Ali (Alija) Krasnići

"Oh du, meine alte Nasife, in deinen Augen erkenne ich mich wieder und meine zerschlissenen Kleider, die du mit deinen schwachen Händen genäht hast – in den langen und schweren Nächten, die du neben dem Gaslicht verbracht hast. Mit deinen Märchen und Erzählungen schlief ich ein, bis spät in die Nacht hinein begleiteten mich deine süßen Märchen. Wir sind umgeben von deinem Schatten, er ist zugegen mitten unter uns. Und dein Lachen ist noch immer gegenwärtig für die Bewohner des Hauses, die sich deines Namens erinnern. Du nahmst den Platz meiner Mutter ein, die mich verlassen hatte, als ich 15 Monate alt war. Du warst meine Mutter und ich war dein Sohn. Im nebligen Zimmer hast du mich aus dem Staub gehoben – im kleinen Haus in der Roma-Siedlung, errichtet aus ungebrannten Ziegeln. Dort hast du das staubige Mehl gesiebt, das du aus den entlegensten Dörfern geholt hast, um mir einen Kuchen backen zu können, und aus Brennnesseln und Maismehl hast du mir eine Suppe gekocht. Deine Leiden bleiben mir ebenso in Erinnerung wie dein sanftes Schaukeln der Kinderwiege in den langen und schweren Nächten. Du warst die Frau meines Onkels und deine Jugend und dein Alter vermischten sich mit meinem Weinen in der ärmlichen, brüchigen Wiege. Am Boden des alten Hauses hast du mich ernährt – mit einem Stück Brot, das du aus dem Dorf geholt hast. Und meinen Durst hast du mit Wasser aus dem Brunnen in der Roma-Siedlung gestillt. Du warst die Sonne, die mich erwärmt hat in den schwersten und schmerzhaftesten Tagen meiner Kindheit." ("O tu, puranije Nazife!", übersetzt von Mozes F. Heinschink)

Der Schriftsteller Ali (Alija) Krasnići wurde 1952 in Crkvena Vodica, einem Dorf in der Nähe von Obilić (Kosovo) geboren. Er gehört der Gruppe der Gurbet – einer Vlach-Roma-Gruppe – an, die, nach der Aufhebung der Sklaverei und Leibeigenschaft in den Gebieten des heutigen Rumäniens (1856), nach Serbien und Mazedonien zog. [Geschichte der Vlach-Roma / Gurbet]

Das dem Text vorangestellte epische Gedicht "Oh du, meine alte Nasife!" gibt einen Einblick in die Kindheit des Autors. Der frühe Tod seiner Mutter und die große Armut waren ebenso prägend für sein weiteres Leben wie die aufopfernde Fürsorge und Liebe seiner Ziehmutter, die ihn mit der Kraft und Schönheit der mündlich tradierten Roma-Märchen vertraut machte.

Bereits sehr früh wusste Ali Krasnići über die Schattenseiten des Lebens Bescheid, die erdrückend sind, wenn sich keine Möglichkeiten finden, sie zu erkennen, zu beschreiben und in Bezug zu den positiven Seiten zu setzen. Für Ali Krasnići bot sich dieser Ausweg von Anfang an in der Literatur, vorerst als Zuhörer und später als Autor.

Dazu war es jedoch notwendig, eine für Roma ungewöhnliche Laufbahn einzuschlagen. Seine Identität als Rom und seine Muttersprache (Gurbet-Romani) wurden von ihm nie in Frage gestellt. Sie waren und sind ihm selbstverständlicher und zentraler Teil seines Lebens. In diesem Sinn ist Krasnići ein traditionsbewusster Rom. Er sieht jedoch weder in den überlieferten Werten seiner Vorfahren noch im Romani etwas Statisches, das keinen Veränderungen unterworfen werden darf.

Als außerordentlicher Hörer begann er an der juristischen Fakultät von Obilić zu studieren. In traditionellen Roma-Gemeinschaften genießen die Bildungseinrichtungen der Gadže (Nicht-Roma) bis heute kein hohes Ansehen. Neben einem grundsätzlichen Misstrauen Nicht-Roma gegenüber, ist diese Geringschätzung vor allem auf den Umstand, dass Institutionen wie Universitäten keine Rücksicht auf die Kultur der Roma nehmen, zurückzuführen. Dieses Misstrauen hat zwar im Laufe der Zeit abgenommen, in den 1960er und 1970er Jahren kam jedoch das Studium Krasnićis noch einem Tabubruch gleich.

Durch den intensiven Einblick in das Leben und Denken der Nicht-Roma, und hierbei vor allem der Bildungselite, dürfte ihm jedoch bewusst geworden sein, wie wenig und zugleich wie viel Falsches über das Leben der Roma bekannt ist und wie gering der Stellenwert ist, den die Kultur und Literatur der Roma in den Augen der Nicht-Roma einnimmt. Krasnićis späteres Anliegen, seine Bücher, wenn immer möglich, zwei- bzw. dreisprachig (Romani, Serbisch, Albanisch oder Englisch) herauszugeben, dürfte damit im Zusammenhang stehen.

Sein Entschluss, sich der Literatur zuzuwenden, nahm in dieser Zeit immer konkretere Formen an; zuerst nur seinem persönlichen Interesse folgend, sehr bald jedoch mit dem Bedürfnis, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten ist Ali Krasnići zu einem der bekanntesten Roma-Autoren des ehemaligen Jugoslawiens geworden. Er schrieb bzw. gab bis heute weit über 40 Bücher heraus, ist in unzähligen Anthologien vertreten, verfasste Radiobeiträge und Hörspiele und erhielt für seine künstlerische Arbeit eine Reihe der wichtigsten Auszeichnungen des Landes.

Worin liegt nun seine Bedeutung als Autor und was macht seine Besonderheit aus? Ali Krasnići ist einer der ganz wenigen Roma-Autoren, die Prosa auf Romani schreiben. Andere Roma-Schrifsteller wie Menyhert Lakatos oder Matéo Maximoff verfassten zwar ebenfalls Romane, schrieben jedoch ausschließlich auf Ungarisch bzw. Französisch.

Durch den vergleichsweise geringen Wortschatz und das Fehlen vieler abstrakter Begriffe beschränken sich die meisten Roma-Autoren auf Lyrik und Drama. Ali Krasnići ließ sich davon jedoch nicht beirren und machte aus der Not eine Tugend. Er ist seit seinen literarischen Anfängen wortschöpferisch tätig und trägt die Neukreationen darüber hinaus in ein selbst erstelltes Lexikon ein, das im Jahr 2000 bereits 25.000 Einträge umfasste und kurz vor der Fertigstellung steht. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Es gibt im Romani kein Ursprungswort für "Tropfen", sondern lediglich für "es tropft" (pićal). Aus dem Verb leitete er das Hauptwort pić (Tropfen) ab. Für den abstrakten Begriff "Heimat" griff Krasnići auf die Wörter than (Ort) und bijanipe (Geburt) zurück und verband sie zu thanbijanibe (Heimat). Zumeist ist es nicht notwendig, die Zweit- und Drittsprache Ali Krasnićis – Serbisch und Albanisch – zu beherrschen, um seine Wort-Konstruktionen verstehen zu können.

Auffallend ist weiters, dass Ali Krasniči in den unterschiedlichsten literarischen Gattungen beheimatet ist. Er schreibt neben Prosa und Lyrik auch Kinderbücher und Dramen und ist darüber hinaus als Übersetzer aus dem Serbokroatischen ins Romani tätig.

Das Leben der Roma in all seinen Facetten darzustellen, blieb bis heute das Hauptthema, mit dem sich Ali Krasnići literarisch auseinandersetzt. Er widmet sich sowohl den Leiden, Entbehrungen, der Armut und Not als auch den Sehnsüchten, dem Glück und den Alltagsfreuden der Roma seiner Region. Stilistisch erinnern Krasnićis Werke an die Filmsprache Emir Kusturicas. Beide arbeiten mit den Mitteln der Verfremdung und ironischen Übertreibung, um sich den Wesensmerkmalen und Besonderheiten der jeweiligen Kultur anzunähern. Krasnićis Literatur ist von einem großen Bilderreichtum und Humor geprägt und ihn zeichnet die außergewöhnliche Begabung aus, den Blick auf scheinbar unbedeutende Details zu richten, ohne den Kontext aus den Augen zu verlieren.

Zur Authentizität seiner Beschreibungen trägt darüber hinaus bei, dass er sowohl die positiven als auch die negativen Seiten des Roma-Lebens am eigenen Leib erfahren hat. 1999 wurden er und seine Familie im Zuge des Kosovo-Krieges – wie Hunderttausend andere Roma – ihrer Heimat und ihres Besitzes beraubt. Die albanischen Nationalisten beschuldigten die Roma, mit den Serben zu kollaborieren. Latent vorhandene Vorurteile und Stereotypen kamen wieder an die Oberfläche und führten zu einer ethnischen Säuberung ungeahnten Ausmaßes. [Rassismus und Menschenrechte]

Der in Köln ansässige Rom e.V. schätzt, dass seit Juni 1999 über 100.000 Roma aus dem Kosovo vertrieben, 15.000 Häuser zerstört und geplündert, 40.000 Roma physisch verletzt oder psychisch schwer traumatisiert worden sind. Etwa 1.000 Roma sind von albanischen Nationalisten ermordet worden oder in den Lagern aufgrund fehlender medizinischer Versorgung gestorben. Ali Krasnići musste sich drei Monate in einem Keller versteckt halten, bevor es ihm und seiner Familie letztendlich gelang, in das Flüchtlingslager Kragujevac (Serbien-Montenegro) zu fliehen. Sie verloren ihren gesamten Besitz, lediglich die Manuskripte Ali Krasnićis konnten gerettet werden. Wie es weitergehen wird, ob sie jemals wieder zurückkehren können, ist ungewiss. Was Ali Krasnići geblieben ist, sind seine Familie und seine Literatur. Aus beiden schöpft er Kraft und die Hoffnung, dass den Roma irgendwann Gerechtigkeit widerfährt und die Täter beim Namen genannt werden.

Literatur

Krasnići, Alija (1995) Rromani kalji paramići. Kragujevac.
Krasnići, Alija (1998) Iripe ano Đuvdipe. Kragujevac.
Krasnići, Alija (2000a) Antologija e Điljenđi katar o Jasenovac. Kragujevac.
Krasnići, Alija (2000b) Rromani mahlava. Kragujevac.
Krasnići, Alija (2001) Lord, turn me into an ant! Gypsy fairy tales from Kosovo and Metohia, Beograd.
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Image O tu, puranije Nazife!
Image Ausschnitt aus einem Interview mit Ali Krasnići
Ali Krasnići, 1995