Matéo Maximoff

Kalderaš (väterlicherseits), Sintica-Manouche aus der Familie Renard (mütterlicherseits); schrieb auf Französisch (Buchpublikationen) sowie im Kalderaš-Dialekt des Romani (sowohl unveröffentlichte als auch – in der Zeitschrift "Les Études Tsiganes" – veröffentlichte Erzählungen). [Untergruppen der Roma / Glossar]

Matéo Maximoff war einer der ersten Roma-Schriftsteller überhaupt und entschieden der produktivste, bedenkt man die große Anzahl der Romane, Geschichten und Märchen, die in Frankreich und in anderen Ländern veröffentlicht wurden. Er schrieb vorwiegend auf Französisch, weil die Möglichkeiten, auf Romani zu publizieren, sehr begrenzt waren. Einige Geschichten und Märchen veröffentlichte er jedoch auch in seiner Muttersprache, nämlich dem Kalderaš-Dialekt des Romani, in der seit 1966 erscheinenden Zeitschrift "Les Études Tsiganes". Seine Romani-Übersetzung des gesamten Neuen Testaments ist ein herausragendes Werk.

Über mehrere Jahrhunderte lebten die Vorfahren von Matéo Maximoff wie andere Kalderaš-Familien und verschiedene subethnische Roma-Gruppen als Sklaven in den Ländern des heutigen Rumänien. Die Sklaverei der Roma wurde im Fürstentum Moldau erst am 23. Dezember 1855 und in der Walachei am 8. Februar 1856 abgeschafft. Die Roma mussten jedoch bis zum Jahr 1864 auf ihre vollständige Gleichheit vor dem Gesetz warten, als sich Moldau, Walachei und Siebenbürgen zum Staat Rumänien vereinigten. [Geschichte der Vlach-Roma]

Auf die Abschaffung der Roma-Sklaverei in Rumänien folgte eine der größten Wanderbewegungen der Roma. Zuerst verließen ganze Großfamilien das Land und wanderten in die Nachbarländer ab, hauptsächlich nach Ungarn und nach Russland. Einige Roma blieben dort, andere reisten später nach Westen.

Matéos Urgroßvater väterlicherseits emigrierte sofort und ging mit seinen Verwandten im Jahr 1855 nach Russland. Matéo hat sicherlich niemals einen seiner Verwandten getroffen, der sich noch an das Leben in Rumänien erinnern konnte, die Familienerinnerung jedoch wurde bis heute durch Geschichten über die Vorfahren, die Matéo schon als Kind bei den Erzählrunden der Verwandten kennen lernte, aufrechterhalten.

Die künstlerische Form seines späteren Werks "Le Prix de la liberté" ("Der Preis der Freiheit") nahm damals ihren Ausgangspunkt. In einem Interview, das ich mit Matéo Maximoff gemeinsam mit Hana Šebková in seinem "Büro" – einem kleinen algerischen Kaffee, "La Fontaine du brouillard" ("Der Brunnen des Nebels") in Romainville, einem Vorort von Paris (am 15. Sept. 1997) – führte, erzählte er uns, wie sein Urgroßvater ein zwölfjähriges jüdisches Mädchen in einer Straße von Temesvar fand. Er nahm sie auf und die "schöne židovajka" (Jüdin) wurde später seine Frau. Sie blieben ihr ganzes Leben lang zusammen. Der Name und die Figur der židovajka wurden vom Autor in seinem Roman "Ce Monde qui n'est pas le mien" ("Die Welt, die nicht meine ist") übernommen; darin ist sie die Ehefrau eines der Haupthelden, Vorta, eines vajda (Oberhaupt der Roma-Gemeinschaft) einer Kalderaš-Familie.

Matéo Maximoff trug den Nachnamen seines Urgroßvaters, der im Jahr 1910 im Alter von 98 Jahren in Russland starb. Da er angeblich 2,10 Meter groß war und 160 Kilogramm wog, behauptete er, das "Maximum" seines Wachstums erreicht zu haben, wovon sich auch sein Nachname ableitete: Maximoff.

Matéo Maximoff beschreibt das Leben der Kalderaš-Roma in den drei Generationen des "russischen Aufenthalts" in "Ce Monde qui n'est pas le mien". Er nannte es ein "récit" (Märchen), denn seit seiner frühen Jugend hatte er von seinem Vater und seinem Onkel, die in Sibirien geboren worden waren und dort ihre frühe Jugend verbracht hatten, Erzählungen über Russland gehört. Die Familien-"Geschichte" in Russland bedeutete natürlich nicht, was ein Gadžo (Nicht-Roma) unter dem Terminus "Geschichte" verstehen würde: genaue Daten, genaue Ortsnamen, genaues "Wann-Wo-Was". "Geschichte" bedeutet, was für die Gemeinschaft der Verwandten wichtig war, die als eine Gruppe reisten: auf welchen Märkten die Kalderaš ihre besten Geschäfte tätigen konnten, wo die Gendarmen "Zigeunern" freundlich gesinnt waren, wo ein großes Familienereignis stattfand, worüber noch Generationen später gesprochen wurde etc.

Ähnliche Ereignisse, die sich zu mythologischen Vorstellungen der Geschichtenerzähler – und der unübertrefflichen Fantasie Matéo Maximoffs – gewandelt hatten, sind in der "Geschichte" so schicksalhafter Wesen wie der mamijori (wörtlich: "Großmutter", eines gefürchteten Wesens, das zerstört, aber auch beschützt) enthalten. Auch der schicksalhafte Tod eines Zwillings – denn einer von beiden muss immer sterben –, Unruhestifter, Duelle zur Verteidigung der Ehre und eine Reihe weiterer Dramen, die weit über die "Geschichtsauslegung" der Gadže hinausgehen, haben ihren zentralen Platz in der Geschichtsinterpretation der Roma.

Nichtsdestotrotz war es die von den Gadže gemachte Geschichte, die die Roma aus Russland vertrieb. Zuerst der Erste Weltkrieg, dann die Revolution und der Bürgerkrieg: "Die Roten kämpfen gegen die Weißen. Sie sind ernsthaft lächerliche Menschen! Das ist, was die Roma glauben. Solche Angelegenheiten kümmern sie nicht. Zumindest nicht direkt." Doch dann erkannten sie, dass sie, die Roma, wahrscheinlich die Opfer gewesen wären, "egal, wer gewonnen hat, der eine oder der andere, die Weißen oder die Roten". ("Ce Monde qui n'est pas le mien", S. 158) Und deshalb kehrten jene Familien, die die Möglichkeit hatten, diesem "Aufenthalt" – Russland – den Rücken zu und gingen, wohin sie konnten. Einige brachen nach Westeuropa auf, andere nach Lateinamerika, manche erwogen sogar, nach China zu ziehen.

Matéos Großvater, seine Frau und ihre vierzehn Kinder, eines davon Matéos Vater, waren allerdings bereits vor dem Jahr 1914 aus Russland aufgebrochen, früher als die Helden im Roman "Ce Monde qui n'est pas le mien". In einem Interview in Paris (1997) erzählte uns Matéo Maximoff, dass seine Vorfahren ihren Lebensunterhalt in Russland auf zwei verschiedene Arten verdienten: als Musiker und durch den traditionellen Beruf der Kalderaš (Kesselhersteller) [Kupferschmiede und Kesselflicker] – sie stellten Kessel her und flickten sie. (Nebenbei bemerkt: Eine weitere Kalderaš-Familie – die Taikons – lebten in Russland von denselben Tätigkeiten. Sie ließen sich später in Schweden nieder. Zwei berühmte Schwestern stammen aus jener Familie: die bereits verstorbene Katrina, Schriftstellerin, und die Silberschmiedin Rosa, berühmt für ihren Silberschmuck.)

Der Großteil der Familie Maximoff – unter ihnen Großvater Maximoff mit seinen Söhnen und Töchtern – zog nach Spanien, der Rest blieb in Polen. 27 von Matéos Verwandten wurden dort während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten ermordet.

Während die Kesselmacher-Wägen der Kalderaš durch das "Chinesische Viertel" ("Barrio Chino") von Barcelona fuhren, kam Matéo auf die Welt, als erstgeborener Sohn und Ältester von sechs Geschwistern. Als Geburtsdatum wird der 17. Januar 1917 angegeben. "Vielleicht wurde ich einen Tag früher oder später geboren – auf jeden Fall, ich wurde geboren. Meine Eltern ließen mich nicht im Rathaus registrieren und ich hatte auch nie eine Geburtsurkunde." (A. de Guerdavid 1997, S. 17)

Matéos Mutter stammte aus einer Manouche-Familie. Sie war eine Cousine des großen Sinti-Musikers Django Reinhardt, des Begründers des "Gypsy-Swing". Sie starb jung während der Geburt ihres sechsten Kindes in Belgien. Von Matéos Geschwistern erreichten zwei Brüder und zwei Schwestern das Erwachsenenalter. Die Maximoffs verließen Spanien und wanderten nach Frankreich, als Matéo drei Jahre alt war (1920). Matéos Muttersprache war Kalderaš-Romani, seine Zweitsprache Spanisch. Die Sprache, in der er sich später, abgesehen von Romani, am besten auszudrücken vermochte, war Französisch, die Sprache des Landes, in dem er den Rest seines Lebens verbrachte. Doch er vergaß auch Spanisch nicht – sein Sprachentalent hatte er von seinem Vater geerbt, der angeblich 23 Sprachen beherrschte.

Die Maximoff-Familie – Matéos Vater, die Brüder seines Vater und deren Familien – reiste durch Frankreich. Manchmal führte sie ihre Arbeit auch in die Nachbarländer. Hauptsächlich jedoch bewegte sie sich rund um Paris, wo laut Matéo Maximoff zwischen fünf- und sechstausend Kalderaš-Roma lebten. Sie arbeiteten vor allem als Kesselhersteller. Auch Matéo, sein Bruder und seine Cousins übten dieses Handwerk aus. Matéo wurde im Alter von vierzehn Jahren Waise und musste nun seine vier jüngeren Geschwister versorgen. Er arbeitete zusammen mit seinen Onkeln, die sich auch um die Waisen kümmerten.

Abgesehen von der Tätigkeit als Kesselhersteller beherrschte Matéo etwas, das außer ihm und teilweise seinem Vater niemand in dieser großen Familie konnte: Lesen und Schreiben. "Ich habe in meinem Leben nicht eine Stunde in der Schule verbracht", erzählte er uns (1997),

"mein Vater brachte mir die Buchstaben und bis zehn zu zählen bei. Den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Zu jener Zeit war ich ungefähr sieben oder acht Jahre alt. Auch mein Vater lernte als Soldat in Russland selbst Lesen und Schreiben. Die Welt würde von Roma-Schriftstellern überflutet werden, wenn Roma schreiben könnten! Allein um diese fantastischen Geschichten, die meine Onkel so farbenreich und spannend über ihr Leben in Russland erzählten, zu Papier zu bringen! Man müsste kein einziges Wort ändern. Es wäre genug, sie so niederzuschreiben, wie die Roma sie erzählten."

Dramen aus dem Leben seiner Familie, die im Laufe der Zeit, in der örtlichen Distanz und vor allem durch die Fantasie der Geschichtenerzähler mythisiert wurden, haben bei Matéo bereits in seiner Jugend den Wunsch entstehen lassen, sein literarisches Talent zu nutzen und die Geschichten aufzuzeichnen. Doch das Schreiben in Romani, der Sprache, in der die Geschichten erzählt wurden, schien ihm etwas vollkommen Unvorstellbares, "Nicht-Existierendes", etwas, was noch nie vorgekommen war. Es gibt jedoch frühe Beispiele schriftlicher Romani-Literatur: Der sowjetische Staat unterstützte nämlich zunächst die Sprache und Kultur kleiner Ethnien, und es wurden seit Beginn der 30er Jahre auch Märchen und Gedichte in Romani veröffentlicht. Doch hatte denn je ein Rom irgendwo auf der Welt von dem Romani-Schriftsteller und -Dichter Aleksander Germano, dem Autor Rom Lebedyev usw. gehört? Die Vorstellung, dass es Romani-Literatur nicht gibt und nicht geben kann, und das Fehlen jeder literarischen Ambition innerhalb der traditionellen Roma-Gemeinschaft standen lange Zeit Matéos Wunsch entgegen, die Familiengeschichten auf andere als mündliche Weise zu vermitteln.

Das Zusammenspiel zweier Faktoren verhalf Maximoff schließlich dazu, die in ihm keimenden literarischen Impulse tatsächlich zur Entfaltung zu bringen: ein blutiger Kampf zwischen zwei Roma-Familien, der dazu führte, dass Matéo mit anderen Roma ins Gefängnis kam; und das Insistieren seines Anwalts, Jacques Isorni, eine Schilderung des Kampfes und der Roma-Bräuche im Allgemeinen niederzuschreiben.

Karl Rinderknecht schreibt in einem Epilog zur deutschen Übersetzung von "Les Ursitory" (1954), darüber, wie Matéo Maximoffs erster Roman entstanden ist:

"Es geschah im Sommer des Jahres 1938 in der Mitte Frankreichs. Zwischen einem Klan von "Zigeunern" [Kalderaš-Roma, von denen Matéo Maximoff abstammte, Anm. M.H.] und einem Klan von Romanichel [englische Roma, Anm. M.H.] entstand in der Nähe von Issoire in Auvergne einer jener berühmten Kämpfe unter "Zigeunern", die die Gerichtshöfe Frankreichs allzu oft beschäftigten. Der Streit entstand, weil ein Mädchen aus der Maximoff-Familie entführt worden war. Der Streit der Familien endete mit Toten und Verletzten ... Eines Tages mussten sich schließlich alle, die am Kampf teilgenommen hatten, vor Gericht verantworten. Während der Befragung wurde festgestellt, dass von allen Jugendlichen nur Matéo nicht am Kampf beteiligt war. Er wurde jedoch dafür verurteilt, dass er alles beobachtet hatte (...)."

Matéo Maximoff hatte das Glück, dass ihm der vom Gericht bestellte Anwalt Jacques Isorni, der später ein herausragender Pariser Anwalt von bestem Ruf werden sollte, als Verteidiger zugewiesen wurde. Zu der Zeit, als er Matéo Maximoff vertrat, arbeitete er noch als junger, unerfahrener Provinzanwalt. Isorni hatte die ungewöhnliche Fähigkeit, den tatsächlichen Charakter eines Menschen zu erkennen. Er war sofort von der menschlichen Größe und dem Talent des jungen "Zigeuners" beeindruckt und vertrat ihn deshalb auf eine Art, die weit über den eigentlichen Verantwortungsbereich eines Anwalts hinausging. Bis zu seinem Tod war ihm Matéo Maximoff tief verbunden. Isorni schrieb über sein erstes Treffen mit dem jungen Angeklagten:

"Ich war der Erste, der ihn besuchte. Sofort fühlte ich mich von seiner Lebenskraft und der Lebendigkeit, mit der er seine Erfahrungen beschrieb, angezogen. Wir sprachen lange über sein Leben und die Gewohnheiten, Bräuche und die Traditionen der "Zigeuner", die sie auf bewundernswerte Weise ganze Jahrhunderte lang hochgehalten haben. Er erzählte mir, dass er einer der wenigen Zigeuner war, die lesen und schreiben konnten. Er hatte es sich selbst im Licht der Lagerfeuer und in einem Wohnwagen, den sie in ihrer Sprache vurdon nennen, beigebracht. Während dieser vertraulichen Gespräche wurde der Grundstein für die literarische Laufbahn Matéo Maximoffs gelegt – des Kesselherstellers, Weltreisenden und Angeklagten in einem Mordprozess (...). Matéo Maximoff langweilte sich in seiner Zelle. Ich riet ihm, in der Gefängniskantine einen Block Schulpapier zu kaufen und für mich einiges über das Zigeunerleben niederzuschreiben. Ich wollte die Aufzeichnungen später in meinem Schlussplädoyer in Puy-de-Dome verwenden. Nur, seine schöpferische Fantasie führte Maximoff über die Grenzen meiner Bitte hinaus. Ich wollte, dass er seine Erinnerungen, seine Ideen, einige Bemerkungen aufschrieb – und stattdessen lieferte er mir einen spontan geschriebenen Roman: "Les Ursitory"." (Seiten 213-215)

Matéo Maximoff schrieb seinen ersten Roman also "auf Bestellung" als "Notizen", die als Grundlage für ein Verteidigungsplädoyer dienen sollten. Der dramatische Charakter der Handlung und die Eindringlichkeit seiner Schilderungen bezeugen, dass Matéo nur einen kleinen Anstoß benötigt hatte, um von einem sehr beliebten Geschichtenerzähler bei den Treffen der Roma-Gemeinschaft zu einem Schriftsteller zu werden.

Der Roman spielt in Rumänien im achtzehnten Jahrhundert. Die (einzigen) zwei Gadže-Hauptfiguren des Romans sind der Graf Tilescu und seine Tochter Helena. Dem können wir entnehmen, dass die Handlung des Romans zu einer Zeit spielt, als es in Rumänien immer noch Edelmänner gab, wenngleich die Roma nicht mehr in Sklaverei lebten.

Aus dem kulturellen Rahmen dieses rumänischen Roma-Milieus entstammen auch die Ursitory – Engel, die das Schicksal der Neugeborenen vorhersagen, "Schicksalsgeister". Es sind drei an der Zahl: Der erste Engel sagt dem neugeborenen Kind, Arniko, dem Sohn von Tereina, voraus, dass er eine glänzende Zukunft haben wird. Der zweite sieht den plötzlichen Tod voraus. Der dritte und mächtigste Engel sucht einen Kompromiss: Er deutet auf das Feuer eines brennenden Holzscheits, neben dem die erschöpfte Mutter, das Baby und Tereinas Mutter, die drabarni (Zauberin, Hexe) Dunicha liegen, und verkündet, dass der Junge so lange leben wird, bis das Holzscheit zur Gänze abgebrannt sein wird. Die Zauberin Dunicha zieht sofort das Holzscheit heraus, löscht das Feuer und gibt das Scheit der Mutter, damit sie es sorgsam aufbewahre. Das Leben des Kindes hängt von diesem Holzscheit ab; solange das Scheit nicht vollkommen verbrennt, muss Arniko keine Krankheit und keine Gefahr fürchten. Wenn aber das ganze Scheit brennt, kann keine Macht der Welt ihn mehr vor seinem Tod beschützen.

Warum lebt Tereina nicht bei der Familie ihres Ehemannes? Eine richtige Braut (bori) folgt ihrem Ehemann, wird quasi zum Eigentum seiner Familie und steht unter dem "Joch" ihrer Schwiegermutter (sasvi). Vielleicht jedoch haben sie die Verwandten ihrer Familie verstoßen, weil die drabarni die Schwiegermutter für den Tode ihres eigenen Sohnes verantwortlich machte – Tereinas Ehemann: Er war sechs Monate nach seiner Eheschließung mit Tereina gestorben. Dunicha wusste von dem Tod ihres Schwiegersohnes (džamutro). Sie war bei seiner Geburt anwesend und hörte, was die Ursitory vorhergesagt hatten. Sie wusste auch, dass ihre Tochter sterben würde, wenn sie nicht vor ihrem zwanzigsten Geburtstag ein Kind gebären würde. Würde sie hingegen rechtzeitig ein Kind zur Welt bringen, würde sich die Dauer ihres Lebens verdoppeln. Ihre Mutter, Dunicha, willigte deshalb in die Verbindung der jungen Leute ein. Dunicha wusste auch, dass sie selbst kurz nach der Geburt ihres Enkelkindes eines gewaltsamen Todes sterben würde.

Tereina wollte Arniko taufen lassen. Die Taufe oder eine ähnliche Zeremonie, die von einer dazu auserwählten Person (einem Priester) durchgeführt wird, ist besonders wichtig: Sie erlaubt dem Kind, in die Gemeinschaft der Menschen aufgenommen zu werden, wodurch die Kräfte der "anderen Welt" keine übergeordnete Macht mehr über es haben. Bei der Taufe benötigt man einen Taufpaten und/oder eine Taufpatin. Aber niemand wollte Taufpate von Tereina sein, denn jeder fürchtete sich vor ihrer Mutter, der Zauberin. Schlussendlich stimmte eine der Schwiegertöchter zu – und starb drei Tage nach der Taufe.

Die Minesti, die Familie von Tereinas Ehemann, machte die Zauberin Dunicha für den Tod der Schwägerin verantwortlich und, in volltrunkenem Zustand, töteten die Männer Tereinas Mutter. Mit dem kleinen Arniko in ihren Armen ergriff Tereina die Flucht – aus Angst, ihr würde dasselbe Schicksal widerfahren. Sie versuchte, die Verwandten ihres verstorbenen Vaters oder ihrer Mutter, die Ilikesti, zu finden. Es war kalt, frostig und es lag tiefer Schnee. Durch einen Sturm überschlug sich ihr Wagen, ihr erschöpftes Pferd starb und die junge Frau fiel mit ihrem Kind im Arm bewusstlos in den Schnee.

Graf Tilescu fand Tereina und Arniko. Er nahm sie aus Mitleid auf, doch wieder spielte das Schicksal, das die Handlung aller Romane von Maximoff lenkt – weil es auch das Leben der Roma leitet –, eine entscheidende Rolle. Denn Graf Tilescu war als kleiner Junge todkrank gewesen. Als seine Familie bereits jede Hoffnung auf seine Genesung aufgegeben hatte, erschien in der Gegend eine reisende "Zigeunerin" und heilte ihn: Es war die drabarni Dunicha – Tereinas Mutter.

Statt einer Woche blieb Tereina ganze siebzehn Jahre in den Diensten von Graf Tilescus Hof. Tilescu war Witwer; seine Frau war bei der Geburt ihrer Tochter Helena verstorben, kurz bevor er Tereina mit dem kleinen Arniko in den Wäldern gefunden hatte.

Tereina sprach mit Arniko Romani und lehrte ihm die Bräuche der Roma. Zur selben Zeit jedoch ließ auch der freundliche Graf dem Jungen eine Ausbildung zukommen und vermittelte vermittelte ihm die Kenntnisse des feinen, aristokratischen Benehmens.

Das Motiv der zweifachen kulturellen Erziehung kommt in Maximoffs Arbeiten oft vor. Im Buch "Ce Monde qui n'est pas le mien" ist es der Protagonist Ruvaa (Wolf), der, nachdem er sich als vierjähriges Kind im Wald verirrt hat, von Mönchen gerettet wird. Er verbringt daraufhin einige Jahre im Kloster und bringt sich selbst Lesen, Schreiben und das Spiel der Balalaika bei – dann aber verlässt er das Kloster und kehrt zu seinen eigenen Leuten zurück.

Wahrscheinlich projizierte der Autor in diese Figuren seine eigene Erfahrung, die zu jener Zeit und im Hinblick auf die Lage der Kalderaš in Frankreich ziemlich außergewöhnlich war: Der Roma-Held ist all seinem Wesen nach ein Rom; doch bestimmte Gadže, die den Roma freundlich gegenübertreten, erweitern seine Kenntnisse und machen ihn mit der Welt der Literatur vertraut. Im Fall von Matéo Maximoff selbst steht der Anwalt Isorni an erster Stelle. Im Vorwort zu seinem Roman "La Septième fille" erwähnt der Autor Robert Guizelin, mit dem er nach dem Krieg Zeit verbracht und "Zeit zum Denken und Schreiben" hatte. (Seite 14). In Bezug auf Arniko ist der großmütige Gadžo der Edelmann Tilescu. Der Held Ruvaa wiederum wird von Mönchen, die Gott repräsentieren, erzogen – und Gott macht zwischen den Menschen keine Unterschiede. Weder die Mönche noch der Adel nehmen gegenüber den Roma dieselbe Haltung ein wie ein durchschnittlicher Gadžo.

Der Rom Arniko und die Tochter des Edelmanns Helena wuchsen gemeinsam auf und verliebten sich ineinander – ohne dem anderen je ihre Gefühle zu gestehen. Arniko brachte – als "Zigeuner" – nicht den Mut auf, Helena seine Liebe zu erklären, und Helena, als Mädchen, wagte nicht, ihn zu fragen. Unklar bleibt, ob sich der Graf einer Verbindung dieser beiden jungen Menschen in den Weg stellen würde. Er hegte freundliche Gefühle auch für Arniko, und als der tapfere Junge ihm bei einer Jagd das Leben rettete, indem er einen tobenden Bären erschoss, fühlte er sich ihm umso inniger verbunden.

Als Arniko siebzehn Jahre alt wurde, beschloss Tereina wegzugehen. Die Ursitory jedoch hatten ihr vierzig Lebensjahre zugestanden und so blieben ihr nur noch drei Jahre, um Arniko mit einem Roma-Mädchen zu verheiraten und ihrer Schwiegertochter den "Holzscheit von Arnikos Leben" zu übergeben.

Arniko fand sich bei den Minesti, den Verwandten seines Vaters, wieder. Obwohl sein Vater ein Mitglied dieser Familie war, war der Zorn gegen die drabarni Dunicha, seine Großmutter mütterlicherseits, noch immer nicht vergessen. Nur durch sein perfektes Wissen über die Roma-Bräuche, die traditionelle Höflichkeit der Roma und sein kultiviertes Verhalten entging er einem Kampf. Und nur deshalb war man daraufhin bereit, ihn als Gast zu akzeptieren.

Im Lager der Minesti verliebte er sich auf den ersten Blick unsterblich in die Tochter des vajda (Führer der Roma-Gemeinschaft), Parňi (vgl. Bianca; ein Name, der die Schönheit des Mädchens ausdrücken soll). Nach reiflichem Überlegen war der vajda schließlich bereit, der Ehe zuzustimmen, hauptsächlich weil ihm Arniko angeboten hatte, für ihn ein Jahr lang ohne Lohn zu arbeiten. (Eine Versuchszeit, in der ein junger Mann, der um die Hand der Tochter bittet, ohne Bezahlung für den Vater des Mädchens arbeitet, ist ein üblicher Brauch in verschiedenen vorarischen Kasten in Indien, z.B. bei den fahrenden Schmieden, gade lohars, Anm. M.H. [Rom-Ḍom]) Die anderen Männer – Söhne und Brüder der Minesti-Familie – jedoch waren strikt gegen die Heirat von Parňi und Arniko und bereiteten eine gemeine Falle für Arniko vor. Als er zu seiner Mutter ging, um sie darum zu bitten, für ihn um Parňis Hand anzuhalten, schickten sie ihm zweiundzwanzig der kräftigsten jungen Männer hinterher, die ihn in einem ungleichen Kampf töten sollten. Doch Arniko besiegte sie im Wald. Es hatte nicht anders kommen können, als dass er sie besiegte, denn die Ursitory hatten bestimmt, dass er erst sterben würde, wenn das Holzscheit seines Lebens abgebrannt war. Also musste er leben.

Währenddessen erstach sich Parňi mit einem Messer: Sie hatte von der Falle erfahren und konnte nicht glauben, dass Arniko lebend davonkommen würde. Außerdem hatte ihre Familie eiligst ihre Verlobung mit einem anderen vorbereitet. Parňis Tod und die schmachvolle Niederlage der zweiundzwanzig Kämpfer hatten ihren Hass gegen Arniko und gegen die Familie seiner Mutter, die Ilikesti, zu unüberwindbaren Ausmaßen geschürt. Die Kampfeswut der Minesti-Familie indes war starr vor Todesangst vor Arniko, von dem sie glaubten, er habe übernatürliche Kräfte.

Matéo Maximoff löst die Situation dieses Hasses zwischen den zwei Familien durch die kris, das Roma-Gericht. Er ergreift die Gelegenheit und beschreibt im Detail die Prinzipien und Vorgehensweise dieser traditionellen Einrichtung der Roma. Im Grunde zeigt die große Anzahl der Kämpfe, deren Ursachen und Lösungen, die den Roman überfrachten, deutlich die Absicht des Autors, dem Wunsch des Anwalts Isorni nachzukommen und ihm Aufschluss über diesen besonderen Bereich des traditionellen Lebens der Roma zu geben. (Vergessen wir nicht, das Matéo Maximoff seinen ersten Roman im Gefängnis, kurz nach dem großen Streit zwischen den Familien, geschrieben hat.)

Um die Handlung weiterzuführen, ist es wichtig zu erwähnen, dass Tereinas Mutter eine Frau für Arniko finden musste. Sie wählte ein Mädchen namens Orka. Die Tage und die Zeit, die ihr noch verblieb, bis ihr vorherbestimmter Tod näher rückte, flossen dahin. Arniko lehnte Orka zwar nicht ab, doch er liebte sie nicht. Als kleiner Junge hatte er heimlich Helena geliebt, später hatte er sich leidenschaftlich und auf den ersten Blick in Parňi verliebt – und nun heiratete er Orka, weil gehorsame Söhne das Mädchen heiraten, das die Eltern für sie ausgesucht haben. "Sie wird dir Söhne schenken. Sie wird die Mutter deiner Kinder sein. Du wirst dich an sie gewöhnen!", sagen Roma-Mütter. Und so geschah es auch.

Arniko lebte über ein Jahr lang friedvoll mit Orka zusammen. Sie gebar ihm einen Sohn. Ihr Leben folgte den Roma-Bräuchen und unterschied sich nicht von dem anderer, gewöhnlicher Ehen. Die Mutter übergab ihrer Schwiegertochter das wertvolle Scheit von Arnikos Leben und bereitete sich in Frieden darauf vor, aus dieser Welt zu scheiden. In Kürze würde sie vierzig Jahre alt sein und sie wusste, dass ihr nicht mehr Zeit zugestanden wurde. Und in der Tat starb sie kurz darauf, bald nachdem sie ihren vierzigsten Geburtstag erreicht hatte.

Durch Zufall erfuhr Arniko, dass Helena Tilescu, die er seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte, in Kürze heiraten würde. Sie sollte die Frau eines älteren, ehrenhaften Edelmann werden. Arniko fasste daraufhin den Entschluss, sie aufzusuchen und ihr Glück für ihre Ehe zu wünschen. Er ging zur Burg und wurde mit offenen Armen empfangen. Aber kaum hatte er die Liebe seiner frühen Jugend erblickt, verliebten sie sich erneut ineinander. Auf das Drängen Helenas blieb Arniko in der Burg und "nahm ihre Ehre". Unklar blieb, ob Graf Tilescu der Ehe seiner Tochter mit dem "Zigeuner" Arniko zustimmen würde. Dennoch erzählte Arniko seiner Frau Orka, dass er sie nicht liebe. Obwohl Orka ihn im Namen seines Sohnes anflehte, zu bleiben, verließ sie Arniko. In einem Anfall von Verzweiflung, Wut und Eifersucht nahm Orka das Scheit von Arnikos Leben und warf es ins Feuer.

Arniko ging gerade durch den Wald und ohne es zu bemerken, fand er sich an der Stelle wieder, wo seine getötete Großmutter Dunicha begraben war. An diesem Ort angekommen fühlte er plötzlich eine Schwäche in seinem Herzen. Sobald das Scheit seines Lebens sich entzündet hatte begann Arniko, an Kraft zu verlieren. Das Scheit verbrannte und Arniko starb.

Der Roman "Les Ursitory" kann in einem Zug gelesen werden. Dieser Geschichte ihre Romantik, fehlende Logik und Unwirklichkeit vorzuwerfen, wäre absurd. "Les Ursitory" ist ein typisches mythologisierendes Roma-Märchen, worin übernatürliche Wesen und Kräfte Teil einer komplexen, mehrschichtigen Realität sind, deren Dimensionen dem "rationalen" Leser der "westlichen Zivilisation" fremd geworden sind.

Matéo Maximoff begann im September 1938, die Geschichte über Arniko zu Papier zu bringen: "Ich habe das Märchen geschrieben, das mir mein Großvater und meine Großmutter erzählt hatten. Als ich das Gefängnis verließ, ging ich nach Paris – das war im Juli 1939 – und ich brachte das Manuskript Monsieur Isorni. Der Anwalt sah sich das Manuskript an und sagte: "Das ist im Stil von Hugo! Der Stil von Maupassant! Nein – der Stil von Maximoff!"" Daraufhin folgten die ersten Verhandlungen über die Veröffentlichung des Buches.

Am 3. Oktober 1939 erklärte Frankreich dem nationalsozialistischen Deutschland den Krieg, worauf eine Welle von Hass und Hysterie, die sich gegen die "Zigeuner-Nomaden", die Roma, richtete, entbrannte; als Rationalisierung bediente man sich dabei der Behauptung, "Zigeuner-Nomaden" würden für die Deutschen spionieren. Verschiedene französische Départements verwiesen Roma des Landes und viele Roma-Familien versuchten, nach Spanien zu fliehen. Doch nur sehr wenige schafften es, die Grenze zu überqueren.

Die Maximoffs gehörten zu jenen, die es zumindest bis zur Landesgrenze schafften. Sie wurden jedoch verhaftet und im Lager Gurs in den Pyrenäen an der französisch-spanischen Grenze interniert. Juden und Mitglieder der spanischen Internationalen Brigaden waren bereits in Gurs inhaftiert – nun kamen noch ungefähr zweitausend Roma dazu. Die Maximoffs blieben mit den anderen 42 Tage im Lager – die Männer getrennt von den Frauen –, danach wurden die "Zigeuner" von der Polizei in ein "Zigeuner"-Lager in Tarbes gebracht. Auf Tarbes (von August 1940 bis Mai 1941) folgte die Überstellung in ein Internierungslager für "Nomaden" (also für Roma) in Lannemazan. Während des Krieges zerbrach Matéos Ehe mit seiner ersten Frau. Sie gehörte einem anderen Roma-Klan an, und als die Maximoffs interniert wurden, ging sie mit ihren Verwandten weg.

Matéo Maximoff gab die Absicht, "Les Ursitory" zu publizieren, sogar im Internierungslager nicht auf. Er hoffte, die Veröffentlichung würde ihm und seiner Familie zur Freiheit verhelfen. Er bekam vom Lager jedoch nur einen Fünf-Tages-Pass – und auch das nur dank der Intervention des Anwalts Isorni. Matéo Maximoff fuhr zu ihm nach Paris. "Ich gab ihm eine Vollmacht, mit der er die Verträge mit dem Verlag Flammarion (einem namhaften französischen Verlagshaus, Anm. M.H.) für mich unterzeichnen konnte. Im Jahr 1942 bekam ich den Vertrag ..., das Buch erschien aber erst nach dem Krieg im Jahr 1946."

Die Verwandtschaft von Matéo Maximoff – ungefähr vierhundert Menschen – war im Zweiten Weltkrieg 31 Monate lang interniert. Über diese schreckliche Zeit schrieb Matéo Maximoff das Buch "Routes sans roulottes" ("Straßen ohne Wägen").

Die französischen Internierungslager für "Nomaden" waren zwar nicht so unerbittlich und schrecklich wie die deutschen Vernichtungslager, jedoch waren die Lebensbedingungen verheerend. In einem Interview mit der Soziologin Eva Brabant meinte Matéo Maximoff: "Als ich im Alter von 23 Jahren ins Lager kam, wog ich 75 Kilo. 31 Monate später hatte ich 44 Kilo und sah wie ein mit Haut überzogenes Skelett aus. Ich war so dünn, dass die Leute der Meinung waren, ich hätte Tuberkulose. Auch ich kann es kaum glauben, dass ich das überlebt habe. Ich war aber nicht der Einzige, der so aussah. Die anderen Roma waren im selben Zustand." (Brabant 1999, S. 181-182).

Die französischen Internierungslager für "Nomaden" waren von Stacheldraht umgeben, jedoch durften die internierten Roma, Manouche und Kale das Lager verlassen und eine bestimmte Zeit lang in der ihnen gestatteten Umgebung versuchen, das Nötigste zum Überleben zu organisieren. In vielen Lagern bekamen die Gefangenen weder Essen noch Brennstoffe. In Tarbes waren die Roma in einem ehemaligen Spital untergebracht – mit Fenstern und Türen, die völlig undicht waren, und im Winter sank die Temperatur unter den Gefrierpunkt.

Den Maximoffs erging es besser als den Sinti oder Kale. Da sie Kessel und andere Haushaltsgeräte reparieren konnten, fanden sie in der Gegend Arbeit, verdienten etwas Geld und gewannen zudem die Sympathien der Bevölkerung der Umgebung.

Laut Kenrick und Puxon (1972) waren von den insgesamt 40.000 Roma in Frankreich 15.000 Opfer der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Jahre 1939 bis 1945. Von Matéos Verwandten wurden in Polen an einem einzigen Tag 27 Cousins, Onkel und Tanten ermordet. In Holland töteten die Nationalsozialisten später die zweite Frau seines Vaters und ihre Tochter. ["Erste Deportationen und Internierung in Sammellager"]

Nach dem Krieg klagte Matéo Maximoff bei einem deutschen Gericht die Anerkennung als Opfer rassischer Verfolgung ein. Nachdem die Anerkennung über vierzehn Jahre hinausgezögert worden war, gewann er schlussendlich den Fall und bekam als Wiedergutmachungszahlung auf Lebenszeit eine nicht unbedeutende monatliche Summe. Im Ganzen werden die Roma allerdings erst seit dem Jahr 1982 als Opfer rassischer Verfolgung anerkannt.

Maximoffs erster Roman "Les Ursitory" wurde 1946 veröffentlicht. Der Erfolg des Buches stellte seine schriftstellerischen Fähigkeiten unter Beweis und bekräftigte seinen lange Jahre schlummernden Wunsch, Geschichten, Ideen und Botschaften in einer Form mitzuteilen, die bislang eher ungewöhnlich war: nämlich in schriftlicher Form. Mit den Worten seiner literarischen Helden – wie der Romni Mameliga, die weder Schreiben noch Lesen kann – drückt Matéo Maximoff seinen Wunsch und sein Bedürfnis aus, die nennenswerten Ereignisse im Leben der Roma festzuhalten, um sie über die Grenzen der Roma-Gemeinschaft hinaus bekannt zu machen.

Als Mädchen hatte Mameliga ein Grauen erregendes Erlebnis: Ihr toter Verlobter versuchte, sie zu sich ins Grab zu ziehen. Sie konnte sich retten, indem sie ihr Kleid in kleine Stücke riss und sie ihm zuwarf. (Ein häufiges Motiv in der russischen Roma-Literatur; eine tschechische Analogie stellt "Svatební Košile" ["Die Braut des Geistes"] aus Karel Jaromír Erbens "Kytice" ["Bouquets"] dar; Anm. M.H.). Mameliga erzählt ihr Erlebnis während einer Totenwache (vartování), um es im Gedächtnis der Anwesenden zu verankern und es ihnen zu ermöglichen, es auch an die Nachkommen weiterzugeben ... ""Vielleicht kann einer von euch ja schreiben", wendet sie sich an die Männer, "doch keine von uns Frauen kann es. Könnte ich es, würde ich meine Geschichte aufschreiben, aber ich kann das nicht. Wie schade!"" ("La Poupée de Mameliga", 1986, S. 17)

Charakteristisch für alle anderen Romane, Geschichten und Märchen von Matéo Maximoff, wie in der detaillierten Behandlung von "Les Usitory" und "Ce Monde qui n'est pas le mien" gezeigt wurde, ist Folgendes: die Darstellung einer komplexen "Roma-Realität", die Nicht-Roma als "irreal" oder "surreal-übernatürlich" empfinden mögen, die aber in Wirklichkeit ein wesentlicher Teil des Roma-Lebens ist. Schicksal, Träume, Gespenster und Totengeister (mulo), Wesen von einer "anderen Welt" sind ein untrennbarer Teil des Alltags. Doch über allem steht eine übergeordnete Kraft – die Verkörperung des Guten, pat'iv (Ehre), Ordnung – Gott.

Diese Vorstellungswelt lässt sich wahrscheinlich am deutlichsten – wenn auch nicht auf direkte Art – in den verschiedenen Orten erkennen, die in Maximoffs viertem Roman, "La Septième fille" ("Die Siebente Tochter") (1982), vorkommen. Die siebte (jüngste) Tochter einer Mutter, die wiederum die siebte Tochter ihrer Mutter ist, wird zu einer drabarni (Hexe, Zauberin) (Seite 41). Nun eilt einer Hexe, auch wenn sie noch nie jemandem etwas zuleide getan hat, ein schlechter Ruf voraus und sie heiratet nur in den seltensten Fällen (Seite 43). Ihr geringes Ansehen resultiert daraus, dass sie mit Kräften umzugehen versteht, die außerhalb der menschlichen Macht liegen. Es sind Kräfte, die allein Gott zustehen.

Doch warum lässt Gott es dann zu, dass ein Mädchen als siebte Tochter einer siebten Tochter auf die Welt kommt und – gegen ihren Willen – zu einer drabarni wird? Das ist das Schicksal; ein Rätsel; ein "problème bien mystérieux" ("ein sehr mysteriöses Problem") – und der Verstand des Menschen ist zu beschränkt, es zu verstehen (Seite 25). Und so entdeckt Silenka im Roman "La Septième fille" bereits in ihrer frühesten Kindheit, dass sie ein Wesen mit "magischen Kräften" ist. Die alte drabarni Dharani hat sie ausgewählt, um ihre Kräfte auf sie zu übertragen; unter anderem aus dem Grund, weil eine Hexe nicht sterben kann, ohne zuvor ihr Wissen an eine andere Frau weitergegeben zu haben, die mit all ihren magischen Kräften umgehen kann.

In völligem Gegensatz zu Dharani steht ihr lebenslanger "philosophischer" Widerpart: Voso. Er ist ein Mann mit modernen Ideen, ein Humanist, der mit seinem allumfassenden Überblick selbst Gadže im Kreis der Menschen, denen er Respekt und Zuneigung entgegenbrachte, zulässt. zulässt. Und trotzdem unterliegt Voso, der Held, mit dem sich der "moderne" Leser identifiziert – und mit dem auch der Autor sympathisiert –, im Kampf gegen die drabarni – wenn auch nicht tatsächlich gegen Dharani selbst, sondern gegen die Kräfte, die jede Hexe besitzt.

Dharani stirbt am Ende des Romans. Der Vater der kleinen Silenka hält seine Tochter in den Armen und sagt, in der Hoffnung, dass das Mädchen nun endlich vor der Hexe sicher sei, aufatmend über Dharani: "Das ist der Ende der alten Hexe!" Und Voso antwortet (und denkt dabei an die vierjährige Silenka): "Und die Geburt einer neuen!" (Seite 200). Das ist die letzte Zeile des Romans, und somit Maximoffs Kredo.

Es ist bemerkenswert, dass die "Geburt einer neuen Hexe" während der Jahre von Krieg und Verfolgung inmitten eines Internierungslagers, in das Roma eingeliefert worden waren, stattgefunden hat. Die Geschichte ist durchzogen von Schilderungen der schrecklichen Situation: Hunger, Kälte, Angst, verzweifelte Überlebenskämpfe. Silenkas Todesangst vor Dharani, die das Kind fortwährend alleine lässt, um irgendwo umherzuwandern und dann zu verschwinden – wodurch Dharani die Möglichkeit erhält, ihr Wissen an einem abgelegenen Ort auf sie zu übertragen –, ist schlimmer als die Angst vor der Realität von Krieg, Verfolgung und Vernichtung.

Unaufdringlich streut Matéo Maximoff in die Handlung seiner Romane Informationen über die alten traditionellen Bräuche der Roma ein: wie sie sitzen (auf überkreuzten Beinen), wie die Frauen kochen (der erste Teller mit Essen wird jemandem in der Gemeinschaft außerhalb des engsten Familienkreises angeboten), wie sich eine Ehefrau gegenüber ihrem Mann zu verhalten hat und wie der Ehemann gegenüber seiner Frau, und weitere wichtige Details, in denen romipen (Roma-Identität) zum Ausdruck kommt. Matéo Maximoff stellt die Kultur der Roma systematisch vor. Im Vorwort zu seinem Roman "La Septième fille" sagt er:

"Wer das Wort "Zigeuner" hört, assoziiert es sofort mit einer Vorstellung von Freiheit, Musik, Tanz und Zauberei. Das Bild des "sinnlichen Zigeunermädchens", das barfuß um ein Feuer tanzt und die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zieht, indem es seine nur teilweise verhüllten Brüste provozierend zur Schau trägt, wurde immer wieder in Filmen strapaziert und hat sich so im Gedächtnis der Zuseher verankert. Und doch konnte weder ein Nicht-Rom noch ein Rom jemals eine solche Szene gesehen haben – und zwar aus einem einzigen Grund: Ein Roma-Mädchen würde niemals barfuß und mit halb entblößten Brüsten um ein Feuer tanzen. Jene Leute, die solche Dinge verbreiten, wissen ganz offensichtlich nichts über die tatsächlichen Gesetze der Roma. Denn wenn ein Roma-Mädchen es wagen würde, ihre nackten Beine und Arme zu zeigen oder ihre Brüste zu enthüllen, würde sie sofort als Hure bezeichnet werden. Mitunter schlug man sie oder schloss sie aus der Gruppe aus."

Obwohl Matéo Maximoff stets auch das beschreibt, was man eine "ethonographische" Darstellung von Roma- bzw. Kalderaš-Bräuchen nennen könnte, fügen sich diese Schilderungen immer unauffällig in die Handlung ein und stören den eigentlichen Erzählfluss nicht. Ohne dass sich der Leser dessen richtig bewusst ist, durchdringen die Informationen über die Roma und ihr Leben, ihre Kultur, ihren Glauben – ihre čačo čačipen (die wirkliche, echte, authentische Realität) – sein Denken und Fühlen.

In dem Buch mit Gruselgeschichten über tote Geister, "La Poupée de Mameliga" – mit dem Untertitel "Le Livre de la peur" ("Das Buch der Angst") –, kommt der Autor seinem Anliegen, über die Details der Roma-Kultur zu informieren, nach, indem er die Erzählungen mit ausführlichen Anmerkungen versehen hat.

Was kann über das Privatleben Matéo Maximoffs gesagt werden? In unserem Interview (1997) haben wir nicht viel mehr erfahren, als bereits erwähnt worden ist. Matéo hatte vier Ehefrauen. Seine erste Ehe wurde während des Kriegs gelöst. Aus dieser Ehe stammt ein Sohn, der im Jahr 1997 61 Jahre alt war und Großvater Matéo fünf Großenkel geschenkt hatte. Seine zweite Ehefrau, die einer Sinti-Familie angehörte, starb kurz nach dem Krieg. Über die weiteren zwei hat Matéo nicht gesprochen. Viele Jahre lang lebte er alleine und sehr bescheiden in einer kleinen Wohnung in Romainville, einem Vorort von Paris. Seine Tochter und Enkeltöchter putzten – und kochten manchmal – für ihn. Oft aß er im nahen Restaurant seines algerischen Freundes.

Maximoff hat dafür gesorgt, dass das Restaurant mit Fotos der Roma und seines eigenen Lebens, der Roma-Flagge, die er selbst gehäkelt hatte, mit Postern von Roma-Ereignissen und vielen Aufnahmen seiner seelsorgerischen Aktivitäten dekoriert wurde. Seine pastorale Tätigkeit haben wir bis zum Ende zurückbehalten – etwas, das für Matéo Maximoff von unmessbarer Bedeutung in seinem Leben war.

Im Vorwort zu seinem Roman "La Septième fille" schreibt der Autor: "... Meine Leute sind freier als früher. Trotzdem stehen vor uns viele Barrieren. Ich habe auch an die Tatsache gedacht, dass sich die Menschen nur durch ihre Kultur und durch ihre Religion wirklich befreien können ... Gott wollte, dass ich mich Ihm zuwende, und ich wurde ein evangelischer Pastor. Seit 1961 bin ich einer. Seit damals habe ich mich sehr verändert. Ich habe nicht mehr dieselben Meinungen wie zuvor. Glücklicherweise." (Seite 15)

Matéo Maximoff sprach bei Versammlungen der Roma und versuchte, die Zuhörerschaft mit einer Ethik von Liebe von Brüderlichkeit zu erfüllen, die über die Grenze zwischen Roma und Gadže hinausreicht. Das literarische Werk, das seine Hinwendung zum christlichen Glauben am deutlichsten ausdrückt, ist die Übersetzung des gesamten Neuen Testaments ins Kalderaš-Romani. Matéo Maximoff hatte auch begonnen, das Alte Testament zu übersetzen, aber eine Krankheit und sein Tod haben verhindert, dass er diese Arbeit abschließen konnte.

Um dieses Porträt von Matéo Maximoff zu vervollständigen, muss noch auf einen bemerkenswerten Widerspruch eingegangen werden: Wie konnte er seinen christlichen Glauben und seine Pastoraltätigkeit in Einklang bringen mit seiner offensichtlichen Neigung, an die Existenz von mamiori, drabarni, mulo und anderen Kräften zu glauben, die das Christentum nicht anerkennt? Matéo Maximoff schreibt darüber in einer Fußnote seiner Geschichte "La Poupée de Mameliga" (Teil einer Sammlung von "Gruselgeschichten" gleichen Namens):

"Die Geschichte des verstorbenen Mannes, der seine Frau besucht, kommt in unserer Erzählkultur sehr häufig vor. (Das gleiche gilt für die so genannten Servika-Roma in der Slowakei; Anmerkung M. H.). Sie existiert in unterschiedlichen Varianten. Eine davon erzählt sogar davon, dass die Witwe von ihrem verstorbenen Ehemann geschwängert wurde, aber ihre Kind überlebte nicht lange. Die Geschichte (von Mameliga, siehe oben; Anm. M. H.) hielt sich ebenso hartnäckig in unserer Literatur wie der Glaube an ihren Wahrheitsgehalt. Im Laufe der letzten Jahrzehnte geriet sie dann in Vergessenheit, vor allem deshalb, weil viele Roma Christen wurden und der Evangelischen Zigeuner-Bewegung beitraten. Ich selbst zögerte lange, diese gruseligen Geschichten zu erzählen, da ich Pastor der Evangelischen Zigeuner-Mission bin. Aber ich denke, es wäre schade, die reiche Erzähltradition der Roma zu verlieren. Daher sollte man diese Geschichten als bloßes Zeugnis unserer Kultur verstehen und nicht versucht sein, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Ich habe sie Hunderte Male gehört und kann Ihnen versichern, dass sie sicherlich nicht meiner Fantasie entstammen. Mit ihnen konnte ich einschlafen und gleichzeitig erfüllten sie meine Jugend mit Schrecken. Außerdem bin ich der Ansicht, dass diese Erzählungen nicht ausschließlich auf Fiktion beruhen. Ich selbst habe bestimmte Erfahrungen mit dem Teufel (beng), der Hexe (čohano) und dem Totengeist (mulo) gemacht. Ich wurde Zeuge einer Reihe seltsamer Phänomene, die ich bis heute nicht erklären kann. Aber ich weiß ..., dass ich in Gottes Hand bin und dass Gott das Werk des Teufels zerstört, so wie es in der Bibel geschrieben steht..."

Man sagt: "Šaj tuke vakeren jekh gono lava, savo hino o thud – aže džikim les na pijčal tu, na džaneha, savo hino!" (Wörtlich: "Sie können dir einen ganz Sack von Worten geben, die dir beschreiben, wie Milch schmeckt – aber solange du sie nicht selbst gekostet hast, wirst du es nicht wissen.") So verhält es sich auch mit den Werken von Matéo Maximoff – wie übrigens auch von jedem anderen Autor: Solange der Leser sie nicht selbst gelesen hat, wird er weder ihren spezifischen Charakter erkennen noch den Autor selbst verstehen können. Um das zu erreichen, ist es jedoch notwendig, die Arbeiten eines der ersten und bedeutendsten Roma-Autoren allen Lesern der Welt zugänglich zu machen.

Die Frage nach der Sprache, in der Matéo Maximoff den weitaus größten Teil seiner Werke verfasste, soll als Nachtrag zu diesem Porträt behandelt werden. Obwohl uns der Roma-Autor in unserem Pariser Interview 1997 erzählte, dass die Sprache, der er sich am engsten verbunden fühlte, das Romani sei, verfasste er all seine Werke, abgesehen von einigen wenigen seiner großteils noch unveröffentlichten Erzählungen auf Französisch.

Hätte er erst vor zehn oder fünfzehn Jahren zu schreiben begonnen, hätte er vielleicht ausschließlich im Kalderaš-Dialekt des Romani geschrieben, in den er auch das Neue Testament übersetzt hat. In jüngster Zeit werden – dank der wachsenden internationalen Roma-Bewegung [Emanzipationsbestrebungen auf internationaler Ebene] – in vielen Ländern Europas immer mehr Bücher von Roma-Autoren in Romani veröffentlicht, und das hat verständlicherweise immer mehr Autoren dazu ermutigt, in ihren jeweiligen Romani-Varianten zu schreiben. Zur Zeit, als Matéo Maximoff seinen ersten Roman verfasste – zum Zweck der Verteidigung durch seinen französischen Anwalt –, war die Veröffentlichung eines Buches in Romani noch unvorstellbar.

Einige wenige Übersetzungen aus der Bibel, wenige literarische Arbeiten, die für kurze Zeit in der Sowjetunion veröffentlicht wurden, und Beispiele aus der Volkskunst, die von Experten gesammelt wurden, die selbst nicht der Roma-Gemeinschaft angehörten, gelangten lediglich in abgeschlossene Informationszirkel, die zu eng dafür waren, andere Roma-Schriftsteller zu inspirieren, sich in Romani auszudrücken.

Es ist höchste Zeit, dass die bemerkenswerten und großartigen Werke des Roma-Schriftstellers Matéo Maximoff aus dem Französischen übersetzt werden, nicht nur in andere europäische Gadže-Sprachen, sondern vor allem auch ins Romani. Seine Werke hätten das sicherlich verdient. Und auch die Sprache der Roma (Romani), die durch diese Übersetzungen zweifellos bereichert werden würde.

Literatur

Brabant, Eva (1999) Entretien avec Matéo Maximoff. In: Etudes Tsiganes 13, pp. 180-185.
Guerdavid, Anne de Mes Rencontres avec Matéo Maximoff (manuscript).
Hancock, Ian F. (2001) Země utrpení. Dějiny otroctví a pronásledování Romů, Praha.
Kenrick, Donald S. / Puxon, Grattan (1972) The Destiny of Europe's Gypsies. London.
Maximoff, Mateo (1954) Die Ursitory. Zigeunerroman, Zürich.

Bibliographie

Romane lila. http://www-gewi.uni-graz.[...]/romani/lila/index.en.htm.
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Matéo Maximoff (1917-1999)