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Herkunft und Bezeichnungen
Exkurs: Entlehnungen
Lautinventar
Substantiv
Verb
Sprachverwendung

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Herkunft und Bezeichnungen

Die Sprache der Roma, die romani čhib, wird entweder Romani oder Romanes (ausgesprochen: Románi bzw. Romanés) genannt. Eine Ausnahme bilden die Romani-Varianten der Sinti: Sie werden als Rómanes oder Sintitíkes bezeichnet. Als Sinti verstehen sich diejenigen Roma, die schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in den deutschsprachigen Raum gekommen sind und heute hauptsächlich in Westeuropa leben. Die Bezeichnung Calé bezieht sich auf die Sprache der Gruppen, die seit langem auf der iberischen Halbinsel leben, als Kale bezeichnen sich die Roma in Finnland.

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Das Romani gehört wie die meisten europäischen Sprachen zur Familie der indoeuropäischen (1) Sprachen. Innerhalb dieser Großgruppe weisen Wortschatz und Grammatik auf eine alte Verwandtschaft mit indoarischen Sprachen - wie z.B. dem Hindi - hin. Romani ist die einzige indoarische Sprache, deren Sprecher ausschließlich außerhalb des indischen Subkontinents leben und die seit dem Mittelalter in Europa gesprochen wird.

Image Die indoeuropäische Sprachfamilie im Überblick

Aufgrund dieser sprachlichen Zugehörigkeit kann man auf die Herkunft der Roma aus Indien schließen, so wie generell die Entwicklungen und Veränderungen im Romani zu den wichtigsten Anhaltspunkten für die Rekonstruktion der Migrationsgeschichte der Roma zählen.

Mit der Abwanderung der Roma aus Indien erfolgt eine Abspaltung von den anderen indoarischen Sprachen. Es entwickelt sich eine eigenständige Sprache, die Proto-Romani genannt wird und Vorläufer aller heutigen Romani-Dialekte ist. Proto-Romani dürfte in Kleinasien etwa im 11./12. Jahrhundert gesprochen worden sein; aus der Zeit davor stammen die iranischen und armenischen Elemente im Wortschatz des Romani. Den stärksten Einfluss übt jedoch das Griechische aus: Nicht nur der Wortschatz, sondern auch Teile der Grammatik und des Satzbaus weisen eine starke Prägung durch das Griechische auf.

Romani Herkunft
jekh, duj, trin, ... indisch eins, zwei, drei
daj, dad indisch Mutter, Vater
bokh indisch Hunger
thud indisch Milch
va, vast indisch Hand
ambrol iranisch Birne
baxt iranisch Glück
phurt iranisch Brücke
dudum armenisch Kürbis
grast armenisch Pferd
efta, oxto, enja griechisch sieben, acht, neun
zumi griechisch Suppe
ora griechisch Stunde
papin griechisch Gans, Ente
usw.
Der allen europäischen Romani-Dialekten gemeinsame Erbwortschatz umfasst Wörter aus dem Indischen, Iranischen, Armenischen und Byzantinisch-Griechischen.

Mit dem Niedergang des byzantinischen Reiches beginnen Roma im 12./13. Jahrhundert von Griechenland ausgehend über den Balkan nach Osteuropa (Walachei und Moldawien) bzw. Zentral- und Westeuropa auszuwandern. Das bringt eine Aufspaltung des frühen Romani mit sich: Vermutlich im 15. und 16. Jahrhundert entwickeln sich unter dem Einfluss verschiedener Kontaktsprachen wie Türkisch, Rumänisch, Ungarisch, Slawisch oder Deutsch die einzelnen Romani-Dialekte. Die frühesten sprachlichen Zeugnisse in Form von kurzen Sätzen und Wortlisten datieren aus der Mitte des 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts und repräsentieren Dialekte aus Westeuropa, Südeuropa und dem Balkan. Diese Quellen weisen eine dialektale Varianz auf, die der heutigen schon recht nahe kommt.

Man unterscheidet im Romani sieben große Dialektgruppen: Balkan-, Vlach-, Zentrale, Nordöstliche, Nordwestliche, Britische und Iberische Dialekte. Zentrale Dialekte werden von Südpolen bis Ungarn und von Ostösterreich bis zur Ukraine gesprochen, Balkan-Dialekte am Balkan und in der Türkei. Vlach bezeichnet Dialekte, die starken rumänischen Einfluss aufweisen, da ihre Sprecher einst als Leibeigene oder Sklaven in der Walachei gelebt haben. Nordöstliche Dialekte findet man in Lettland, Polen, Nordrussland etc., Nordwestliche Dialekte in Finnland sowie bei den Sinte-Manuš in Deutschland, Frankreich, Italien, etc. Britische und Iberische Dialekte werden auf den Britischen Inseln und in Spanien gesprochen.

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Exkurs: Entlehnungen

Wie alle Sprachen entlehnt auch das Romani Wörter aus anderen Sprachen. Das alleine ist noch nichts Besonderes; bemerkenswert ist, dass aus so vielen und oft sehr verschiedenen Sprachen entlehnt wurde und wird.
Die Gründe für Entlehnung sind vielfältig. Die offensichtlichste Ursache für Entlehnung liegt darin, dass Dinge und Sachverhalte, die neu sind, benannt werden müssen. So wurden etwa im Burgenland-Romani das Auto als auteri, der Fernseher als fernseheri ins Lexikon übernommen.

Ein weiterer Grund für Entlehnung ist, dass Dinge oder Sachverhalte für die Roma nicht relevant waren und deshalb nicht mit einem eigenen Namen versehen wurden. So etwa waren Roma selbst nie Bauern, und viele Bezeichnungen aus diesem Bereich wurden erst entlehnt, als Roma auf Grund ihrer Tätigkeit als Handwerker und Musiker mit Bauern in Kontakt kamen. Damit in Zusammenhang stehen Entlehnungen, die Differenzierungen dienen, die bis zu diesem Zeitpunkt für Roma nicht wichtig waren. So wurde der Samstag möglicherweise deshalb aus dem Südslawischen savato bzw. sabato entlehnt, weil dieser Tag Markttag und somit für die Geschäfte der Roma von Bedeutung war.

Entlehnung bedeutet nicht, dass ein Wort unverändert übernommen; vielmehr muss es so adaptiert werden, dass es in die vorhandenen sprachlichen Strukturen passt; d.h. Substantiva müssen nach dem System des Romani deklinierbar, Verben konjugierbar werden, usw. So wird etwa serbokroatisch "pisati" im Burgenland-Romani zu pisinel / schreiben

.

In einigen Dialekten unterscheiden sich Lehnwörter durch eine andere Betonung von Erbwörtern. Im Kalderaš-Romani etwa werden Erbwörter auf der letzten Silbe betont, während Lehnwörter auf der vorletzten Silbe betont sind: Man vergleiche z.B. das indische Erbwort bakró / Schaf mit trásta / Tasche, einer Entlehnung aus dem Rumänischen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass im Romani Wörter und - seltener - grammatikalische oder syntaktische, d.h. den Satzbau betreffende Strukturen entlehnt werden, wenn das nützlich oder notwendig ist. Ebenso werden, wenn erforderlich, neue Wörter gebildet.

Romani ist aber nicht ausschließlich eine Sprache, die entlehnt. Deutsche Sonder- und Geheimsprachen wie Jenisch oder Rotwelsch enthalten, bedingt durch berufliche und soziale Kontakte, mehrere 100 Wörter aus dem Romani, während in der deutschen Umgangssprache wenige Wörter aus dem Romani auftauchen, wie z.B. Zaster / Geld (< rom. saster bzw. sastro / Eisen) oder Bock / Lust (< rom. bokh / Hunger). Ähnliches gilt für andere Sonder- und Geheimsprachen sowie Slangs und Umgangssprachen, wobei etwa umgangssprachliches Ungarisch oder Rumänisch aufgrund unterschiedlicher Kontaktsituationen einen höheren Anteil an Wörtern aus dem Romani aufweisen als das oben erwähnte umgangssprachliche Deutsche (siehe Matras 1998 (2) und Matras 2002: 249f. (3)).


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Lautinventar

Das Lautinventar des Romani umfasst die fünf primären Kardinalvokale /i, e, a, o, u/ sowie zusätzliche, aus Kontaktsprachen übernommene Vokale wie z.B. gerundete Vokale, so genannte "Umlaute" (aus dem Türkischen, Ungarischen und Deutschen) oder zentralisierte Vokale (aus dem Rumänischen, Bulgarischen, Polnischen, Russischen, etc.).

Das Konsonantensystem verfügt – im Unterschied zu den anderen europäischen Sprachen – über die auf das Indische zurückgehenden behauchten stimmlosen Verschlusslaute /ph, th, kh/, die bedeutungsunterscheidend sind, z.B.: perav / ich falle : pherav / ich fülle, tav! / koche! : thav / Faden, ker! / mach! : kher / Haus.
Einige Dialekte haben auch ein behauchtes /čh/: z.B. čor / Dieb : čhor / schütte! oder zwei bedeutungsunterscheidende "r"-Varianten ("Zungen-r": "Zäpfchen-ř"): z.B.: bar / Garten : bař / Stein.


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Substantiv

Das Romani verfügt über zwei Geschlechter, nämlich Maskulinum und Femininum; mit Ausnahme des natürlichen Geschlechts (wie in: o dad / der Vater, i daj / die Mutter) stimmt das Geschlecht nicht zwangsläufig mit dem Geschlecht in anderen Sprachen überein; es gibt auch kein Neutrum.

Die insgesamt 8 Fälle des Romani (Nominativ, Akkusativ, Dativ, Lokativ, Ablativ, Instrumental, Genitiv und Vokativ) sind nicht mehr in allen Dialekten vollständig erhalten. Hier besteht – wie in vielen anderen Sprachen – die Tendenz, Fälle durch Präpositionen zu ersetzen:
z.B.: kherestar / aus dem Haus durch andar o kher (andar = aus, o = männlicher Artikel, kher = Nominativ von Haus).


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Kasusendungen im Romani (Erbwörter: dad / Vater, daj / Mutter)
sg. mask. sg. fem. pl. mask. & fem.
Akk. (bzw. Obl.) dad-es daj-a dad/daj-en
Dat. dad -es-ke daj -a-ke dad/daj -en-ge
Lok. dad -es-te daj -a-te dad/daj -en-de
Abl. dad -es-tar daj -a-tar dad/daj -en-dar
Instr. dad -es-(s)a bzw. dad -e-ha daj -a-sa bzw. daj -a-ha dad/daj -en-ca
Gen. dad -es-kero bzw. dad -es-kro, -es-ko daj -a-kero bzw. daj-a-kro, -a-ko dad/daj -en-gero bzw. dad/daj -en-gro, -en-go

Der Vokativ (Anredeform: z.B. phrala! = Brüder!) wird in der Tabelle nicht angeführt, da er stark variiert und in einzelnen Dialekten nur mehr in wenigen fossilierten Formen vorhanden ist.

Belebtheit ist eine Kategorie im Romani, die sich nur an der Form des Akkusativ zeigt. Belebt sind Menschen und (größere) Tiere, unbelebt hingegen – meist – kleinere Tiere, Pflanzen und Dinge. Allerdings ist die Bezeichnung "Belebtheit" nicht unbedingt im wörtlichen Sinn zu verstehen; auch an sich unbelebte Objekte können in bestimmten Kontexten als belebt markiert werden. So könnte etwa im Märchen ein Stein, der angesichts des Schicksals einer Frau zu weinen beginnt, durch Obliquus (formal gleich dem Akkusativ) als belebt markiert sein:
Dikhav o bar. / Ich sehe den Stein. (unbelebt) aber:
Dikhav le bares, rol. / Ich sehe den Stein, er weint. (belebt)


Verb

Das Verb im Romani drückt allgemein eine Handlung oder ein Ereignis aus. Wer oder was in die Handlung, das Ereignis involviert ist, wird an der Verwendung ersichtlich; anders als z.B. im Deutschen oder Englischen braucht das Personalpronomen nicht explizit angeführt zu sein:
z.B.: ker-av / ich mache, ker-es / du machst, ker-el / er macht, usw.

Der im Sanskrit noch vorhandene Infinitiv ist im Romani nicht mehr erhalten. Als "Ersatzinfinitv" wird eine Art Nebensatzkonstruktion verwendet:
z.B.: te džal / gehen (eigentlich "dass er/sie geht"), te čumidel / küssen, in anderen Dialekten auch te džan, te čumiden, usw.


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Sprache » Struktur» Morphologie-Verb

"Sein" weist ein breites Spektrum an dialektspezifischen Varianten auf:
Rómanes hom hal hi ham han hi
Burgenland R. som sal hi sam san hi
Kalderaš R. sîm san sam san
Bugurdži R. s(i)jom sjan si sjam sjen si
Sepečides R. isinóm isinán isí isinám isinén isí
ich bin du bist er/sie ist wir sind ihr seid sie sind

"Haben" wird durch das Personalpronomen im Akkusativ und "ist" ausgedrückt:
z.B.: man hi / ich habe (wörtlich: "mich ist"), tut hi / du hast, le hi / er hat, usw.


Sprachverwendung

Was die Anzahl der Romani-SprecherInnen betrifft, gibt es keine verlässlichen Angaben; Schätzungen zufolge dürfte es allein in Europa ca. 4,6 Millionen SprecherInnen geben. Während allein in Rumänien über eine Million Roma ihre Sprache noch beherrschen (das sind 90% aller rumänischen Roma), gibt es in der tschechischen Republik nur mehr 140.000 (oder 50%) und in Österreich geschätzte 20.000 (oder 80%) kompetente SprecherInnen.


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Alle erwachsenen Romani-SprecherInnen sind zumindest zweisprachig (Romani und die jeweilige Landessprache), oft aber auch mehrsprachig. Im Burgenland etwa war in der Zwischenkriegszeit 3- oder 4-Sprachigkeit der Roma-Bevölkerung die Norm; bedingt durch die burgenländischen Volksgruppen waren neben Deutsch und Burgenland-Romani Kroatisch und Ungarisch Teil des sprachlichen Repertoires der dort ansässigen Roma.

Romani als primär mündlich tradierte und verwendete Sprache wird vor allem im gruppeninternen und privaten Gebrauch gepflegt. Als Resultat der Verfolgung und Ermordung großer Teile der kulturerhaltenden Großelterngeneration, aber auch als Effekt einer globalisierten Welt sowie mangelnder Unterstützung seitens der Behörden nimmt die Zahl der Romani-SprecherInnen kontinuierlich ab. Romani zu sprechen wird heute oft als ein Hindernis gesehen, das einer erfolgreichen Integration im Wege steht.

1 Der früher üblichere Terminus war "indogermanische" Sprachen.
2 Matras, Yaron (1998) The Romani Element in German secret languages: Jenisch and Rotwelsch, in: Matras, Yaron (ed.) The Romani Element in Non-Standard Speech, Wiesbaden: Harrassowitz, pp. 193-230.
3 Matras, Yaron (2002) Romani. A linguistic introduction, Cambridge: Cambridge University Press.
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