Nicolae Gheorghe

"I grew up with the idea I am a cigan, I wanted to get rid of this identity, I was teached to be Romanian (…). I rediscovered my identity (…). I want to die as a human person." (Nicolae Gheorghe)

Die Frage nach Minderheitenrechten für Roma und deren Menschenrechtssituation blieb auf politischer Ebene lange Zeit vernachlässigt, wenn nicht gar ignoriert. Erst Anfang der 90er Jahre fand diese Diskussion Eingang in eine breitere europäische und internationale Debatte. Dahinter stand das unermüdliche Lobbying weniger Roma-Aktivisten. Einer von ihnen war Nicolae Gheorghe, der sich durch seinen persönlichen Hintergrund, seine professionelle Erfahrung als Soziologe und die jahrzehntelange Beschäftigung mit Roma impulsgebend und fruchtbar in die Diskussion einbringen konnte.

Wann immer sich die Gelegenheit bot, nahm Nicolae an Tagungen und Seminaren teil, um für Roma das Wort zu ergreifen, unermüdlich verfolgte er jede Diskussion. Seine persönliche Sozialisation prädestinierte ihn für eine dialektische Argumentation, um die gegensätzlichen Standpunkte der Gadže (Nicht-Roma) und Roma einander näher zu bringen. Durch seine geschickte und kluge Diplomatie fungiert er gleichsam als Bindeglied zwischen Roma und Gadže.

Nicolae Gheorghe wurde am 12.11.1946 in Rosiori de Vede als letztes von drei Kindern in Rumänien geboren. Sein Vater war Angehöriger der Zlatari ("Goldwäscher"), seine Mutter Angehörige der Vatrasch und Lautari; Roma-Gruppen, die in Rumänien schon seit einigen Jahrhunderten sesshaft sind. [Untergruppen der Roma / Glossar] Als seine Eltern mit ihm nach Bukarest übersiedelten, war er neun Jahre alt. Die neue Umgebung war mehrheitlich von Rumänen besiedelt, seine Spielkameraden waren Gadže-Kinder.

Prägend für seine Kindheit war sein Versuch, dem vorurteilsbeladenen Stigma seiner Identität zu entfliehen. Die Erziehung seiner Mutter und sein Bemühen zielten darauf, sein Leben der Kultur und Lebensweise der Gadže anzupassen.

"I had to communicate only with non-Roma as a result of which I more and more resembled them, accepting their own culture. At the same time I was more and more losing my own connection with Roma (…) in terms of behaviour, manners, style of dressing and communication." (Kovacheva, 52)

Auch seine Freunde betrachteten ihn als Gadžo. Diese Entfremdung verstärkte sich, als er entgegen der Vorstellung seiner Eltern die Militärakademie 80 Kilometer außerhalb von Bukarest besuchte. Auf der Militärschule entwickelte er seine Vorliebe, strategische Konzepte zu erarbeiten, was ihm später bei der Erstellung von Lösungsansätzen für die Verbesserung der sozialen Lage der Roma dienlich war. Er entdeckte aber auch sein Interesse für Philosophie. Mit Abschluss der Offiziersschule 1968 begann er das Studium der Philosophie und Soziologie.

Nach Beendigung seines Studiums 1972 begann Nicolae am Institut für Soziologie in Bukarest zu arbeiten. Zu jener Zeit durchlief der Kommunismus in Rumänien einen ideologischen Wandel. Der Internationalismus der 50er und 60er Jahre wurde durch eine stärker nationalistisch geprägte Ideologie, die das Rumänentum betonte, abgelöst. Dieser Prozess bewirkte bei Nicolae eine Rückbesinnung auf seine eigene Identität.

"Rumäne zu sein bedeutete nicht mehr, ein Bürger des rumänischen Staates zu sein, der in die gesellschaftliche Entwicklung eingebunden ist und sich ihr verpflichtet fühlt, sondern stand plötzlich in Verbindung mit Begriffen wie Blut, Erben und Vorfahren. Mir fiel es jedoch schwer zu sagen, meine Vorfahren seien Daker oder Römer gewesen. Ich wusste, dass das nicht stimmt und dass mich das von anderen Rumänen unterscheidet. Meine Vorfahren waren Zigeuner. Ich wurde ärgerlich und begann zu hinterfragen: Wer bin ich eigentlich?" (Gheorghe, 146)

Nicolae verband sein persönliches Interesse zunehmend mit seinem beruflichen Engagement. Er arbeitete an soziologischen Studien, die ihn in andere Regionen und Städte Rumäniens führten. Nicolae machte Bekanntschaft mit unterschiedlichen Roma-Gruppen und begann Romani zu lernen. Das Zusammentreffen mit "Pitu" (Ion Cioaba) war von entscheidender Bedeutung für sein Leben: Zwischen dem "König der Roma" und Nicolae entwickelte sich eine tiefe Freundschaft.

"Pitule was known as Cioaba Ion, he was extremely rich, owning a fortune of golden coins. That was indeed the reason why he became such an easy victim of the Romanian militia. They arrrested him, charged him on the basis of manipulated evidences, and then started to blackmail his entire family and mostly his wife. The price for his release from prison was two golden coins each time. The arrogance of the militia at that time seemed amazing to me, and I started writing complaints on behalf of Pitule. I adressed those to Nikolae Chaushesko, who was the Prime Minister of Romania at that time. That’s how I turned into something as a private secretary of Pitule and even today I keep these letters at home. They make a whole big bag." (Kovacheva, 53)

Die offizielle kommunistische Politik führte keine öffentliche Debatte über Roma. Ab Mitte der 70er Jahre aber unternahm die kommunistische Partei verschiedene Initiativen zur Integration marginaler Bevölkerungsgruppen: 1974 erhielt Nicolae vom kommunistischen Zentralkomitee den Auftrag, die Ursache der Marginalisierung von Minderheiten zu untersuchen. 1975 startete das rumänische Parlament eine Diskussion über die Minderheitenfrage; 1976 beschäftigte sich Nicolae im Rahmen einer breiten Untersuchung mit der "sozialen Integration der Roma-Jugendlichen in die Gesellschaft".

Nicolae ergriff Partei für die Roma, erkannte, dass die Situation nicht allein auf sozialer Ebene gelöst werden kann, und trat für Minderheitenrechte der Roma ein. Seine Zusammenarbeit mit amerikanischen Soziologen und Anthropologen und seine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik brachten ihn zunehmend in Konflikt mit der offiziellen Ideologie. 1981 wurde er mehrmals von der Securitate zum Verhör vorgeladen.

"Man wurde skeptisch und kritisch und beschuldigte mich der Diversion. Ich sei vom Ausland manipuliert, ich überhöhte das Roma-Problem in Rumänien usw. Die Securitate verhörte mich, mein Forschungsprojekt am Institut wurde gestoppt, und ich musste mich wieder der "ländlichen Soziologie" widmen." (Gheorghe, 147)

Die Erkenntnis, dass die triste Lage der Roma kein isoliertes Problem einzelner Staaten ist, sondern nur im globalen Kontext gelöst werden kann, veranlasste Nicoalae seine internationalen Kontakte zu intensivieren.

"Roma-Politik muss (…) im Zusammenhang mit den allgemeinen Menschenrechten angegangen werden; sie muss mit allgemeinen Werten und moralischen Botschaften verbunden sein und nicht nur ein rein ethnisches oder nationales Problem zur Sprache bringen. Ich ziehe deshalb einen Weg vor, der an den internationalen Menschenrechtsstandards und damit an den entsprechenden Institutionen und Organisationen nicht vorbeigeht." (Gheorghe, 50)

Für die Durchsetzung der Interessen der Roma auf internationaler Ebene engagierte sich Nicolae sowohl "intern", in der internationalen Roma-Bewegung (1991–1993 war er einer der Vizepräsidenten der Internationalen Romani Union) als auch in zahlreichen Seminaren und Tagungen der OSZE, UNO, des Europarates, der Europäischen Union und anderer international agierender Organisationen (Projekt on Ethnic Relations, Open Society Institute). Er betrachtete es als sein persönliches Anliegen, die Anerkennung der Roma durch internationale Organisationen voranzutreiben. [Emanzipationsbestrebungen auf internationaler Ebene]

In Zusammenarbeit mit der International Federation on Human Rights in Paris arbeitete Nicolae über zwei Jahre an der Ausarbeitung des Dokuments über die Human Rights Protection of Roma, das von der UN-Kommission für Menschenrechte ( UN Commission on Human Rights) in die Resolution 65/1993 aufgenommen wurde.

Durch seine kluge Diplomatie, seine breite Sprachenkenntnis (Rumänisch, Romani, Französisch, Englisch) sowie seine Fähigkeit, mit unterschiedlichen politischen Gruppen zusammenzuarbeiten, wurde er zum international anerkannten Roma-Experten. Als NGO-Vertreter war er fünf Jahre lang Beobachter ("Observer") bei den Treffen der Spezialistengruppe für Roma und Sinti des Europarates. Auf der Suche nach neuen Wegen und Lösungsstrategien stand er im ständigen Meinungsaustausch mit Roma-Vertretern anderer Länder.

Bis 1990 wurden Roma in OSZE-Dokumenten nicht erwähnt. Deshalb beteiligte sich Nicolae gemeinsam mit anderen Roma-Repräsentanten wie Rudko Kawczienski, Agnes Darocsi und Aladar Horvath an der KSZE-Konferenz zur "Menschlichen Dimension" in Kopenhagen im Juni 1990. Das Abschlussdokument hielt fest, dass die "besonderen Probleme" der Roma und Sinti im Zusammenhang mit Rassismus, Xenophobie und Diskriminierung anzuerkennen sind. Von Seiten der OSZE-Staaten war damit der erste Schritt für eine Auseinandersetzung mit Roma getan; die Probleme der Roma gelangten damit in ein breiteres öffentliches Bewusstsein. Erstmalig wurde damit auch der Begriff "Roma und Sinti" in einem offiziellen internationalen Dokument eingeführt. Auch der Bericht des KSZE-Expertentreffens zu nationalen Minderheiten in Genf 1991 widmete sich der Roma-Frage. Die Teilnehmerstaaten bezeugten ihre Bereitschaft, effektive Maßnahmen zu ergreifen, um Roma die gleichen Möglichkeiten wie dem Rest der Bevölkerung zukommen zu lassen. An vielen weiteren OSZE-Treffen beteiligte sich Nicolae gemeinsam mit gleich gesinnten Roma, um Lobbying für die Verbesserung der Lage der Roma zu betreiben.

Trotz seines Engagements auf internationaler Ebene verlor Nicolae nie den Kontakt zur Basis. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Rumänien am 27.12.1989 entstanden viele Roma-Organisationen und politische Parteien. Mit der politischen Wende verschärften sich aber auch die Spannungen zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den Roma. Traurige Berühmtheit erlangten die pogromartigen Ausschreitungen gegen die Roma-Bevölkerung, in denen Häuser der Roma in Brand gesteckt wurden. Zwischen 1990 und 1995 wurden 133 Häuser abgebrannt, weitere 300 wurden durch Brachialgewalt zerstört. Angesichts dieser Konflikte verschob Nicolae sein Konzept der kulturellen Emanzipation der Roma und die Gründung einer europaweiten ethnischen Roma-Föderation auf einen späteren Zeitpunkt und setzte sich aktiv für den Wiederaufbau der Häuser und eine Konfliktbereinigung zwischen Gadže und Roma ein.

1993 gründete Nicolae das Roma Center for Social Intervention and Studies (Romani CRISS). Romani CRISS kämpft für die Normalisierung der Situation zwischen Roma und Gadže und bemüht sich, die Menschenrechtssituation der Roma zu verbessern. Ein zentrales Anliegen war aber auch, junge Roma zu ermutigen, für ihr Volk einzutreten:

"It was then that I realised that one needed to work not only with non-Roma, but with the Roma community as well, as I saw that there were cases when the guilt lay mostly with the Roma themselves. We followed this strategy in the work of our organization, giving a chance to many young Roma boys and girls to advance their education as we financed their studies. In return they worked in our organization on voluntary basis." (Kovacheva, 56)

Innerhalb kurzer Zeit erarbeitete sich Romani CRISS einen internationalen Ruf. In der Anfangsphase fokussierte die Organisation ihre Aktivität auf lokale Projekte (z.B. Wiederaufbau von Häusern für Roma), später wurden zunehmend nationale und internationale Projekte realisiert. Das große Engagement dieser Organisation zeigte Erfolg, nicht nur in der Durchsetzung vielseitiger Projekte, sondern auch in der Beschäftigung junger Roma, die selbstbewusst zu ihrer Identität stehen und sich für ihr Volk einsetzen.

Zu Beginn der 90er Jahre verschlechterte sich die menschenrechtliche, soziale und ökonomische Situation der Roma in den ehemaligen kommunistischen Ländern. Die OSZE reagierte darauf 1994 mit der Errichtung des Contact Point for Roma and Sinti Issues im Office for Democratic Institution and Human Rights in Warschau. Weiters wurde im Dezember 1998 der Beschluss gefasst, das Amt eines "Advisor for Roma and Sinti Issues" einzurichten. Aus 60 Bewerbern wurde Nicolae ausgewählt und in diese verantwortungsvolle Funktion bestellt. Er trat sein Amt am 1. Mai 1999 an. Die Aufgabe, sich in dieser Funktion international für sein Volk einzusetzen, ist für Nicolae der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere.

Kaum jemand anderer wäre für diese Position geeigneter als Nicolae, der durch seine profunde akademische Bildung, sein analytisches Denken, seinen kritischen Geist und seine Offenheit für neue Ideen oder gar Utopien und Visionen wesentlich zu einer Verständigung zwischen Gadže und Roma beitragen kann.

Allen, die ihn kennen, wird das Bild von Nicolae, der unaufhaltsam jede Diskussion in seinem Laptop festhält, unvergessen sein.

Quellen

Heinschink, Mozes F. / Karoly, Mirjam (2001) Unveröffentlichtes Interview mit Nicolae Gheorghe. Wien.

Literatur

Gheorghe, Nicolae (1992) Wir müssen die Vorurteile abbauen. In: Fienbork, Gundula / Mihók, Brigitte / Müller, Stefan (eds.) Die Roma – Hoffen auf ein Leben ohne Angst. Hamburg, pp. 144-153.
Kovacheva, Lilyana (2001) Rom Knows the Way. Chandigarh.
OSCE/ODIHR (ed.) (1998) Public Policies Concerning Roma and Sinti in the OSCE region. OSCE Human Dimension Implementation Meeting October 1998 Background Paper 4, Warsaw.
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