Papusza (Bronislawa Wajs)

Lyrikerin aus Polen; laut amtlichem Eintrag am 30. Mai 1910 geboren (das tatsächliche Geburtsdatum könnte der 17. Januar 1908 oder 1909 sein), gestorben am 8. Februar 1987.

Sie kommt aus einer Gruppe der so genannten "polnischen Tiefland-Roma", die über Jahrhunderte als Reisende in Polen unterwegs (deshalb: "polnisch") waren und sich im Jahr 1950 niederließen.

Bronislawa Wajs, deren Romani-Name Papusza ("Puppe") lautet, gehört zu den ersten Roma-Autoren der Welt. Im Gegensatz zu Alexander Germano (geb. 1893, Russland) oder Matéo Maximoff (geb. 1917, Barcelona; später Frankreich), die selbst dafür sorgten, dass die eigenen Werke veröffentlicht wurden, verdankt Papusza ihre "Entdeckung" und die Veröffentlichung ihrer Lyrikbände dem berühmten polnischen Dichter Julian Tuwim und vor allem dem herausragenden polnischen Wissenschaftler Jerzy Ficowski.

Ficowski traf Papusza im Jahr 1949. In ihrer ersten zweisprachigen Gedichtsammlung, die Ficowski unter dem Titel "Pieśni Papuszi" ("Lieder von Papusza") 1956 veröffentlichte, wird er als derjenige angeführt, der "opracowal" (also für Zusammenstellung, Herausgabe und Lektorat verantwortlich war) und ihre Verse aus dem Romani übersetzt hat. Zusätzlich verfasste er ein umfangreiches Vorwort und Anmerkungen.

Deshalb hatte dank Jerzy Ficowski die polnische Öffentlichkeit zum ersten Mal die Gelegenheit, die erste Romni in Polen kennen zu lernen, die ihre poetischen Improvisationen auf Papier festhielt.

Im von Ficowski veröffentlichten Buch findet man Faksimiles der originalen Manuskripte der Autorin. Da Papusza nie mit der geschriebenen Form ihrer Muttersprache zu tun hatte und da sie auch nie zur Schule gegangen war (sie brachte sich selbst Lesen und Schreiben auf Polnisch bei), übernahm Ficowski die Rechtschreibkorrektur ihrer Verse. Jedoch im Gegensatz zu Wlislockis Vorgangsweise bei der Dichtung Giňa Ranjičićs (sie starb im Jahr 1891), griff Ficoswski weder linguistisch noch stilistisch in Papuszas Arbeit ein.

In seinem Vorwort zu Papuszas Dichtung zitiert Ficowski einen Auszug aus der Autobiographie der Autorin:

"Meine Herkunft. Mein Vater stammt aus der Warmiak-Sippe, meine Mutter kam von den galizischen "Zigeunern". Auf der Seite meines Vaters waren wir eine bessere Familie. Ich erinnere mich nicht allzu gut an meinen Vater. Ich war fünf Jahre alt, als er in Sibirien starb. Acht Jahre danach heiratete meine Mutter Jan Wajs. Ich war das einzige Kind meiner Mutter. (...)"
"Bis ins Alter von zwölf Jahren konnte ich weder Schreiben noch Lesen. Ich wollte so sehr Schreiben und Lesen lernen, doch meine Familie schenkte mir keine Beachtung. Mein Stiefvater war ein Trinker und Spieler und meine Mutter wusste nicht, was es bedeutete, Lesen, Schreiben und Rechnen zu können, oder was ein Kind lernen musste. Also wie lernte ich es? Ich bat die Kinder, die zur Schule gingen, mir zu zeigen, wie man die Buchstaben schreibt. Ich stahl immer irgendetwas und brachte es ihnen, damit sie mir etwas zeigten, und so lernte ich a, b, c, d und so weiter."
"Unweit von uns lebte eine jüdische Buchhändlerin. Ich stahl ein Huhn und brachte es ihr, im Gegenzug lehrte sie mich zu lesen. Und dann begann ich, verschiedene Bücher und Zeitungen zu lesen. Ich kann gut lesen, aber meine Schrift ist schrecklich, weil ich viel lese, aber nie viel geschrieben habe. Das ist mein ganzes Leben lang so geblieben. Ich bin sehr stolz auf mein Wissen, auch wenn ich es nicht in der Schule gelernt habe. Mein Leben vermittelte mir Bildung und Wissen."
"Dann, als ich dreizehn Jahre alt war, war ich dünn und so flink wie ein Waldeichhörnchen – nur dass ich schwarz war. Als ich las, lachten die "Zigeuner" mich dafür aus und spotteten über mich. Sie redeten schlecht über mich und zum Trotz las ich mehr und mehr. Wie oft habe ich geweint, und dennoch machte ich weiterhin, was ich wollte. Ich schrieb mich in der Bücherei ein und entlehnte alle Bücher, die in meine Hände kamen, denn ich wusste nicht, was gut war und was nicht. Ich bat meine Familie, mich in die Schule einzuschreiben. Das Desinteresse, mit dem sie auf die Bitte reagierten, hätte nicht größer sein können. "Bitte, du bist ein Zigeunermädchen und du willst ein Lehrer sein?" So ließ ich sie und las weiter und weiter."
"Einmal, als "Zigeuner" auf einem Bauernhof beim Fluss Musik spielten, nahm mich mein Vater mit. Während sie spielten, las ich ein Buch. Eine Frau kam zu mir und sagte: "Eine Zigeunerin – und sie kann lesen! Das ist nett." Ich lachte laut auf, zugleich stiegen mir aber Tränen in die Augen. Sie fragte mich dies und das und ich erzählte von mir. Sie küsste mich und ging weg, woraufhin ich weiter las."

Papusza heiratete Dionýz Wajs. Er kam aus demselben Klan wie ihr Stiefvater. Die Familie Wajs verdiente sich ihr Leben traditionellerweise mit der Musik. Sie waren berühmte Harfenspieler. Sie reisten mit ihren großen, schweren Harfen in von Pferden gezogenen Wägen und spielten, wo immer es Nachfrage nach Musik gab. In ihrem Familienbesitz bewahrte die Familie von Dionýz Wajs ein Dokument auf, das bezeugt, dass ihre Vorfahren sogar am Hof von Marysienka Sobieska gespielt hatten.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Roma in Polen sowohl von den deutschen Nationalsozialisten als auch von den ukrainischen Faschisten verfolgt und ermordet wurden, beschloss die Familie Wajs, ihre Wägen und ihre Pferde zurückzulassen, nicht aber ihre Harfen. Mit den schweren Instrumenten auf ihren Rücken suchten sie in den Wäldern nach Plätzen, um sich zu verstecken. Ficowski gab 1956 die Geschichte wieder, wie eine Harfe einmal das Leben einiger Roma-Musiker vor einem Trupp ukrainischer Faschisten rettete. Einer der mutigsten Roma soll ausgerufen haben: "Wir werden euch alle mit diesem Karabiner erschießen!" Die Faschisten hätten es daraufhin mit der Angst zu tun bekommen und wären davongerannt.

Natürlich war es nicht so romantisch. Laut den Informationen von Kenrick und Puxon (1972, S. 183) wurden während des Krieges 35.000 von 50.000 Roma in Polen ermordet. Der Wajs-Klan versteckte sich – hungernd, erfroren und verschreckt – im Wald von Volyň. Diese schreckliche Erfahrung inspirierte Papusza, ihr längstes Gedicht zu schreiben: "Ratfale jasfa – so pal sasendyr pšegijam upre Volyň 43 a 44 berša" ("Blutstränen – was wir von den deutschen Soldaten in Volyň '43 und '44 ertragen mussten"). Nach den Informationen von Ficowski begann Papusza, ihre "Lieder" niederzuschreiben, nachdem ihre Verwandten im Jahr 1950 sesshaft geworden waren.

Wie aus den autobiographischen Aufzeichnungen der Autorin hervorgeht, wollten ihre Verwandten nicht, dass sie sich mit so "exzentrischen" Tätigkeiten wie Lesen und Schreiben beschäftigte. Sie machten sich über sie lustig, als sie noch ein Kind war, und später lachten sie über das, was sie geschrieben hatte. Ständig bekam Papusza das Missfallen zu spüren, das die Gemeinschaft, in der sie lebte, ihrer Liebe zur Literatur entgegenbrachte. Und so gab es trotz all der Ermutigungen durch Jerzy Ficowski auch Zeiten, in denen die Dichterin keine Feder in die Hand nahm.

Obwohl Ficowski nur dreißig von Papuszas Gedichten gesammelt hat (einige kurz, einige episch und lang), sind diese einzigartig und in ihrer Authentizität äußerst beeindruckende Werke von absoluter Aufrichtigkeit und Ursprünglichkeit. Ihre Inspiration war das "nomadische Leben im Schutz der Natur".

Literatur

Ficowski, Jerzy (ed.) (1956) Pieśni Papuszy. Papušakere gila, Wroclaw.
Ficowski, Jerzy (1985) The Gypsies in Poland. History and Customs, Warsaw.
Kenrick, Donald S. / Puxon, Grattan (1972) The Destiny of Europe's Gypsies. London.
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Bronislawa Wajs – "Papusza" (1910-1987)