Johann "Kalitsch" Horvath

Johann Horvath, zu Lebzeiten den meisten Einwohnern der burgenländischen Bezirkshauptstadt Oberwart (Österreich) vornehmlich unter dem Namen "Kalitsch" bekannt, gehörte zweifellos zu den Menschen, welche man landläufig als "Originale" zu bezeichnen pflegt. Bis zu seinem Tod im Jahre 1983 war er die wichtigste Autoritätsperson in der Oberwarter Roma-Siedlung. [Burgenland-Roma]

Seine Biographie, von der einige widersprüchliche Details vorliegen, war von der Internierung im Konzentrationslager geprägt und von schweren persönlichen Schicksalsschlägen überschattet: Im Jahr 1912 geboren, hatte Johann 1935 seine erste Frau Juliana geheiratet und eine Familie gegründet (Johann, geb. 1933, Theresia, geb. 1935, Irene, geb. 1938). Unter nationalsozialistischer Herrschaft nach Auschwitz deportiert, überlebte er als Einziger seiner Familie die Gräuel im Lager.

Nach seiner Heimkehr musste Kalitsch nicht nur den Verlust von Frau und Kindern überwinden, ohne Unterkunft und jegliches Einkommen stand er überdies auch vor dem materiellen Nichts. Als die kaum 20 Überlebenden der vormals über 300 ansässigen Roma in Oberwart ankamen, waren die Häuser der ehemaligen "Zigeunerkolonie" längst dem Erdboden gleichgemacht worden. Deshalb quartierte man Kalitsch mitsamt den anderen Heimkehrern in eine Baracke neben der Wasenmeisterei ein.

Unter großen Mühen versuchte Johann Horvath, sich in den folgenden Jahren eine neue Existenz aufzubauen und erlangte – im Vergleich zu den anderen Siedlungsbewohnern – allmählich bescheidenen Wohlstand. In den 1950er Jahren gelang es ihm, der bis zu seiner Pensionierung als Hilfsarbeiter am Bau nach Wien pendelte, schließlich ein Grundstück zu erwerben und ein kleines Haus zu errichten.

Kalitsch lebte nunmehr mit der Schwester seiner ersten Frau zusammen und wurde Vater von weiteren fünf Kindern (Karl, Helene, Alexander, Johann, Ludwig). 1966 heiratete er seine Lebensgefährtin Elisabeth (1924-1985), genannt "Lulu". Zu Beginn der 1980er Jahre ereilte ihn ein weiterer Schicksalsschlag, als seine Tochter Helene in jungen Jahren unter besonders tragischen Umständen ums Leben kam. Sie hinterließ fünf Kinder, für die Kalitsch und "Lulu" bis zu ihrem Lebensende sorgten. Im März 1983 verstarb der damals 71-jährige Johann Horvath an Lungenkrebs.

Trotz der traumatischen Erfahrungen während der nationalsozialistischen Verfolgung bewahrte Johann Horvath seinen ungebrochenen Optimismus und seine Lebensfreude. Seine liebenswerten Eigenschaften machten ihn zu einem außergewöhnlichen und allseits beliebten Menschen. Angesichts seiner leidvollen Erfahrungen stand das Wohlergehen der Familie bei ihm an erster Stelle. Für Kalitsch war Resignation ein Fremdwort, daher duldete er sie auch nicht bei seinen Kindern. In vielen Angelegenheiten hatte Johann Horvaths Wort bei den Roma besonderes Gewicht. Respekt erwarb sich Kalitsch jedoch auch unter den Gadže, die seine wichtige Rolle in der Siedlung sehr wohl anerkannten und ihn entsprechend einer alten Tradition als "Bürgermeister" bezeichneten.

Denjenigen, die Kalitsch persönlich kannten, blieben vor allem seine überschwängliche Gastfreundschaft und sein großes Herz für die Kinder in Erinnerung. Kalitschs Haus war als Treffpunkt von Jung und Alt jahrzehntelang das eigentliche Zentrum der Oberwarter Roma-Siedlung. Auf dem Herd stand immer ein Topf Kaffee, aus dem sich jeder Besucher bedienen durfte. Auch die Bewirtung mit Weinbrand gehörte zur guten Tradition des Hauses. Wenn die Stube voll von – zumeist jungen – Besuchern war, so schildern die längst erwachsenen Kinder von damals, war Kalitsch in seinem Element. Dann zog der passionierte Märchenerzähler die Zuhörerschar mit lustigen oder lehrreichen, manchmal auch sehr deftigen Geschichten in seinen Bann. Ohne dass dies seine Intention gewesen wäre, erwarb sich Kalitsch dadurch große Verdienste um die Bewahrung und Weitergabe des Roman (Romani-Variante der Burgenland-Roma) sowie der mündlichen Erzähltraditionen der Burgenland-Roma an die folgende Generation.

Auch das Musizieren war eine Leidenschaft von Johann Horvath. Sofern es sein Verdienst erlaubte, kaufte er neue Musikinstrumente. Mit seinem Sohn pflegte Kalitsch die Tradition des "Neujahrsspielens", im Kreise der Alten sang er oft KZ-Lieder. Legendär waren aber auch seine langen Besuche im Gasthaus "Zambo" und seine Schwäche für das Kartenspiel.

Im Zuge ihrer Recherchen über die Lebenssituation der burgenländischen Roma lernte Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre die Journalistin Mirjam Wiegele Johann Horvath kennen. Im Gegensatz zu den meisten Roma, die jede Öffentlichkeit scheuten, machte Kalitsch aus seinen bitteren Erfahrungen kein Geheimnis. Seine Offenheit gegenüber Fremden, in diesem Fall sogar gegenüber einer Journalistin, waren zu dieser Zeit durchaus etwas Besonderes. Durch Mirjam Wiegele erreichten Kalitschs Schilderungen ein größeres Publikum. Ihre in diversen Zeitschriften und Magazinen erschienenen Artikel rüttelten die Öffentlichkeit wach und leiteten eine kritische Auseinandersetzung mit dem Schicksal von "Österreichs vergessener Minderheit" ein. Aus dem zunächst beruflichen Kontakt entwickelte sich eine langjährige Freundschaft zwischen den beiden.

Vor mehr als 30 Jahren traf auch Mozes Heinschink auf Johann Horvath. Zeugnis dieser Begegnung sind Tonaufnahmen von Kalitsch, durch die zumindest ein Teil seines Repertoires an Märchen und Liedern vor dem Vergessen bewahrt werden konnte. Eines von "Kalitschs" Lieblingsmärchen, das "Märchen vom dummen Hansi", sowie andere Märchen und Lieder wurden in der im Jahr 2000 vom Grazer Romani-Projekt herausgegebenen Märchensammlung "O Rom taj o beng / Der Rom und der Teufel" bzw. auf der nachfolgenden CD "Schun, so me phukavav ... / Hör, was ich erzähle ..." veröffentlicht. Damit erfuhr Kalitsch der Märchenerzähler, der "Bürgermeister", der Zeitzeuge, die Großvaterfigur und liebenswerte Respektperson posthum die ihm zustehende Würdigung.

Literatur

(2000) Johann "Kalitsch" Horvath. In: Romani Patrin 2, pp. 4-7.
Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
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Image Roma-Bürgermeister
Johann "Kalitsch" Horvath (1912-1983) mit Kindern der Roma-Siedlung in Oberwart (Burgenland [Österreich]), 1974
Mozes Heinschink, Johann "Kalitsch" Horvath (1912-1983), Mirjam Wiegele, Elisabeth "Lulu" Horvath