rostaing, solle sich nach dem Konzert auf die andere Straßenseite begeben, dort könne man ihn hören. Auch später legt er größeren Wert auf künstlerische Ereignisse. Bei einer Tournee in den Vereinigten Staaten verlangt er plötzlich, mit Dizzy Gillespie spielen zu dürfen, ohne sich aufklären zu lassen, dass dieser doch immer noch ein erhebliches Stück entfernt wohne.

Auch die Familie hatte immer wieder Grund zur Klage. Schon im jungen Alter hat ihn seine Mutter am Konzertausgang abgepasst, um die Gage für die Familie sicherzustellen. Wie sich dies dann später die Frau des erwachsenen Django eingerichtet hat, ist nicht bekannt.

Er legte auch auf Kleidung Wert, aber wiederum nicht so, wie man es von ihm erwartete. Einmal taucht er wie ein Dandy gekleidet auf, ein andermal verteidigt er seine leuchtroten Schuhe mit den Worten, das Rot passe so schön zum Schwarz.

An seinen Stolz hat sich die direkte Umgebung gewöhnen müssen, und es kostete dann auch einige Überzeugungskraft, die "Beleidigung" gerade zu bügeln, als das Quintett in den USA als "Stéphane Grappelli and the Hot Four" angekündigt wurde. Djangos Musikerkollegen durften ihm auch nicht böse sein, als sie bei der Rückkehr von einer Italientournee dritter Klasse reisten und er erster, wobei er sie im Zug nicht einmal grüßte. Das Geld für die Fahrt mussten sie ihm vorher leihen, da er seine ganze Gage verspielt hatte.

Beim Auftritt des zu Kriegszeiten zusammengestellten "Ersatz"-Quintetts mit Hubert Rostaing verhielt er sich noch dominanter. Er schrieb immer vor, was zu spielen sei, wortwörtlich gab er den Takt an, und sobald er anfing, mit dem Fuß zu klopfen, musste das Quintett unverzüglich spuren, ohne das leiseste Zögern.

Django in seiner Zeit, in seinem Raum

Djangos Jugend spielte sich im geheiligten Raum der Manouche, im Familienkreis, ab. Die ersten Einsichten in die Welt der Gadže verschaffte ihm die auf den Musette-Bällen der zwanziger Jahre tanzende Jugend, wo Roma sehr gefragt waren, egal ob aus Ungarn bzw. Rumänien, oder eben Manouche, da wurden keine Unterschiede gemacht. Sofern er mit zugewanderten Roma überhaupt in Kontakt stand, ist unklar, in welcher Sprache sich die Verständigung abgespielt hat. Die Französischkenntnisse der Zugewanderten konnten sehr schwach sein, aber auch das Romanes der Manouche war für sie höchst gewöhnungsbedürftig.

Das Paris der Zeit nach dem Unfall und der eineinhalbjährigen Pause stellte für ihn einen fruchtbareren Boden dar. Die Musikstile der zwanziger Jahre wie die "Zigeunermusik", die Musette und die russische Folklore traten allmählich zurück. Die Gitarre hatte das Banjo verdrängt, und der Jazz war inzwischen herangereift und bot ihm Raum für seine Improvisationen und damit für seine Virtuosität. Das Wesen der Veränderung kann man an den Forderungen der Besucher der Tanzclubs ablesen, die auf einmal zuhören wollten und nicht mehr tanzen. Bei der Geburt des Jazz war eine unüberschaubare Vielfalt von Einwanderergruppen in das Hoffnung verheißende Amerika Pate gestanden, und zwar nicht nur Schwarze, sondern auch Emigranten aus Mittel- und Osteuropa, darunter sicher auch Roma, aber auch Juden aus dieser Region.

Als ein verstärkender Faktor bei Djangos Erfolg auf internationaler Ebene hat sicher auch die Rolle von Paris gewirkt, das damals allgemein eine Hochburg des künstlerischen Geschehens war, und nicht nur in der Musik. Heute werden wir daran noch durch das Chanson erinnert, aber der Jazz stand dem in keiner Weise nach. Darüber hinaus war die Stadt 1937 auch noch Schauplatz der Weltausstellung.

Zu der Zeit hat sich die Struktur der Jazzindustrie in den Vereinigten Staaten deutlich geändert. Einerseits hat der Jazz überhaupt an Gewicht verloren, andererseits ist er ganz in die Hände einiger weniger höchst dominanter Musiker vom Format eines Duke Ellington oder Louis Armstrong gewandert.

Mit einem scharfen Schnitt wird diese Epoche von Djangos Quintett durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs beendet. Django kehrt von der momentanen Englandtournee sofort nach Hause zurück, während sich Grappelli entscheidet, dort zu bleiben. Django flieht vor den Okkupanten vorübergehend in den unbesetzten Süden Frankreichs, kommt aber bald nach Paris zurück. Später unternimmt er noch einmal einen Fluchtversuch, diesmal in die neutrale Schweiz, um einer unabwendbaren Deutschlandtournee zu entgehen. Die Schweizer Grenzbeamten weisen ihn aber nach einem abgelehnten Asylantrag wieder aus, und glücklicherweise geschieht ihm nichts Schlimmeres, angeblich auch deshalb, weil er die Grenzleute mit seinem Spiel beschwichtigt.

Die Besetzung bedeutet für den Jazz unter Umständen sogar einen fruchtbaren Boden. Denn er enthält einen Beigeschmack von Freiheit, Erinnerungen an die Zeit vor der Besetzung. So manche Musikveranstaltung trägt einen Hauch des Verbotenen, alle sind jederzeit bereit, alles aufzulösen und die Atmosphäre eines "unschuldigen" Konzerts herzustellen. Dieser Stil hat aber auch für einige Angehörige der Besatzungsmacht seine Anziehungskraft, und so entstehen schnell Gerüchte von Gestapo-Leuten, die sich am Nachbartisch von britischen Geheimdienstlern amüsieren. Die andauernden Erfolge bringen Django eine hohe Stellung in der Pariser Hautevolee ein.

Die musikalische Isolierung zur Kriegszeit bekommen am stärksten die Besucher direkt nach Kriegsende zu spüren. Sofern sie es schaffen, sich zu ihm durchzufragen, scheitert die Verständigung sowohl in sprachlicher als auch in musikalischer Hinsicht. Auf amerikanischer Seite ist die Aufnahme immer wärmstens, und Django muss erst mit erheblichem Zuspätkommen auffallen, um überhaupt einmal auch negative Kritiken abzubekommen.

Ein gemeinsames Projekt mit Stéphane Grappelli gleich nach Kriegsende wird mit Spielverbot quittiert: die frisch aufgenommene Marseillaise, die französische Hymne. "Dabei haben wir doch unser ganzes Herz hineingelegt!" (St. Grappelli).

Jean-Baptiste Reinhardt – Mann und Mensch

Am 23. Januar 1910 bringen fahrende Manouche, die Mutter Laurence "Négro" Reinhardt und der Vater Jean-Baptiste Eugene Weiss, oder auf französisch auch Vées, unterwegs im belgischen Liberchies ihren Sohn Jean-Baptiste Reinhardt zur Welt. Der fahrende Lebenswandel macht ihm einen Schulbesuch unmöglich, deswegen erlernt er das Lesen und Schreiben nicht. Später bringt er es sich zwecks Unterschriften auf Autogrammen und Verträgen bei. Der Vater führt als Geigenspieler eine "Zigeunerkapelle", schon damals mit Gitarren besetzt, die in verschiedenen Pariser Hotels auftritt. Die Schwester Sarah Tsanga spielt Klavier, der Bruder Joseph "Nin-Nin" Gitarre, und Jean-Baptiste "Django" spielt Geige, später auch Banjo und Gitarre.

Am 1. November 1928 erleidet er eine schwere Verletzung an Fuß und Hand, aber dennoch wird er später einer der bedeutendsten Jazzmusiker seiner Zeit, bekannt vor allem durch seine eigene Gitarrentechnik. Bekannt wird er vor allem durch sein Ensemble "Quintette du Hot Club de France".

Er wohnt anfangs zusammen mit seiner Frau Bella und seinem Sohn auf dem Lagerplatz der Eltern, 1943 heiratet er dann seine langjährige Lebensgefährtin Sophie "Naguine" Ziegler und zieht mit ihr zusammen den Sohn Babik auf, der ein Jahr nach der Hochzeit zur Welt kommt. 1952 zieht er sich aus dem Musikgeschehen zurück und am 16. Mai 1953 stirbt er überraschend in Fontainebleu an einem Schlaganfall.

In seiner Freizeit spielte er Karten und Glücksspiele, angelte und machte – was sonst – Musik. Beim Glücksspiel brachte er es zu ähnlichen Erfolgen wie bei der Musik. Der Sänger und Gitarrist Georges Ulmer erinnert sich: "Django ist der größte Gambler. Er sieht bei einem x-beliebigen Spiel ein Weilchen zu, bringt sich allmählich ein, und in allerkürzester Zeit hält er voll mit." Ist auch sein Bruder Joseph zugegen, stellen sie ein unbesiegbares Paar dar. Ob bei diesem doppelten Erfolg wohl eine dem Spielen von Musik und Glücksspielen gemeinsame höhere Mathematik zum Ausdruck kommt?

Er wird als unbezähmbarer, impulsiver und großzügiger Mensch mit einer Schwäche für Billard und Glücksspiele geschildert. Seine Spielleidenschaft und sein Lebenselan haben ihm keinen Raum zum Schlafen gelassen. Er generierte aus den Bausteinen der zeitgenössischen musikalischen Trends seinen eigenen Stil, ohne zu sehr irgendwelchen modischen Bestellungen nachzugeben. Nachfolgende Generationen von Jazzgitarristen, und auch Gitarristen allgemein, tun sich schwer, sein technisches und künstlerisches Erbe zu umgehen.

Weiterführende Literatur

Du Peuty, Philippe / Odi, Joelle (1997) Django Reinhardt. Paris.
Spautz, Roger (1983) Django Reinhardt. Mythos und Realität. Luxemburg.
Williams, Patrick (1991) Django Reinhardt. Paris.
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Django Reinhardt (1910-1953)
Django Reinhardt (1910-1953)