Tamás Péli

Als kleiner Junge galt Tamás Péli als Wunderkind. Bereits in jüngsten Jahren faszinierte er die Erwachsenen in seiner Umgebung mit seinem ungewöhnlich reifen künstlerischen Ausdruck. Er selbst erinnert sich an seine Kindheit folgendermaßen:

"Ich habe tatsächlich nie "Kinderzeichnungen" in der herkömmlichen Bedeutung des Wortes gemacht. Eines Tages – ich war vielleicht zwei oder drei Jahre alt und hatte gerade zu gehen gelernt – ließen mich meine Eltern eine Weile alleine. Als sie nach Hause kamen und meine Bilder sahen, sind sie erschrocken. Sie glaubten, ein Fremder sei während ihrer Abwesenheit in unserer Wohnung gewesen. Als ich sechs war, zeichnete ich wie ein Fünfzehnjähriger und es fiel mir recht leicht, das zu malen, was ich sah."

Gerade zu jener Zeit ergab sich eine zufällige Begebenheit, der Tamás Péli die Gelegenheit zu einer professionelleren künstlerischen Entwicklung verdankte. Seine Cousine, die von Zeit zu Zeit für Studenten an der Budapester Schule für Grafik Model stand, nahm ihren kleinen Schützling mit zu einer Zeichenklasse, wo ihm einer der Studenten ein Stück Kreide und Papier in die Hand drückte und ihn aufforderte, etwas zu zeichnen.

"Er dachte wahrscheinlich, ich würde einen Cephalopod malen (ein Weichtier mit Tentakeln am Kopf, genau wie ein Oktopus), stattdessen begann ich, eine Staffelei, Stoffe und einen Mistkübel zu malen, vor dem ein Sessel stand, über den eine Jacke gelegt war. In der Zwischenzeit kam Professor Bencze in die Klasse, sah das Bild und fragte, wer es gemalt hätte. "Dieser kleine Junge", antworteten sie und zeigten dabei auf mich. Ich hatte gerade ein zusätzliches Blatt Papier genommen und angefangen, ein weiteres Bild zu malen."

So ergab es sich, dass Tamás Péli die Möglichkeit bekam, an Zeichenstunden teilzunehmen; im darauf folgenden Jahr besuchte er sie mehr oder weniger regelmäßig.

Sein außerordentliches künstlerisches Talent führte dazu, dass ihm in der Volksschule Respekt und Interesse entgegengebracht wurde – nicht nur von seinen Lehrern, die immer wieder voller Bewunderung Pélis Erfolge bei Kunstwettbewerben in der Schulchronik festhielten, sondern vor allem von seinen Klassenkameraden, die über seine Karikaturen begeistert waren und denen er bereitwillig bei den Hausarbeiten für den Kunstunterricht half. Im Alter von elf Jahren schenkten ihm seine Eltern – unerschütterliche Bewunderer seines Talents – ein Set mit Ölfarben und von da an begann er, auch mit Ölmalerei zu experimentieren. Am Ende der achten Stufe der Volksschule meldete er sich einfach an der Hochschule für Grafik und angewandte Kunst an. Tamás’ Mutter Hilda wurde daraufhin zu einem Gespräch in die Volksschule gerufen. Als sie die Kunstabteilung betrat, sahen sie die Lehrer an und fragten, ob sie vielleicht Italienerin sei. "Warum sollte ich lügen?", fragte sie. "Ich bin eine Roma-Frau." Einer der Lehrer reagierte sichtlich überrascht: "Nun, wenn man denkt, dass ihr Sohn ein solcher Künstler ist ..." Péli wurde an der Hochschule aufgenommen.

Tamás Pélis Erfahrungen in seiner Kindheit und seine Erinnerungen daran spielten – wie die Familienbeziehungen und Traditionen – eine bedeutende Rolle in seinem Leben und seiner Sicht der Welt. Sein Vater, der halb ungarischer, halb slowenischer Abstammung war, betrieb eine blühende Gold- und Silberwerkstätte in Budapest. Dort lernte er auch seine zukünftige Frau kennen, die vierzehn Jahre alte Hilda, die er kurze Zeit später heiratete. Nach neun glücklichen Ehejahren wurde Tamás als bereits sehnsüchtig erwartetes Kind geboren. Die Verwandtschaft mütterlicherseits bildete eine große und herzliche Familie. Zu jener Zeit waren Hildas Brüder bereits anerkannte Musiker. Einer von ihnen, Kálmán, begleitete sogar den berühmten Gitta Alpár nach London. Pélis Vater, der sich problemlos in diese Roma-Großfamilie einfügte, trug den Spitznamen "der weiße Vajda".

Zur Zeit, als Tamás auf die Welt kam, lebten 27 Menschen in der Wohnung; dennoch musste er, wie er selbst berichtet, nie erfahren, was wirkliche Armut bedeutet. An seine Kindheit erinnert er sich als eine Zeit der Fröhlichkeit, Freude und Herzlichkeit. Mit seiner Großmutter Zsuzsa verband ihn eine besondere Beziehung. Er erinnerte sich immer voller Zärtlichkeit an sie und nannte sie seine "Ahnherrin" Káli. (Káli ist die Gefährtin des Gottes Shiva und wird in ganz Indien, vor allem in den Dörfern, verehrt. Sie gehört zu den ältesten Göttinnen und ihr Name [Káli: "die Schwarze"] weist darauf hin, dass sie die Göttin der schwarzen Leute war, die die prächtige Zivilisation von Mohenjo-Daro begründeten, bevor die Indoeuropäer – ca. 1500 v. Chr. – in Indien einfielen.) Ob bewusst oder unbewusst – sie lehrte ihm, sich immer seiner Roma-Herkunft bewusst und stolz auf seine Identität zu sein. [Romanipe-The Roma Identity]

Im Gegensatz zu seinen eher verständnislosen Verwandten väterlicher Seite zeigten sich die Verwandten seiner Mutter nie über den "unrealistischen Charakter" von Pélis Bildern erstaunt. Ganz im Gegenteil entging ihnen angeblich keines der Elemente, die Tamás in seinen Bildern hervorheben wollte. Viele seiner Bilder waren unmittelbar von den Kommentaren und Beobachtungen jener Menschen, die ihm am nächsten standen, inspiriert.

Tamás Péli begann seine Ausbildung an der Hochschule mit großen Erwartungen und beachtlicher Entschlossenheit. Wie sich schon sehr früh zeigen sollte, unterschied er sich von seinen Studienkollegen in zweierlei Hinsicht. Die meisten von ihnen kamen aus intellektuellen und den Lebensstil der Boheme pflegenden Künstlerfamilien. Sie waren gut über das aktuelle Kulturgeschehen und die neuen künstlerischen Trends informiert. Tamás hingegen verfügte nur über das Allgemeinwissen, das er sich in der Schule aneignen konnte. Schon alleine deshalb unterschied er sich von den anderen und war permanent Zielscheibe von Spott und Beschimpfungen.

Andererseits jedoch hatte er etwas vorzuweisen, das die anderen Studenten nicht hatten – zumindest nicht im selben Ausmaß: einen natürlichen, entspannten Malstil und Spontaneität in seinem Ausdruck. Obwohl seine Lebenseinstellung, wie er selbst über sich sagt, vorwiegend optimistisch war, schwor er nach nur drei Monaten, dass er nie mehr einen Fuß in die Schule setzen werde.

Er verbrachte die folgenden zwei Monate damit, die Budapester Museen, Kinos und Büchereien zu besuchen, um sein unzulängliches Wissen auszugleichen. Als aber einer seiner Lehrer persönlich zu ihm kam, um herauszufinden, warum er so lange nicht erschienen war, kam die ganze Geschichte ans Tageslicht und seine weiteren Studien waren ernstlich gefährdet. Seine einfallsreiche Mutter bedachte, nach anfänglicher Bestürzung, alle Umstände und unternahm schließlich einen Versuch, die Angelegenheit mit dem Schuldirektor zu klären. Alles kam zu einem guten Ende und Tamás konnte sein Studium weiterführen.

Im darauf folgenden Jahr stand er im Mittelpunkt des Klassengeschehens. Im dritten Jahr bildete sich an der Hochschule ein Kreis angehender Künstler. Das Ziel dieser Gruppe war es, individuelle Stile figurativer Malerei hervorzubringen, die sich vom offiziellen Modell unterschieden. Einige der anderen Künstler, die dieser Gruppe angehörten, waren Noemi Tamás, Péter Balogh und Tamás Hibó.

Im selben Jahr konnte sich Péli in der Grafik von den exakt ausgeführten, aber eher "romantischen" Motiven eines "Heranwachsenden" befreien und fand zu reiferen Ausdrucksformen. Sein Stil war einzigartig und überstieg das übliche Niveau der Hochschule bei weitem. Seine größte Inspiration verdankte er den Gemälden der frühen Renaissance, und er begann sich für die Gestaltung von Ikonen zu interessieren. Er malte Porträts von "Laurency Mária" (1963), "Kati" (1963) und "Attila" (1964). Letztgenanntes Gemälde ist offensichtlich vom großen Renaissance-Meister Piero de la Francesca beeinflusst.

Als nächstes Gemälde entstand "A vak asszony" ("Blinde Frau") (1964): Vor dem perspektivisch nach dem Vorbild der Renaissance gemalten Hintergrund sticht eine expressive Figur markant heraus – mit großen Augen, die ins Leere blicken und dabei den Anschein von Verletzbarkeit und der permanenten ängstlichen Vorsicht einer blinden Person vermitteln. Die größte seiner Arbeiten ist das Gemälde "Krisztus és Magdolna" ("Christus und Magdalena") (1964), das die Form eines T hat und dessen Format bereits den Weg zu Pélis bekannten Monumentalgemälden ebnete.

Nachdem er die Hochschule abgeschlossen hatte, nahm sein Leben mehrere Wendungen: Er traf die niederländische Frau eines ehemaligen ungarischen Offiziers. Sie war von seinen Gemälden wie gefangen und lud ihn nach Holland ein, wo sie ihn ihrer Tochter Margareth vorstellte, die später seine Ehefrau werden sollte. Sowohl die Einladung nach Holland als auch das Treffen mit Margareth waren jedoch von Komplikationen gekennzeichnet. Als Margareths Mutter entdeckte, dass sich ihre Tochter und Tamás heimlich trafen, blieb Tamás keine andere Wahl, als nach Budapest zurückzukehren.

Nach einiger Zeit entwickelte sich eine intensive Korrespondenz mit Margareth, die alles in ihrer Macht Stehende unternahm, damit Tamás in Holland studieren konnte. All ihre Versuche wurden von den nahezu unüberbückbaren Hindernissen der ungarischen Bürokratie blockiert. Denn nach den ungarischen Gesetzen jener Zeit musste jemand, wenn er im Ausland studieren wollte, zuerst die Aufnahmeprüfung für die nationale Universität absolvieren. Péli wurde zu einer "unerwünschten Person" und fiel wiederholt bei den Prüfungen durch. In dieser unlösbaren Situation war es wieder seine Mutter, die intervenierte. Sie wandte sich an einen Journalisten, der sich mit den Roma befasste, um Hilfe. Nachdem ein Artikel über Tamás erschienen war, wurde dieser über Nacht berühmt. Er wurde fotografiert, gefilmt und interviewt. Jeder zeigte Interesse an seiner Kunst und – was am wichtigsten war – er durfte ausreisen, um an der Akademie zu studieren.

Péli besuchte die Akademie in Amsterdam von 1967 bis 1974. Den fünf Jahren, die er in Holland verbrachte, verdankte er sein Grundwissen im Bereich der visuellen Kunst, Möglichkeiten zu neuen Experimenten und viele nützliche Erfahrungen. Péli lernte mit neuen Materialien und neuen Techniken zu arbeiten: Er verwendete Styropor, Aluminium, Glas, Holz und Metall. Er sah sich jedoch vor allem als Maler und arbeitete weiter an der Schaffung monumentaler Tafelgemälde. Er gestaltete Freskos und Glasscheiben und versuchte sich an konkreten Reliefs. Seine größte Arbeit überhaupt, eine Komposition namens "Das Alte und das Neue Testament", war eine Glasscheibe im Ausmaß von 72 m². Er malte sie 1972, in seinem vierten Jahr an der Akademie. Péli versuchte sich auch an Skulpturen: In nur einem halben Jahr schuf er achtzehn Holzskulpturen, die unmittelbar nach deren Ausstellung verkauft wurden.

Bereits während seines Aufenthalts in Holland schuf Péli Arbeiten, in denen sein persönlicher Beitrag stärker erkennbar ist als der Einfluss der alten Meister der Renaissance. Davon seien zumindest folgende erwähnt: "Memento mori" (1969), "A Zsidó menzassyony" ("Die jüdische Braut") (1970), "A hölgy majommal" ("Frau mit einem Affen") (1972) und "A Cigány Krisztus" ("Zigeuner-Christus") (1970).

Angesichts der Anerkennung und der zahlreichen Zeichen der Bewunderung, die ihm während seines Aufenthalts in Holland zuteil wurden, ist nur schwer nachzuvollziehen, dass Tamás Péli gleich nach Beendigung seiner Studien nach Ungarn zurückeilte, wo er weitermalte und das zufriedene und sorglose Leben eines Bohemiens führte. Später dachte er an diese Zeit seines Lebens mit Liebe zurück und behielt sie als schnelllebige Zeit – wie eine "Werbung mit rhythmischer Musik" – in Erinnerung.

Nachdem er wieder ein Jahr Ungarn gelebt hatte, heiratete er endlich seine große Liebe, Margareth Di Lagha. Die Frischvermählten verbrachten einen glücklichen Monat, den sie für Reisen durch die großen Städte Europas nützten. Nach Europa kam der Osten – Türkei, Pakistan. Die Erfahrungen, die sie in diesen Ländern machten, ließen Péli an seinem optimistischen Weltbild zweifeln. Zunehmend besorgt blickte er auf die wirklichen Verhältnisse, die von den Errungenschaften und Illusionen des modernen Lebens (Fernsehen etc.) verdeckt sind. Langsam wurde es ihm klar, dass er bislang – außer seinen künstlerischen Ambitionen – kein wirklich festes Ziel im Leben vor Augen hatte.

Er meldete sich bei der niederländischen Vereinigung der Hochschulstudenten an und begegnete einer neuen Liebe, die kurz darauf bei einem Autounfall ums Leben kam. Péli erlitt einen Nervenzusammenbruch und kehrte erst nach einem missglückten Selbstmordversuch allmählich zu seinem normalen Leben zurück. Er suchte sich neue Freunde, ließ sich von Margareth scheiden und durchlebte eine Zeit künstlerischer Stagnation.

Im Jahr 1973 kehrte Tamás Péli endgültig nach Ungarn zurück. Er hatte nun eine klare Vorstellung von seiner Zukunft und seiner Mission: der Öffentlichkeit die Kultur und die Traditionen der Roma mittels seiner Kunst näher zu bringen. Er traf József "Choli" Daróczi und gemeinsam initiierten sie ein Projekt zur Ausbildung junger Roma-Schüler in einer Volksschule in Budapest. Sie organisierten Lager und Gruppen für bildende Kunst und gründeten sogar eine Band. Choli machte Péli mit dem Leben in den Roma-Siedlungen bekannt. Aus diesen Erfahrungen und Begegnungen schöpfte Péli die bislang tiefste Inspiration für seine Kunst.

Bald sammelte sich um ihn ein großer Kreis an Künstlern und Intellektuellen; und in seinem Atelier herrschte ständig geschäftiges Treiben. In dieser ereignisreichen Zeit schuf er weitere wichtige Arbeiten, vor allem malte er Porträts von jungen Mädchen, aber auch eine Reihe von indischen Porträts und sein berühmtes Bildnis von Bischof Bartolomé de las Casas, dargestellt als junger Missionar.

Tamás Péli wurde zu einem führenden Roma-Intellektuellen, der im Mittelpunkt einer Künstlergesellschaft stand. Er begann darüber nachzudenken, eine epische Arbeit zu schaffen, die die Roma-Geschichte dokumentieren und das Wandern der Roma durch die Länder Europas beschreiben sollte. Er benötigte allerdings noch einige Jahre, um diese Gedanken zu festigen. Im Jahr 1983 setzte er schließlich sein Projekt um: In nur drei Monaten malte er eine Komposition auf einer Fläche von 42 m². Die Kunst liebende Öffentlichkeit war begeistert, denn es war klar, dass mit dieser Arbeit Pélis Kunst ihren absoluten Höhepunkt erreicht hatte.

Die zentrale Figur dieser Arbeit ist Káli, die einem Sohn das Leben schenkt. Alle anderen Motive des Bildes gehen von ihr aus und sind ihr untergeordnet. Neben Káli findet man wandernde göttliche Wesen auf Pferden. Die Arbeit ist auch reich an Tiersymbolen. Eine Schlange, die sich durch das gesamte Bild windet, drückt Weisheit aus, eine Taube steht für Reinheit und Frieden, als ihr Gegenüber sieht man einen großen schwarzen, rabenähnlichen Vogel, der wahrscheinlich Zerstörung, Verwüstung und Tod symbolisieren soll. "Ich möchte dieses Gemälde als Metapher für die gesamte Bevölkerung der Roma in Ungarn sehen", sagte Péli über diese Arbeit. Es besteht kein Zweifel, dass dieser Anspruch auch verwirklicht worden ist.

Tamás Péli zählt heute mit Sicherheit zu den berühmtesten Roma-Künstlern – nicht nur in Ungarn, sondern auf der ganzen Welt. Seine Werke haben ihren Platz inmitten der besten Gemälde der Welt.

Literatur

Farkas, Endre (1994) "Osztály vigyázz!" - ki (a fene) érti ezt? (Farkas Endre beszélget Péli Tamással). In: Farkas, Endre (ed.) Gyerekcigány. Pedagógiai tanulmányok, Budapest, pp. 53-70.
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