Paula Nardai

Paula Nardai wurde am 12. April 1923 in Rumpersdorf (im Bezirk Oberwart / Burgenland / Österreich) [Burgenland-Roma] geboren, wo sie bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz-Birkenau im Jahr 1943 zusammen mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern Emmi (geb. 1927), Karl und Josef (geb. 1935) lebte.

Paulas Berichten zufolge gab es zu jener Zeit in Rumpersdorf zwei "Zigeunersiedlungen", die beide am Rande des Dorfes lagen. Ihre Eltern arbeiteten im Dorf, ihr Großvater war früher Schmied gewesen. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Schule verlassen musste und ihrem jüngeren Bruder, der gar nicht erst eingeschult wurde, konnte Paula die Volksschule Rumpersdorf 1938 absolvieren, danach arbeitete sie als Hilfskraft in der Landwirtschaft, zunächst in Rumpersdorf selbst, ab 1939 im Nachbarort Hodis.

In diesem Jahr wurden die Ersten ihrer Verwandten interniert: Ihre beiden Onkel kamen ins KZ Dachau, ihre Tante nach Ravensbrück. ["Kriminalpolizeiliche und rassenkundliche Erfassung der Zigeuner" / "Erste Deportationen und Internierung in Sammellager"] Von 1940 bis 1943 war Paula am Meierhof der Gräfin Bátthyani in Rechnitz beschäftigt.

Am 15. April 1943, also kurz nach Paulas zwanzigstem Geburtstag, wurde ihre Familie von Rechnitzer Gendarmen nach Weiden geführt und mit Lastwagen nach Rechnitz gebracht. Von dort transportierte man sie zusammen mit anderen "Zigeunern" aus den umliegenden Orten (Podgoria, Althodis und Zuberbach) in Viehwaggons nach Auschwitz. Einzig Paulas Bruder Karl entging der Deportation, er überlebte die NS-Zeit unerkannt in Deutschland.

Paula, die die KZ-Nummer Z-7342 bekam, und ihre Familie waren Teil eines Transportes, der im illegalen Häftlingskalendarium von Auschwitz folgendermaßen vermerkt wurde: "16.4.1943: Häftlingstransport aus Österreich: 1874 Zigeuner. 938 Frauen und Mädchen erhielten die Nr. Z-6791 - Z-7728."

Im Lager musste Paula wie alle anderen Häftlinge Zwangsarbeit verrichten. Sie war der so genannten "Außenschicht" zugeteilt, die Steine für den Straßenbau heranzuschaffen hatte. Bis 1945 verlor Paula alle Angehörigen: Zuerst ihre Mutter, die erkrankte und aus dem Lazarett nicht mehr zurückkehrte, anschließend den Vater, der an den Folgen der Misshandlung durch die "Kapos" verstarb. Ihr achtjähriger Bruder wurde aus der Baracke weggeschafft, während Paula arbeitete. 1944 erfolgte die Überstellung der Lagerinsassen nach Ravensbrück. Für den Transport wurden nur die Jungen und Gesunden ausgewählt, die anderen, so auch Paulas Schwester Emmi, blieben zurück und wurden ermordet. Von Ravensbrück brachte man Paula schließlich nach Taucha, und – in den letzten Kriegstagen – nach Hamburg.

Nach ihrer Befreiung am 5. Mai 1945 kehrte Paula in ihren Heimatort Rumpersdorf zurück. Da das Haus der Familie von einem anderen Mann bewohnt wurde, der es in der Zwischenzeit – wohl unter fragwürdigen Umständen – erworben hatte, ging sie zur Grünarbeit nach Sigleß. Dort lernte sie ihren Mann Josef, einen Rom aus Oberwart, kennen.

1952 kam Sohn Josef zur Welt. Damals lebte die Familie Nardai noch in der sogenannten "Zigeunerbaracke" am Stadtrand von Oberwart. Als Paulas Mann die Haftentschädigung erhielt, ließ er ein Haus bauen. 1955 wurde der zweite Sohn Helmut geboren. 1972 übersiedelte die Familie in die von der Stadtgemeinde neu errichteten Reihenhäuser "Am Anger". 1978 verstarb Josef Nardai, der während der NS-Zeit im KZ Mauthausen interniert war. Paulas Bruder Karl blieb nach dem Krieg in Deutschland. Zwischen den beiden Geschwistern bestand ein Briefkontakt, gesehen haben sie einander jedoch nie mehr.

Paula Nardai war bis zu ihrem Tod eine der bedeutendsten und angesehensten Persönlichkeiten in der Oberwarter Roma-Siedlung. Im Gegensatz zu anderen Überlebenden des Holocausts, die über ihre traumatischen Erfahrungen in den Konzentrationslagern selbst im engsten Familienkreis nicht sprechen konnten, berichtete Paula oft über das Schicksal ihrer Familie. Überzeugt davon, dass die Gräuel der NS-Zeit nicht verschwiegen werden dürften, stellte sie sich burgenländischen Schulen als Zeitzeugin zur Verfügung. Als eine der Ersten gestattete Paula Nardai es, ihre Lebensgeschichte aufzunehmen und zu publizieren. Dies erscheint vor allem deshalb würdigenswert, weil sich die meisten Roma der älteren Generation aufgrund ihrer persönlichen Erlebnisse bzw. vorhandener Ängste gänzlich zurückgezogen hatten und jede Öffentlichkeit mieden.

Besondere Verdienste erwarb sich Paula auch bei der Bewahrung und Weitergabe traditioneller Roma-Märchen und -Lieder. Das Haus der Familie Nardai war jahrzehntelang, vor allem für die Kinder, ein wichtiger Treffpunkt. Einige von den Märchen, die Paula ihnen erzählte, wurden vom Romani-Projekt am Institut für Sprachwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz aufgenommen und im Jahr 2000 im Erzählband "O rom taj o beng / Der Rom und der Teufel" einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Als Ende der 80er Jahre infolge der Gründung des "Vereins Roma" in Oberwart wichtige gesellschaftspolitische und kulturelle Akzente gesetzt wurden, war Paula Nardai in der Generation der Holocaust-Opfer eine der wenigen, die den Prozess der kulturellen Öffnung begrüßten und mittrugen. Eindrucksvoll war ihr Auftritt in dem von Hans Panner 1993 produzierten Film "Amen sam so amen sam", der die "Gegenwart der Vergangenheit" der Roma thematisierte.

Ebenso unverzichtbar war Paulas Mitwirken am Sprachprojekt "Kodifizierung und Didaktisierung des Roman", zumal es bei dessen Start im Jahr 1993 nur mehr wenige Sprecher der Romani-Variante der Burgenland-Roma (Roman) mit voller Sprachkompetenz gab.

Paula Nardai, die aufgrund ihrer menschliche Größe allseits respektiert wurde, vor allem aber von den Kindern, für die sie das Idealbild einer Großmutter verkörperte, verstarb im Mai 1999.

Literatur

Unabhängiges Antifaschistisches Personenkomitee Burgenland (ed.) (1989) Naziherrschaft und was uns blieb!. Oberwart.
(1998) La Paulakero Phukajipe I / Paulas Lebensgeschichte I. In: Romani Patrin 1, pp. 8.
(1998) La Paulakero Phukajipe II / Paulas Lebensgeschichte II. In: Romani Patrin 2, pp. 9-11.
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Image "Phudel i schudri bavlal" – "Es bläst der kalte Wind" (Lied)
Image Paula Nardai erzählt ein Märchen
Paula Nardai (1923-1999), 1948
Paula Nardai (1923-1999), 1996