Geschichte der Roma

Herkunft
Exkurs: Namen
Ankunft in Europa
Vertreibung und "Zigeunergesetzgebung"
Assimilationspolitik unter Maria-Theresia und Joseph II.
Folgen der Assimilationspolitik
Europäische Politik gegen Roma
Die Vernichtung der Roma
Umgang mit Roma nach 1945
Selbstorganisation
Aktuelle Situation

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Herkunft

Die Herkunft der Roma lässt sich vor allem von der Sprache her erschließen, da historische Quellen aus der frühen Zeit rar sind und nicht immer verlässlich; Roma selbst haben, wie die meisten Völker dieser Erde, keine Geschichtsschreibung.
Über die Herkunft der Roma aus Indien besteht kein Zweifel. Vergleicht man den Satz: mire bala kale hin aus dem Romani mit dem Satz "mere bal kale hain" ("meine Haare sind schwarz") aus dem Hindi, einer neuindischen Sprache, wird auch klar, dass diese offensichtliche sprachliche Verwandtschaft ein zwingender Hinweis auf das Ursprungsland Indien ist.

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Geschichte und Politik » Von Indien nach Europa » Herkunft der Roma
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Sprache » Allgemeines » Herkunft und Bezeichnung

Warum die Roma Indien verlassen haben, kann nur vermutet werden. Tatsächlich dürfte der Exodus eine Folge des Zusammenwirkens mehrerer Faktoren - wie einer großen Hungersnot und Suche nach Arbeit - gewesen sein.
Auch der Zeitpunkt, zu dem die Roma Indien verlassen haben, ist nicht klar; wahrscheinlich ist aber, dass bereits lange vor dem 10. Jahrhundert Roma in Persien eingetroffen sind. Ein Teil der Roma verlässt Persien in Richtung Westen, andere Roma-Gruppen sind heute noch im Vorderen Orient beheimatet.

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Geschichte und Politik » Von Indien nach Europa » Persien

Armenische Lehnwörter im Romani lassen vermuten, dass sich die nach Westen gezogenen Roma für eine längere Zeit in Armenien aufgehalten haben; möglich ist allerdings auch, dass die Roma im Byzantinischen Reich mit der dort ansässigen armenischen Minderheit in Kontakt gekommen sind und Wörter aus dem Armenischen ins Romani übernommen haben.
Sicher ist, dass sich die Roma über einen relativ langen Zeitraum im Byzantinischen Reich aufgehalten haben. In byzantinischen Dokumenten finden sich auch bereits Hinweise auf die Art der Beschäftigung, die Roma zu dieser Zeit ausgeübt haben: So waren sie unter anderem Schmiede, Schlangenbeschwörer, Korbmacher, Siebmacher, Tierführer usw.

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Geschichte und Politik » Von Indien nach Europa » Von Persien nach Armenien

Der Einfluss des Griechischen auf das Romani ist so groß, dass auf einen relativ langen Aufenthalt der Roma im Byzantinischen Reich geschlossen werden muss. Während aus dem Persischen und Armenischen primär Wörter entlehnt wurden, betrifft der Einfluss des Griechischen neben dem Wortschatz auch Teile der Grammatik und des Satzbaus.
Mit dem Verlassen des griechischsprachigen Einflussbereiches in Richtung Balkan und Europa beginnt auch die Aufsplitterung des bis dahin recht homogenen Romani in einzelne Dialekte.

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Geschichte und Politik » Von Indien nach Europa » Byzanz
PDF Wanderungen der Roma

Exkurs: Namen

In byzantinischen Quellen werden die Roma bereits als "Athinganoi" bzw. als "(E)Giptoi" bezeichnet. Von diesen beiden Fremdbezeichnungen leiten sich auch Deutsch: Zigeuner, Ungarisch: cigany, Russisch: cygan, Italienisch: zingari, Französisch: zigan (< athinganoi) bzw. Englisch: gypsy, Französisch: gitan, Spanisch: gitano ... (< egiptoi) ab.
"Athinganoi" kann auf zwei mögliche Arten interpretiert werden, nämlich als "Unberührbare" oder aber "Menschen, die andere nicht berühren". Letzteres ist wahrscheinlicher und bezieht sich auf rituelle Reinheitsgebote der Roma, die verbieten, etwas Unreines zu berühren bzw. allzu engen Kontakt mit "unreinen", d.h. nicht zu den Roma gehörigen Menschen zu pflegen.


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Ethnologie und Guppen » Allgemeine Themen » Untergruppen der Roma
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Ethnologie und Guppen » Glaube und Rituale » Žužo

Die Bezeichnung "(E)Giptoi" kommt vom Namen einer großen Roma-Siedlung namens Gype in der Nähe von Methoni am Peloponnes. Gype, "Klein-Ägypten", wurde vermutlich deshalb so genannt, weil die dort ansässigen Roma aufgrund ihres Aussehens für Ägypter gehalten wurden.

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Geschichte und Politik » Von Indien nach Europa » Byzanz

"Zigeuner", "gypsies", "gitanes" usw. sind eindeutig negativ besetzte Namen für Roma - man denke nur an "herumzigeunern" oder Amerikanisch: "to gyp", jemanden betrügen. Aus diesem Grund sollte auch der ethnischen (Selbst-)Bezeichnung Roma der Vorzug gegeben werden.

Sinti ("deutsche Roma") sind Roma, die schon seit dem 15. Jahrhundert im deutschsprachigen Gebiet leben; Manouches bezeichnet französische Sinti, Cale spanische und Kale finnische Roma (von Romani: kalo = "schwarz"). Roma in England nennen sich auch Romanichels.
Wie man sieht, ist Roma der Überbegriff für viele Gruppierungen, die über die ganze Welt verstreut sind. Die Großgruppen bilden Untergruppen, von denen jede wieder einen eigenen Namen hat. Häufig sind diese Namen auf Berufsbezeichnungen (wie z.B. Kalderaš / Kesselschmiede oder Lovara / Pferdehändler) bzw. auf geographische Namen (wie z.B. Ungrika-Roma / ungarische Roma) zurückzuführen.

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Ethnologie und Guppen » Allgemeine Themen » Glossar

Nicht-Roma werden von Roma als Gadže (Romani: Gadžo bedeutet neben "Nicht-Rom" auch "Bauer"), seltener als Gordža oder Das (Altindisch: "dasa" = Sklave) bezeichnet. Die Gadže (bzw. Das, Gordža) sind immer "die anderen", und das ist nicht nur freundlich gemeint; immerhin ist die Geschichte der Roma bis heute eine Geschichte der Verfolgungen und Diskriminierungen durch die Gadže.

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Ethnologie und Guppen » Allgemeine Themen » Gadžo / Das / Gor

Ankunft in Europa

Ein möglicher Grund für den neuerlichen Aufbruch der Roma Richtung Norden ist die Bedrohung und teilweise Eroberung des Byzantinischen Reiches durch die Türken. Obwohl dies anhand der spärlichen schriftlichen Quellen nicht zu beweisen ist, kann man davon ausgehen, dass Roma spätestens in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in den Balkanstaaten Fuß fassten. 1348 werden "dunkelhäutige Fremde" in Serbien, etwas später auch in Moldawien, der Walachei und in Böhmen urkundlich erwähnt. Während die Roma dort aufgrund ihrer handwerklichen Fähigkeiten zunächst sehr willkommen sind, herrscht in Mitteleuropa vielfach Angst vor den "greulichen und schwarzen" Leuten. Vielfach geben sich Roma als Pilger aus, um eine freundliche und wohlwollende Aufnahme zu erreichen; oft können sie auch Empfehlungsschreiben oder Schutzbriefe kirchlicher und weltlicher Herrscher vorweisen.

Nichtsdestotrotz wird ihnen bald allerlei Böses nachgesagt: So werden Roma des Taschendiebstahls bezichtigt, ihre Frauen der Wahrsagerei und Hexerei; man hält die Roma für "ungezähmt und sittenlos", für "unordentlich und schmutzig" oder generell für "unnütz". Sogar Seuchen, Pest und Dürre sollen im Gefolge der Roma einhergehen. (1)


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Ankunft in Europa
Ankunft der Roma in Zentraleuropa
Quelle: Hancock, Ian (2002) We are the Romani people. Ame sam e Rromane džene, Hatfield: University of Hertfordshire Press
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Ethnologie und Gruppen » Allgemeine Themen » Stereotype und Folklorisierung

Vertreibung und "Zigeuner-Gesetzgebung" im 16.-18. Jahrhundert

In der frühen Neuzeit manifestiert sich den Roma gegenüber eine Haltung, die auf deren Abwehr und Vertreibung abzielt. Eine Unzahl von Edikten gegen die "Zigeuner" soll ihr Verschwinden - gegebenenfalls auch um den Preis ihrer physischen Vernichtung - bewirken. Schutzbriefe werden aufgehoben, Zutrittsverbote erlassen, drastische Strafen bei Wiederkehr angedroht. An den Grenzen werden Tafeln aufgestellt, auf denen die Strafen - Auspeitschung, Folter, Galgen - veranschaulicht werden, die "Zigeuner" bei Betreten des Territoriums erwarten.

Der Vorwurf der angeblichen "Kundschaftertätigkeit" für die Türken leitet zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Deutschen Reich die erste Phase der "Zigeunerverfolgung" ein. Schließlich geben alle mittel- und westeuropäischen Länder "Anti-Zigeuner-Gesetze" heraus. 1734 setzt der Landgraf von Hessen eine Belohnung von sechs Reichstalern für jeden lebend gefangenen und die Hälfte davon für jeden getöteten "Zigeuner" aus. Die Folge sind regelrechte "Zigeunerjagden", bei denen Roma von einfachen Dorfbewohnern wie Freiwild gejagt werden.


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Geschichte und Politik » Neuzeit » 16.-18. Jahrhundert

Assimilationspolitik unter Maria-Theresia und
Joseph II.

Die zwischen dem 16. und der Mitte des 18. Jahrhunderts getroffenen Maßnahmen zur Lösung des "Zigeunerproblems" tragen jedoch nicht zum erhofften "Verschwinden" der "Zigeuner" bei. An Stelle der Versuche, die Roma loszuwerden, wird ab dem 18. Jahrhundert vom Staat die Assimilation verordnet. Vorreiterin ist dabei Kaiserin Maria-Theresia, die versucht, aus den Roma sesshafte "Neubürger" und "gute Christenmenschen" zu machen. Die Ausübung der Wandergewerbe wird ebenso wie der Besitz von Pferden und Kutschen verboten. Die bis dahin übliche eigene Rechtssprechung wird den so genannten "Woiwoden" (den "Obersten" der Roma-Gruppe) entzogen, und die Roma werden der örtlichen Gerichtsbarkeit unterstellt.
Ein Erlass von 1773 untersagt Ehen zwischen Roma, zugleich werden Mischehen unter Vorlage eines Zeugnisses über die "anständige", d.h. katholische Lebensweise gefördert. Zum Zwecke der "Zivilisierung" werden vielen Roma ihre Kinder weggenommen und Bauernfamilien zur christlichen Erziehung übergeben. Unter Joseph II. sind für die Verwendung der "Zigeunersprache" 24 Stockhiebe vorgesehen.


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Geschichte und Politik » Neuzeit » Maria-Theresia und Joseph II

Folgen der Assimilationspolitik

Ähnliche Maßnahmen zur "Zivilisierung" der Roma werden in ganz Europa gesetzt. Als Folge der Zwangsmaßnahmen gehen viele Roma wieder auf Wanderschaft; sie sind dadurch für die Behörden nicht so leicht greifbar. Im heutigen Burgenland (Ostösterreich) etwa gelingt die dauerhafte Sesshaftmachung und Assimilation einer größeren Zahl von Roma. Die im Großen und Ganzen gescheiterte Assimilationspolitik führt im 19. Jahrhundert zu einer Reihe von "zigeunerspezifischen" Verordnungen; wieder wird versucht, der Ausübung von Wandergewerben einen Riegel vorzuschieben. Die Maßnahmen führen zur Zerstörung von Lebensweise und Sozialstruktur der Roma und entziehen ihnen die Existenzgrundlage; Elend und Not sind die Folge.


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Geschichte und Politik » Neuzeit » Folgen der Assimilationspolitik

Europäische Politik gegen Roma – 19. Jahrhundert bis 1933

In Osteuropa, und hier vor allem in der Walachei und Moldawien, deren Fürsten und Klöster dem Osmanischen Reich 1396 tributpflichtig werden und in der Folge die Bauern mit immer höheren Steuern belegen, geraten Roma bereits im 14. Jahrhundert in Leibeigenschaft und Sklaverei, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts andauern.


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Geschichte und Politik » Neuzeit » Österreich und Ungarn; Deutschland
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Geschichte und Politik » Neuzeit » Geschichte der Vlach-Roma

Die Befreiung von der Sklaverei Mitte des 19. Jahrhunderts führt zu einem neuerlichen Aufbruch von Roma einerseits in Richtung Ost- und Südosteuropa, andererseits Richtung Mittel- und Westeuropa und in weiterer Folge sogar bis nach Nordamerika, Mexiko, Südamerika und Australien. Diese Immigrationswelle führt in Mittel- und Westeuropa zu einer Verschärfung der Maßnahmen gegen Roma. Während man einerseits versucht, ihre Einwanderung zu verhindern, hofft man auf der anderen Seite, Roma durch "zigeunerspezifische Verordnungen" zur Sesshaftigkeit zu zwingen. Eine "vorbeugende Verbrechensbekämpfung" legitimiert Sanktionen gegen Roma, auch wenn keinerlei strafbare Handlungen vorliegen.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte man damit begonnen, Roma behördlich zu erfassen ("Zigeunerakten"). Nun wird mit den "Zigeuner-Nachrichtendiensten" eine systematische Registrierung in Gang gesetzt. Die ab 1920 durchgeführte lückenlose Erfassung aller "Zigeuner" bildet nach 1933 die Basis für die Entrechtung, Deportation und Vernichtung von Roma.


Die Vernichtung der Roma

In den in NS-Deutschland erlassenen "Nürnberger Rassengesetzen" werden 1935 Roma als "rassisch minderwertig" bezeichnet und verlieren auch alle staatsbürgerlichen Rechte, wie z.B. das Wahlrecht. 1936, also noch vor dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich, wird in Wien die "Zentralstelle zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" eingerichtet. Der "Zigeunerforscher" Robert Ritter versucht, die Erblichkeit kriminellen und "asozialen" Verhaltens, das den Roma unterstellt wird, wissenschaftlich nachzuweisen. Tobias Portschy, vor dem "Anschluss" illegaler NS-Gauleiter des Burgenlands und späterer stellvertretender Gauleiter der Steiermark, veröffentlicht 1938 seine "Denkschrift zur Zigeunerfrage" (2) , in der er Roma als "Totengräber des nordischen Blutes" und "orientalische Pestträger" bezeichnet (Portschy 1938: 1, 4).
Den Roma im Burgenland wird daraufhin der Schulbesuch verboten, das Wahlrecht entzogen und sie werden zur Zwangsarbeit verpflichtet.


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Geschichte und Politik » Holocaust
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Geschichte und Politik » Neuzeit » Rassismus und Antiziganismus
Materialiensammlung/Video Amen sam so amen sam

Das Vorgehen gegen die Roma im Burgenland wirkt beispielgebend für den weiteren Umgang mit Roma im Deutschen Reich. Ebenfalls im Jahr 1938 kündigt Heinrich Himmler "die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse" heraus an. Noch im selben Jahr finden die ersten Deportationen von Roma in Konzentrationslager statt. Laut dem "Festsetzungserlass" von Himmler und Heydrich ist es Roma nunmehr verboten, ihre Wohnorte zu verlassen, anderenfalls erfolgt die sofortige Einweisung in ein KZ.

Ab 1939 werden tausende Roma in Sammel- bzw. Arbeitslager verfrachtet, wo aufgrund der unmenschlichen Behandlung und der menschenunwürdigen Zustände Kinder wie Erwachsene an Epidemien, Hunger und Misshandlungen sterben. Aus den Sammellagern kann jederzeit die Deportation in ein Vernichtungslager, wie etwa das "Zigeunerlager" Auschwitz erfolgen.

Lackenbach
Sinti- und Roma-Häftlinge beim Appell im Lager Lackenbach, 1941 (Burgenland [Österreich])
Quelle: Romani, Rose (1992) Den Rauch hatten wir täglich vor Augen..., Heidelberg

Die systematische Ermordung der Roma beginnt 1941 mit Massenerschießungen in den von Nationalsozialisten okkupierten Gebieten Osteuropas und am Balkan. Im "Auschwitz-Erlass" erteilt Himmler im Dezember 1942 die Weisung, alle noch im Deutschen Reich befindlichen Roma nach Auschwitz zu deportieren. Dort sterben 13.700 Roma durch Hunger, Krankheiten, Seuchen und an medizinischen Experimenten, 5.600 werden vergast – und Auschwitz ist nur eines der zahlreichen Konzentrationslager, in denen Roma sterben.

Materialiensammlung/Video Sidonie
Materialiensammlung/Video Auf Wiedersehen im Himmel
Materialiensammlung/Buch Abschied von Sidonie sowie diverse Materialien zum Buch
Materialiensammlung/Buch Antiziganismus

Die Gesamtzahl der ermordeten Roma in Europa wird zwischen 250.000 und 500.000 geschätzt. Von den ca. 11.000 österreichischen Roma werden mindestens 80% ermordet. Die Überlebenden sind nach Ende des Krieges nicht nur damit konfrontiert, dass sie keine Familien mehr haben; auch ihre Wohnungen und Häuser sind zerstört, ihr Besitz geraubt. Über ihre Rückkehr aus dem KZ schreibt die österreichische Romni Ceija Stojka:
"Um uns hat sich überhaupt niemand gekümmert, was sollen sie sich auch kümmern? Es heißt ja, sie sind selbst besetzt worden, 1938 sind die Deutschen eingereist und haben alles kaputt gemacht. ... Vielleicht wäre es besser gewesen, wir wären drinnen geblieben in Auschwitz, dann hätten sie keine Schwierigkeiten. ..." (Stojka 2003, S.137) (3)


Umgang mit Roma nach 1945

Nach 1945 fühlen sich viele Regierungen für die Verbrechen und die Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft nicht zuständig. Das soziale wie politische Klima ist geprägt von Vorurteilen, Diskriminierung und Rassismus gegen Roma. Das österreichische Innenministerium erwägt 1948 sogar die "Außerlandschaffung ausländischer oder staatenloser Zigeuner" im Wissen, dass die meisten Roma aufgrund der Deportationen und Entrechtung über keine Dokumente verfügen. Von Entschädigung für die erlittenen Gräuel und die Zerstörung bzw. Enteignung von Hab und Gut ist zu diesem Zeitpunkt keine Rede. (4)
In Osteuropa versucht man, Roma in die planwirtschaftliche Produktion einzugliedern; ohne Rücksicht auf eigene Kultur und Sprache werden Roma als ausschließlich soziales Problem betrachtet.


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Geschichte und Politik » Von 1945 bis zur Gegenwart

Selbstorganisation der Roma

Vor diesem Hintergrund beginnen sich zunächst in Westeuropa Roma auf nationaler Ebene in Vereinen zu organisieren. Die Bestrebungen, den Prozess der Selbstorganisation und Emanzipation auf eine internationale Ebene zu stellen, gehen von Frankreich aus und münden 1971 in der Gründung des "Internationalen Romani-Kongresses" (RIC). Erklärtes Ziel der ersten Konferenz des RIC in London ist der Kampf gegen gesellschaftliche Marginalisierung sowie das gemeinsame Ringen um eine positive Zukunft unter dem Motto Opre Roma! – "Roma, erhebt euch!" Gelem, Gelem wird zur offiziellen Hymne der Roma erklärt, "Roma" als offizielle Selbstbezeichnung gewählt und eine gemeinsame Flagge entworfen.

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Geschichte und Politik » Von 1945 bis zur Gegenwart » Emanzipation: Anfänge; Emanzipation: International
Materialiensammlung/CD Road of the Gypsies

In der Folge werden inner- und außerhalb Europas weitere politisch tätige Roma-Organisationen gegründet. Ein für die Zukunft wesentlicher Schritt ist die 1978 erfolgte Gründung der "Internationalen Romani-Union" (RIU) als Dachverband regionaler und nationaler Interessensvertretungen. Mit der Einrichtung dieses Organs gelingt es in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, Regierungen stärker mit den Angelegenheiten der Roma zu befassen und die Lobbyarbeit für Roma voranzutreiben. 1979 wird die RIU als nichtstaatliche Organisation (NGO) in den Wirtschafts- und Sozialrat der UNO aufgenommen.

In Osteuropa setzt erst nach Zusammenbruch der kommunistischen Regime die Selbstorganisation der Roma ein. Nationale Roma-Vertreter werden in die Arbeit der internationalen Gremien eingebunden und können so ihren Forderungen – Anerkennung der Roma als Ethnie und als nationale Minderheit, Förderung selbst verwalteter Kulturzentren, Vertretung in politischen Ausschüssen etc. – Nachdruck verleihen.
Im Jahr 2000 wird im Rahmen des fünften und bislang letzten Internationalen Roma-Kongresses in Prag das Roma-Parlament gegründet, das fortan die Richtung der internen und internationalen Politik der "Internationalen Romani-Union" bestimmen soll.

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Geschichte und Politik » Von 1945 bis zur Gegenwart » Das Roma-Parlament

Neben der RIU gibt es einen zweiten internationalen Dachverband von Roma-Organisationen, den "Roma National Congress" (RNC). Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Dachverbänden sollte laut Beschluss der 1. Sitzung des Roma-Parlaments 2001 intensiviert werden, um die Belange der Roma effizienter vertreten zu können.
Obwohl durch die Bildung von Roma-Organisationen und deren Zusammenschluß in Dachverbänden Roma heute in der Lage sind, besser in politischen Prozessen mitzuwirken, "scheint also noch ein weiter Weg vor der "Romani-Bewegung" zu liegen: Vorhandene politische und gesellschaftliche Widerstände müssen überwunden, interne Konfliktpotentiale beseitigt, eine einheitliche politische Linie gefunden und demokratische Strukturen innerhalb ihrer Vertretungen etabliert werden, um den Roma langfristig den gewünschten gesellschaftlichen Status, die geforderten Minderheitenrechte und einen angemessenen politischen Einfluss zu verschaffen." (5)

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Geschichte und Politik » Von 1945 bis zur Gegenwart » Emanzipation: Zukunft

Aktuelle Situation

Seriösen Schätzungen zufolge beträgt heute die Gesamtzahl von Roma in Europa etwa 8-10 Millionen, wobei Rumänien und die Slowakei den höchsten Roma-Anteil an der Gesamtbevölkerung aufweisen (ca. 10%). Roma bilden zusammengenommen die größte ethnische und sprachliche Minderheit Europas; wo immer sie auch leben, sind sie aber in der Minderheit und stehen am Rande der Gesellschaft.


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Geschichte und Politik » Von 1945 bis zur Gegenwart » Gegenwärtige Situation; Rassismus

Roma sind jedoch keineswegs eine homogene Ethnie, sondern setzen sich aus vielen Gruppen mit unterschiedlichem Lebensstil und unterschiedlichen Dialekten zusammen.
Neben Gruppen, die relativ assimiliert sind, gibt es Roma, deren Sozialstruktur und Traditionen nach wie vor intakt sind. In den letzten Jahren ist nun – auch bei assimilierten Gruppen – eine Rückbesinnung auf eigene Werte zu bemerken; das "Roma-Sein" (romanipe) wird wieder zu einem erstrebenswerten Ziel. Bewahrung der eigenen Kultur und Traditionen ist für viele Roma ebenso wichtig geworden wie das Erlangen politischer und sozialer Anerkennung.

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Ethnologie und Gruppen » Allgemeine Themen » Untergruppen der Roma; Romanipe

Es gibt durchaus Roma, die über Wohlstand und gesellschaftliche Anerkennung verfügen, die erfolgreiche Geschäftsleute, anerkannte Künstler und Wissenschaftler sind; ihr Anteil ist jedoch (noch) sehr gering. Der große Teil der Roma lebt, vor allem in Ost- und Südosteuropa, in großer Armut. Die Arbeitslosenrate unter Roma ist um ein Vielfaches höher als unter der Mehrheitsbevölkerung, das Bildungsniveau dementsprechend niedrig. Wo es gilt, das tägliche Überleben zu sichern, steht Bildung meist nicht im Vordergrund.

Dazu kommt oft schulische Ausgrenzung: Roma-Kinder werden immer noch in Sonderschulen abgeschoben, manchmal aufgrund mangelnder Kenntnisse der Mehrheitssprache, öfter aber aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und des damit meist verbundenen niedrigen sozialen Status. Vorurteile, Diskriminierung und ein wieder aufgeflammter Rassismus verschärfen die Situation. Wo entsprechende Initiativen gesetzt werden (wie z.B. die Lernhilfe im "Verein Roma" / Oberwart und im "Romano Centro" / Wien, verbessert sich der Ausbildungsstand schlagartig. Hier gilt es anzusetzen, um den Teufelskreis aus mangelnder Bildung und daraus resultierender Ausgrenzung zu unterbrechen.

Lernhilfe
Lernhilfe in Oberwart, 2000
Verein "Romano Centro"

Mittlerweile ist es Roma gelungen, politische Vertretungen zu etablieren; so gibt es etwa in Ungarn etliche Roma, die Bürgermeister stellen. Ein vor allem in Westeuropa relativ gut ausgebautes Vereins- und Organisationsnetz tragen dazu bei, dass Anliegen der Roma medial und politisch wahrgenommen werden. Diese Anliegen betreffen vor allem politische und soziale Anerkennung, Erhalt von Sprache und Kultur, einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt, den Abbau von Vorurteilen von Seiten der Mehrheitsbevölkerung, aber auch "selbstverständliche" Dinge wie die Versorgung von Roma-Siedlungen mit Wasser und Strom.

Von wirklicher politischer Einflussnahme kann nicht die Rede sein, aber es handelt sich immerhin um Teilerfolge, die erzielt werden. Es braucht nun eine europäische Politik, die Minderheitenrechte und Antidiskriminierungsgesetze für alle Roma zur Anwendung bringt, und Roma, die gemeinsam an einem Strang ziehen, damit sich die Hoffnung erfüllt, die in der Hymne der Roma zum Ausdruck gebracht ist:
... Ake vriama, usti Rom akana, men khutasa misto kai kerasa. A Romale, a Chavale! – "Es ist jetzt die Zeit, dass wir Roma uns erheben, wir werden uns hoch erheben, wenn wir handeln. A Romale, a Chavale!"
(aus: Gelem, Gelem Text von Jarko Jovanovic zu einer traditionellen Melodie (6)).

1 Siehe auch Romani Patrin: Aus unserer Geschichte / Andar amari historija I-V, Heft 1/1998 bis Heft 1/1999. Als Download unter: http://romani.uni-graz.at/romani/patrin/index.de.shtml
2 Portschy, Tobias (1938) Die Zigeunerfrage. Denkschrift des Landeshauptmannes für das Burgenland, Eisenstadt.
3 Materialiensammlung/Buch Stojka, Ceija (2003) Wir leben im Verborgenen.
4 Die Wiedergutmachungsfrage wird im Film Das falsche Wort. (Deutschland 1987) thematisiert; siehe Literatur, Filme und Links
5 Samer, Helmut (2001) Emanzipation: Probleme und neue Herausforderungen. [→ Kulturdokumentation
Geschichte und Politik » Von 1945 bis zur Gegenwart » Emanzipation: Zukunft]
Zu Minderheitenrechten und Anerkennung der Roma als Volksgruppe in Österreich siehe auch Materialiensammlung/Buch I am from Austria
6 Materialiensammlung/CD Auf der Doppel-CD Road of the Gypsies findet man zwei Versionen der Hymne Gelem, Gelem (CD 1, Nr. 4: Szelem, szelem und CD 2 , Nr. 10: Gelem, gelem )
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