Soziologie & Ethnologie

Stereotype, Klischees und Vorurteile
Wohnen
Feierlichkeiten und Zeremonien
Feste
Begräbnis und Trauerrituale
Glaubensvorstellungen
Familien- und Sozialstruktur
Arbeit

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Stereotype, Klischees und Vorurteile

Seit ihrer Ankunft in Europa sind "Zigeuner" vor allem eines: Sie sind Fremde, über die man nichts weiß und denen – nicht zuletzt aufgrund ihres Aussehens – alle nur erdenklichen Eigenschaften zugeschrieben werden. Den "Furcht einflößenden Gestalten" wird vorgeworfen, dass sie sich der Zauberei bedienen, stehlen, geregelte Arbeit verweigern, Spionage betreiben und vieles mehr. Sogar für den Ausbruch von Pest und Cholera werden Roma, ebenso wie Juden, verantwortlich gemacht. Hier zeigt sich eine von mehreren Parallelen zum Antisemitismus: Das Bild des "ewigen Juden" entspricht ziemlich genau dem Bild des zum Umherziehen gezwungenen "Zigeuners". Beiden wird vorgeworfen, Jesus bzw. der Heiligen Familie Haus oder Unterkunft verweigert zu haben, und beide sind – so die Legende – in weiterer Folge zu ewiger Wanderschaft verdammt.

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Ethnologie und Gruppen » Allgemeine Themen » Stereotype und Folklorisierung

Tatsächlich ist der den Roma häufig unterstellte "Wandertrieb" weder Strafe für eine unterlassene Hilfeleistung noch angeboren. Immer schon waren es Zwänge, die Roma-Gruppen zur Wanderschaft bewegt haben. Sei es die Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen und Verfolgung, sei es, dass ihnen verboten wurde, sich innerhalb der Stadtmauern niederzulassen und Handwerkszünften beizutreten oder landwirtschaftliche Nutzfläche zu erwerben: Der "Wandertrieb" der Roma ist ein Konstrukt. Schätzungen gehen davon aus, dass heute von den weltweit 10–12 Millionen Roma maximal 5% als so genannte "peripatetische Nomaden" zu bezeichnen sind, d.h. dass sie aus wirtschaftlichen Gründen mobil sind.

→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Allgemeine Themen » Nomadisch und Sesshaft

Wie ein Vorurteil entstehen kann, zeigt das Beispiel der angeblich "Kinder stehlenden Zigeuner": Unter der Kaiserin Maria-Theresia wurde eine Verordnung herausgegeben, nach der Roma-Kinder ihren Eltern weggenommen und christlichen Bauernfamilien zum Zwecke der "Zivilisierung" übergeben wurden. Roma, die daraufhin versuchten, ihre Kinder zurückzuholen, wurden des Kinderdiebstahls bezichtigt.

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Geschichte und Politik » Neuzeit » Maria-Theresia und Joseph II.

Im 19. Jahrhundert wurden bislang negativ besetzte Stereotype auch positiv umgedeutet: In der Projektion eigener unerfüllter Wünsche werden "Zigeuner" zum Sinnbild der Freiheit und Selbstbestimmtheit (wie etwa in Bizets Carmen oder dem Lied Lustig ist das Zigeunerleben).

Gleichzeitig mit einem "wissenschaftlichen" Rassismus, der Roma als "minderwertige" Rasse einstuft, prägt dieses Zigeunerbild der Romantik die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Roma noch im 20. Jahrhundert. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal in der Geschichte verdichtet sich das Fremdbild zum Feindbild; Andersartigkeit – kulturell oder rassisch, tatsächlich oder konstruiert – wird zum Grund für die Vernichtung.

Der Zigeunerbaron
Filmplakat zu Der Zigeunerbaron
Regie: Kurt Wilhelm / Deutschland 1962
Quelle: http://www.cinemabilia.de/
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Geschichte und Politik » Holocaust

Das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild von Roma ist nach wie vor geprägt von meist negativen Vorurteilen und Klischees. Es gibt tatsächlich auch "Zigeuner", die stehlen, betrügen, nicht arbeiten, genauso wie es viele Nicht-Roma gibt, die dasselbe tun: Die Gefahr liegt in der Desinformation und konsequenten Verallgemeinerung. Die Gefahr liegt auch darin, dass individuelle Vorurteile in die Politik übernommen und in weiterer Folge zu negativen Folgen für die Roma, bis hin zu ihrer systematischen Vernichtung, führen. (1)

Materialiensammlung/Buch Sinti und Roma S.123 ff.

Wohnen

Wie schon gesagt wurde, ist den Roma der oftmals unterstellte "Wandertrieb" keineswegs angeboren; neben wirtschaftlichen Notwendigkeiten waren oft genug Verfolgung und Vertreibung die Faktoren, die Roma zum Aufbruch und zum Weiterziehen bewogen haben. Die geeignete Form des Wohnens, der "Behausung", waren somit das Zelt oder der Wagen.


→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Wohnen
→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Arbeit und Berufe
Ethnologie und Gruppen » Allgemeine Themen » Nomadisch und Sesshaft

Schon lange leben die meisten Roma in Häusern, auch wenn diese manchmal nicht den Vorstellungen moderner Lebensqualität entsprechen; oft fehlen Wasser, Strom und sanitäre Anlagen. Während früher Roma-Siedlungen sogar an Plätzen entstanden, die bestimmten Berufsgruppen (z.B. Schmieden oder Musikern) zugewiesen wurden, damit diese dort ihre Berufe anbieten konnten, befinden sich heute viele Siedlungen am Rand oder ganz außerhalb von Ortschaften, dort, wo kein Gadžo (Nicht-Rom) sich mehr ansiedeln würde, an Plätzen, für welche die Stadt oder Gemeinde sonst keine Verwendung hat. In Oberwart (Burgenland / Österreich) etwa, wo Roma seit Jahrhunderten sesshaft sind, wurden diese etliche Male umgesiedelt; zuletzt, als der Grund, wo sich die alte Roma-Siedlung befand, für den Bau des neuen Krankenhauses benötigt wurde. Heute steht die Siedlung dort, wo früher die Mülldeponie war. (2)

Roma-Siedlung
Roma-Siedlung (Slowakei), 2001
Quelle: Rombase / Barbara Schrammel
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Ethnologie und Gruppen » Wohnen » Gav / Vatra; Osada

In den wenigsten Fällen leben Roma in den Ortschaften unter und mit den Gadže. Einerseits wollen viele Nicht-Roma keine Roma in der Nachbarschaft (3), andererseits grenzen sich auch Roma von den Gadže ab und fühlen sich in der Gemeinschaft ihresgleichen besser aufgehoben. Etliche Roma ziehen das Leben in der Anonymität von Großstädten vor; hier weiß niemand, dass sie Roma sind, und so hoffen sie, Problemen und Anfeindungen aus dem Weg gehen zu können. Es gibt aber auch und gerade in Großstädten sehr traditionell lebende Roma-Familien, die ihre romanipe, ihr "Roma-Sein" hochhalten und manchmal regelrecht zu "Botschaftern" ihrer Kultur werden.

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Ethnologie und Gruppen » Wohnen » Maškaral o Gav
Ethnologie und Gruppen » Allgemeine Themen » Romanipe
Persönlichkeiten » Die Stojkas; Ruža Nikolić-Lakatos

Feierlichkeiten und Zeremonien

Feste
Im Großen und Ganzen feiern Roma die Feste, die Nicht-Roma, Gadže, auch feiern: Hochzeit, die Geburt eines Kindes und die Taufe. Dazu kommen verschiedene religiöse und nicht religiöse Feste, abhängig davon, in welchem kulturellen Einflussbereich die jeweiligen Roma-Gruppen leben bzw. sozialisiert worden sind. Während die meisten Roma Weihnachten, Neujahr und Ostern feiern, gibt es die slava, das Fest des Familienpatrons, nur bei serbisch-orthodoxen Roma oder djurdjevdan, das Fest des heiligen Georg, bei Roma im südbalkanischen Raum. (4)

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Ethnologie und Gruppen » Feste
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Ethnologie und Gruppen » Feste » Slava; Djurdjevdan

Die Hochzeit (bijav)und ein damit verbundenes Hochzeitsfest sind nicht unabdingbar, um in der Roma-Gesellschaft als Paar zu gelten; schon die Verlobungszeremonie (mangavipen) bindet Mann und Frau ein Leben lang aneinander. Sie wird im engeren Familienkreis gefeiert und vereint nicht nur Mann und Frau, sondern die beiden Familien miteinander. Traditionell werden die Ehepartner von ihren Eltern ausgesucht; entscheidend bei der Auswahl der Partner sind auch immer die ökonomischen und sozialen Vorteile, die aus dieser neuen Verbindung entstehen sollten.

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Ethnologie und Gruppen » Zeremonien » Bijav; Mangavipen

Die eigentliche Hochzeit, zu der oft einige hundert Gäste eingeladen sind, findet manchmal erst Jahre nach der Verlobung statt, wenn die Familien des Brautpaares über die dafür nötigen finanziellen Mittel verfügen. Die standesamtliche und / oder kirchliche Trauung ist als Tribut an die Nicht-Roma-Gesellschaft zu sehen, in der eine nicht offizielle Ehe als "wilde Ehe" lange Zeit verpönt und sozial nicht abgesichert war.

Die Taufe (boňa) des Kindes ist für Roma eine außerordentlich wichtige Zeremonie, da sie den Übertritt des Kindes aus einer "anderen" Welt in diese Welt symbolisiert. Bis zur Taufe haben nach altem Glauben böse Kräfte Macht über das Kind; deshalb darf es in dieser Zeit von der Mutter nie allein gelassen werden. Als Schutz gegen die bösen Mächte wurde oft ein Gegenstand aus Eisen – etwa ein Messer oder eine Schere – unter den Kopf des Kindes gelegt; Eisen sollte das Neugeborene gegen diese negativen Einflüsse immun machen. Während die Hochzeitszeremonie durchaus von einem weisen, alten Rom durchgeführt werden konnte, verlangt die Taufe durch ihre große Bedeutung einen professionellen Priester.

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Ethnologie und Gruppen » Zeremonien » Boňa

Begräbnis und Trauerrituale
Bei traditionell lebenden Roma-Gruppen ist die Ahnenverehrung – möglicherweise ein Relikt hinduistisch beeinflusster Strukturen – nach wie vor vorhanden. Dazu kommen Einflüsse der jeweils vorherrschenden Religion, die in das tradierte religiöse System integriert und entsprechend angepasst wurden.
Der Verstorbene wird vorzugsweise zu Hause aufgebahrt. Während dieser mindestens 24 Stunden dauernden Aufbahrung darf der Verstorbene nicht allein gelassen werden. In seiner Gegenwart darf weder gegessen noch getrunken werden; Männer und Frauen wechseln sich bei der Totenwache (vartováni) ab. Dabei übernehmen oft ältere Frauen die Rolle von Klageweibern. Das Zerreißen der Kleider dient auch zur Abwehr des Totengeistes (mulo).
Bis vor wenigen Jahrzehnten waren auch bestimmte Rituale üblich, mit deren Hilfe durch die Gegenwart des Todes "verunreinigte" Menschen (mahrimé, degeš) und Gegenstände rituell gereinigt (žužo) werden sollten; dabei wurde das Totenbett, das Zelt oder der Wagen des Verstorbenen verbrannt.


Wagen eines Verstorbenen
Der Wagen eines Verstorbenen wird verbrannt (England), 1947
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Ethnologie und Gruppen » Zeremonien » Vartováni
Ethnologie und Gruppen » Glaube und Rituale » Mahrimé; Degeš; Žužo

Das Begräbnis selbst findet meist drei Tage nach dem Tod statt; dabei wird der Trauer und dem Schmerz in einer gegenüber den christlich-abendländischen Gepflogenheiten ungewöhnlich heftigen Art Ausdruck verliehen. Manchmal werden dem Verstorbenen persönliche Gegenstände ins Grab mitgegeben, Gegenstände, die er im Leben gern hatte; dem Toten sollte es auch im Jenseits an nichts fehlen.

Während der Trauerzeit gibt es von Gruppe zu Gruppe unterschiedliche Rituale und Vorschriften. Diese Trauerrituale haben die Funktion, dem Toten den Übergang in die jenseitige Welt zu bereiten, aber auch, den Hinterbliebenen über den Verlust hinwegzuhelfen.
So ist es etwa den Sepečides verboten zu tanzen, bei Vlach-Roma wie den Kalderaš oder den Lovara ist es den Männern verboten, sich zu kämmen, zu rasieren und zu waschen.

Der mulo, der Totengeist des Verstorbenen, kann eine bestimmte Zeit lang wiederkehren; bei den Kalderaš beträgt die Zeit der möglichen Wiederkehr 40 Tage, bei anderen Gruppen wie z.B. den Sinti bis zu einem Jahr. Während dieser Zeit wird – vor allem bei traditionell lebenden Vlach-Roma – die pomana, das zyklisch wiederkehrende Totenmahl zu Ehren des Verstorbenen abgehalten. Bei den österreichischen Kalderaš etwa findet die pomana sieben Tage, 40 Tage, ein halbes Jahr und ein Jahr nach dem Tod statt, bei rumänisch-orthodoxen Roma jedoch nur einmal, und zwar sechs Wochen nach der Beerdigung. Auch bei manchen muslimischen Roma-Gruppen gibt es ähnliche Rituale; hier ist es eine offizielle Totenfeier, mevlût genannt, die ebenfalls eine Woche, 40 Tage, ein halbes Jahr und ein Jahr nach dem Tod abgehalten wird.

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Ethnologie und Gruppen » Glaube und Rituale » Mulo
Ethnologie und Gruppen » Zeremonien » Pomana

Erst nach Ende der Trauerzeit kann der Verstorbene in die Gemeinschaft der den Menschen wohlgesinnten Ahnen aufgenommen werden. Vorher besteht die Möglichkeit, dass der mulo, der Geist des Toten, wiederkehrt, was in manchen Fällen durchaus erwünscht und als Zeichen besonderer Verbundenheit gedeutet, manchmal aber gefürchtet wird; dann kann der mulo, durch verschiedene Rituale besänftigt werden.


Glaubensvorstellungen
Devel bzw. Del bedeutet in wahrscheinlich allen Dialekten des Romani "Gott". Er ist die höchste, allmächtige, allgegenwärtige und unersetzbare transzendentale Macht. Daneben existieren andere Kräfte, die manchmal den Menschen helfen, öfter aber ihnen Böses antun, wie zum Beispiel die bosorka, eine Art Hexe oder Zauberin. Sie kann ein ungetauftes Kind durch ein böses, zurückgebliebenes oder behindertes Kind ersetzen, sie kann Menschen verhexen und sogar den Tod verursachen; gute "Hexen" hingegen verfügen über heilende Kräfte, sind in der Lage, die Zukunft vorauszusagen oder den Menschen mit guten Ratschlägen zur Seite zu stehen.


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Ethnologie und Gruppen » Glaube und Rituale
→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Glaube und Rituale » Devel; Bosorka

Die für Roma wichtigsten übernatürlichen Kräfte sind zweifellos die mule, die Geister der Toten. Ein Toter kann erscheinen, um mit einem Lebenden eine Rechnung zu begleichen, weil ihm etwas in der "anderen" Welt fehlt oder weil er ein Verhalten der Nachfahren nicht billigt. Totengeister können aber auch ihre Nachkommen beschützen und vor drohender Gefahr warnen.

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Ethnologie und Gruppen » Glaube und Rituale » Mulo

Eine nicht so genau definierte Rolle nimmt der beng, der Teufel, ein. Während bei argentinischen Kalderaš der Teufel das negative Gegenstück zu Gott darstellt, ist der beng bei vielen anderen Roma-Gruppen zwar eine – nicht näher definierte – böse Macht, taucht aber etwa in Märchen oft als Einfaltspinsel auf, der sich vom schlauen Rom immer wieder überlisten lässt. Auch schlechte Menschen werden als beng bezeichnet, schlimme Kinder als bengoro, Teufelchen.

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Ethnologie und Gruppen » Glaube und Rituale » Beng
Materialiensammlung/Buch Märchen und Erzählungen

Alle teuflischen oder bösen Mächte haben aber eines gemeinsam: Sie sind unrein. Das Konzept der Reinheit bzw. Unreinheit nimmt bei Roma traditionell einen großen Stellenwert ein.
Während Roma von Gadže oft mit Schmutz in Verbindung gebracht werden (die sprichwörtlichen "dreckigen Zigeuner"), gibt es tatsächlich unter Roma ganz genaue Regeln und Gebote hinsichtlich der Dichotomie rein / unrein – wobei gesagt werden muss, dass nicht mehr alle Roma-Gruppen die Reinheitsgebote und -Tabus kennen bzw. die Erfordernisse des Alltags es oft nicht erlauben, dass die Gebote strikt eingehalten werden. Als Beispiel dafür seien tausende osteuropäische Roma genannt, die am Rande von Mülldeponien ihr Leben fristen, indem sie den an sich als rituell unrein angesehenen Müll der Gadže sammeln, sortieren und wieder verkaufen, und zwar aus reiner Überlebens-Notwendigkeit.

Der Rom und der Teufel
Materialiensammlung/Buch Der Rom und der Teufel
→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Glaube und Rituale » Mahrime; Degeš; Žužo
Materialiensammlung/Video Auf der Kippe

Familien- und Sozialstruktur

Spricht man von "den Roma", muss man sich immer vor Augen halten, dass es sich dabei keineswegs um eine homogene Gruppe handelt. Homogenität besteht in gewissen Bereichen (Teile der Geschichte, gemeinsame Sprachbasis, bestimmte soziokulturelle Merkmale), zugleich weisen aber die vielen Groß- und Kleingruppen recht heterogene Züge auf.


→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Familien- und Sozialstruktur
→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Allgemeine Themen » Untergruppen der Roma; Glossar

Allen Roma-Gruppen gemeinsam ist die romanipe, das Bewusstsein, Roma zu sein, sowie die Fähigkeit, sich unter gleichzeitiger Bewahrung möglichst großer Unabhängigkeit so weit anzupassen, dass das Überleben gewährleistet ist. Abgrenzung gegenüber den Gadže, den Nicht-Roma, bildet den kleinsten gemeinsamen Nenner eines kollektiven Bewusstseins. Als nach wie vor vorhandenen Identifikator könnte man amare Roma ("unsere Roma") bezeichnen. Als amare Roma werden diejenigen Roma bezeichnet, denen man sich unmittelbar zugehörig fühlt. Das können die Bewohner einer oder auch mehrerer Roma-Siedlungen und, im weitesten Sinn, eine Roma-Gemeinschaft, die eine Sprache (d.h. nahe verwandte Dialekte der romani čhib) spricht, sein. Die Definition von amare Roma hängt vom Kontext ab, in dem man sich von den cudza Roma, den "fremden" Roma, abgrenzen will.

→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Allgemeine Themen » Romanipe; Gadžo / Das / Gor
Ethnologie und Gruppen » Familien- und Sozialstruktur » Amare Roma; Cudza Roma

Abhängig von den Bedingungen, die Roma in den einzelnen Gesellschaften vorfinden, kommen verschiedene Strategien der Anpassung und des Überlebens zum Einsatz. Wie eine traditionelle Sozialorganisation aussehen kann, soll hier am Beispiel der Kalderaš gezeigt werden:
Die kleinste Einheit, sozusagen den Kern, bildet die Großfamilie (tséra, wörtlich: Zelt). Sie besteht meist aus drei Generationen (Großeltern, Eltern und unverheirateten Kindern). Die nächste Ebene umfasst die Gemeinschaft mehrerer Großfamilien, die von einem Vorfahren abstammen (vitsa: Sippe, Klan).

→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Familien- und Sozialstruktur » Traditionelle Sozialstruktur

Innerhalb dieser Sippe, aber auch unter befreundeten Sippen, wird bevorzugt geheiratet. Heiratet ein Rom, entscheidet er sich entweder für die Sippe des Vaters oder – seltener – für die der Mutter. Die Mitglieder einer Sippe sind verpflichtet, im Falle des Todes bedeutender Sippenmitglieder an der Totenfeier sowie an der Totenwache teilzunehmen. Darüber hinaus unterliegen sie der internen Rechtsprechung der Vlach-Roma, der kris, die vor allem bei den Kalderaš (noch) von großer Bedeutung ist.

→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Familien- und Sozialstruktur » Kris

Die größte soziale Einheit bildet die natía oder řasa (in etwa mit "Stamm" zu übersetzen), die sich aus den weltweit lebenden Sippen der Kalderaš zusammensetzt. Die Bindungen innerhalb des "Stammes" sind relativ locker und durch weniger gegenseitige Verpflichtungen gekennzeichnet; es besteht aber ein Zusammengehörigkeitsgefühl über die Grenzen von Ländern hinweg, und gegenseitige Hilfe, sollte sie gebraucht werden, ist selbstverständlich.

Die wirtschaftlich, aber auch sozial und politisch gesehen wichtigste Einheit innerhalb der Sozialorganisation war die kumpania, innerhalb derer sich Angehörige mehrerer befreundeter Sippen zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammenschließen, um ein Handwerk oder Geschäfte gemeinsam zu betreiben. Jede kumpania hat ihren speziellen Arbeitsbereich und agiert in einem abgegrenzten Territorium, das gegen "Eindringlinge" verteidigt wird. Der Patriarch der würdigsten Sippe, der rom baro (der "große" Rom), erhält und verteilt die Einkünfte, hat aber auch nach außen hin Sprecherfunktion; oft schon wurde dieser rom baro fälschlicherweise von Gadže (aber auch von Roma) zum "Zigeunerkönig" hochstilisiert.

→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Arbeit und Berufe » Wirtschaftsgemeinschaften

Vergleichbare Sozialstrukturen gibt es auch bei anderen Roma-Gruppen; allerdings existieren diese Strukturen nur mehr bei wenigen Roma-Gruppen in ihrer ursprünglichen Form. Holocaust, Zwangsassimilierung oder, wie in Osteuropa, Eingliederung in die Kolchose-Arbeit haben wesentliche Grundvoraussetzungen für den Bestand und das Funktionieren dieser Organisationsformen zerstört. Sippen und Familien wurden auseinander gerissen und oft auf wenige Mitglieder dezimiert; die für die Ausübung von bestimmten Berufen wesentliche Voraussetzung, nämlich eine zumindest zeitweilige örtliche Mobilität, wurde unterbunden. Damit waren viele Roma ihrer Lebensgrundlage beraubt: Wo es nicht möglich war, neue Strukturen aufzubauen und sich an die völlig veränderten Bedingungen anzupassen, sind viele auf der Strecke geblieben, als "Sozialfälle", denen man wieder vorwerfen konnte, "faul und arbeitsscheu" zu sein.

Roma-Familie
Roma-Familie (Buchschachen [Bgld.]/Österreich)
Quelle: Burgenländisches Landesarchiv (Eisenstadt)

In erster Linie fühlen sich Roma jedoch ihrer Familie und Gruppe zugehörig. Die Familie umfasst dabei Verwandte von der Seite des Mannes und der Frau, bis hin zu Cousinen und Cousins zweiten oder sogar dritten Grades, also alle Nachkommen der Ur- und Ururgroßeltern. Die Familie hat bestimmte Verpflichtungen, wie etwa die materielle Versorgung ihrer Mitglieder, und jedes Mitglied hat seinen fest definierten Platz und ganz bestimmte Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft zu erfüllen.

→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Familien- und Sozialstruktur » Famel’ija; Fajta

Die traditionell organisierte Roma-Familie ist streng patriarchalisch strukturiert. Der rom, der Mann, ist das Oberhaupt und verantwortlich für das materielle Überleben. Die romni, die Frau, ist für die Erziehung der Kinder, für die Pflege alter oder kranker Familienmitglieder, für den Haushalt und das Kochen zuständig; dazu muss sie oft auch zum Einkommen beitragen.

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Ethnologie und Gruppen » Familien- und Sozialstruktur » Rom / Romni; Daj / Dad

Vom ältesten Sohn (oder Bruder, baro phral) wird erwartet, dass er seinen Verdienst bei der Mutter abliefert. Neben diesem Beitrag zum Familieneinkommen hilft er bei der Erziehung der jüngeren Geschwister, beschützt sie usw. Er hat die Hauptverantwortung für seine Schwestern und wacht über ihre Ehre. Selbst nach der Verheiratung der Schwestern bestehen seine Verpflichtungen ihnen gegenüber weiter, und die Schwestern werden ihm üblicherweise immer gehorchen.
Die älteste Schwester (bari phen) übernimmt sehr früh – bereits im Alter von acht oder neun Jahren – einen Teil der Aufgaben der Mutter im Haushalt und bei der Kindererziehung. Sobald die älteste Tochter (oder Schwester) verheiratet ist und damit in die Familie ihres Mannes zieht, übernimmt die nächstälteste Tochter ihre Aufgaben.

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Ethnologie und Gruppen » Familien- und Sozialstruktur » Baro phral; Bari phen

Als Schwiegertochter (bori) geht das Mädchen ins "Eigentum" der Familie des Mannes über. Sie hat ihrer Schwiegermutter zu gehorchen, die ihr die unangenehmsten und härtesten Arbeiten zuteilt. Trotz dieser Härte lieben viele Schwiegertöchter ihre Schwiegermütter wie eine zweite Mutter. Sie ist es, die ihnen die in der traditionellen Roma-Gesellschaft wesentlichen Tugenden vermittelt: Eine bescheidene Ehefrau zu sein, eine gute und verantwortungsvolle Mutter, eine ordentliche und den Reinheitsgeboten (rein = žužo) folgende Hausfrau.

→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Familien- und Sozialstruktur » Bori
Ethnologie und Gruppen » Glaube und Rituale » Žužo

Arbeit

Das Wort für Arbeit im Romani, buti, bezeichnet ursprünglich ausschließlich körperliche Arbeit. Abgesehen von der Tätigkeit des Schmiedes hat körperliche Arbeit einen traditionell niedrigeren Stellenwert bei den Roma als etwa die Tätigkeit eines Musikers oder Händlers: Ein Musiker oder Händler "arbeitet" nicht, er musiziert bzw. treibt Handel.


→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Arbeit und Berufe
→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Arbeit und Berufe » Buti

In traditionellen Roma-Gesellschaften waren immer diejenigen Tätigkeiten hoch angesehen, die mit körperlicher Arbeit möglichst wenig zu tun hatten. Ebenso wie in Indien bestimmt die Art der Arbeit die Stellung innerhalb der Gesellschaftshierarchie. Meist werden selbständige Tätigkeiten einer Anstellung vorgezogen; immer schon war ein hohes Maß an Flexibilität notwendig, sowohl was den Ort als auch die Mittel, die etwa Handwerkern zur Verfügung standen, betrifft.

→ Kulturdokumentation
Ethnologie und Gruppen » Arbeit und Berufe » Traditionelle Berufe

Traditionelle Roma-Berufe können in drei Kategorien unterteilt werden:
1. Handwerksberufe (wobei Handwerk – als Kunstfertigkeit –  nicht als körperliche Arbeit im engeren Sinn gesehen wird)
2. Händlerberufe
3. Vergnügungs- und Unterhaltungsberufe

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Ethnologie und Gruppen » Arbeit und Berufe » Handwerk; Handel; Unterhaltung

Oft wurde von allen Mitgliedern einer Roma-Gruppe dieselbe Tätigkeit ausgeübt, weshalb auch Gruppennamen sich in vielen Fällen vom Beruf ableiten: Kalderaš / Kesselschmiede, Lovara / Pferdehändler, Ursari / Bärenführer, Sepečides / Korbflechter usw.

Das Schmiedehandwerk ist eines der ältesten Gewerbe der Roma. Roma-Schmiede waren hoch angesehen und arbeiteten ursprünglich vor allem für den Adel und das Militär. Roma-Schmiede waren es auch, die wesentlich zur Verbreitung der Kaltschmiedetechnik in Europa beitrugen.

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Ethnologie und Gruppen » Arbeit und Berufe » Kovačis; Kupferschmiede

Neben den Metall verarbeitenden Berufen waren auch die Handwerksberufe der Löffelmacher (Lingurari), Korbflechter und Trogmacher (Balajara) hoch angesehen.

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Ethnologie und Gruppen » Arbeit und Berufe » Korbflechter

Mit einfachsten Mitteln, Kreativität und großem Können wurden Dinge des täglichen Bedarfs hergestellt; jederzeit darauf vorbereitet, weiterziehen zu müssen – sei es aus wirtschaftlichen Gründen oder auf Grund der Tatsache, dass Roma immer wieder vertrieben wurden – mussten die Arbeitsgeräte entsprechend einfach und leicht zu transportieren sein.

Ebenso wie das Handwerk wurde auch der Handel oft als ambulante Tätigkeit ausgeführt. Dabei war besonders die ländliche Bevölkerung oft auf die Dienste der Roma angewiesen, da sie nur selten Gelegenheit hatte, den städtischen Markt aufzusuchen. Verkauft – oder gegen Lebensmittel eingetauscht – wurden Produkte des täglichen Bedarfs wie Kurzwaren, Handwerksprodukte und Dienstleistungen (Scheren- und Messerschleifen, Kesselflicken, usw.). Auch das Sammeln von Pilzen und Beeren war eine Tätigkeit, die zum Einkommen beitrug; noch heute sichern sich z.B. manche Burgenland-Roma damit einen kleinen Zusatzverdienst.

Der Scherenschleifer
Quelle: Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner, Wien: Picus

Sowohl traditionelle Handwerks- als auch Händlerberufe haben heutzutage an Bedeutung verloren. Viele Lovara etwa, die als Pferdehändler äußerst angesehen waren, haben sich auf den Handel mit Teppichen verlegt; auch der Handel mit Altwaren sowie der Verkauf von neuwertigen Waren auf Straßen und Märkten stellt für viele Roma nach wie vor eine Einnahmequelle dar. Vor allem im südosteuropäischen Raum wird dieser "inoffizielle" Markt von der Bevölkerung aufgrund seiner preiswerten Ware sehr geschätzt und von den Behörden geduldet.

Zu den Vergnügungs- und Unterhaltungsberufen zählen etwa die Tätigkeiten als Musiker, Schausteller, Zirkuskünstler, Wahrsager und Bärentreiber. Bereits in ihrer indischen Urheimat waren Roma als Unterhaltungskünstler tätig, und sie sind bis heute in dieser Sparte vertreten, jedoch nimmt ihre Zahl beständig ab.
Bärentreiber kann man heute nur noch vereinzelt im Balkanraum finden; ihre Methoden, die Bären zum "Tanzen" zu bringen, wurden auch von Tierschutzvereinen massiv kritisiert. In Deutschland ist das Führen von Bären seit den 1920er Jahren verboten.

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Musik » Allgemeine Themen » Professionelle Musiker

Nicht zu den oben erwähnten drei Großgruppen zählen Tätigkeiten in der Landwirtschaft (Tagelöhner, Bauern) sowie das Betteln, das bei manchen Gruppen durchaus als eigener Beruf gilt. Bedingt durch die gegenwärtige Situation in den ehemaligen Ostblockländern stellt das Betteln allerdings oft die einzige Möglichkeit dar, die Familie zu erhalten.

Generell sind Roma in vielen Ländern Europas überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen; die Arbeitslosenrate unter Roma liegt in einigen Ländern bei 80-90%. Wo es der Mehrheitsbevölkerung schon schwer fällt, das tägliche (Über-)Leben zu sichern, ist es für Roma noch einmal schwieriger, sich mit Gelegenheitsarbeiten und einer meist sehr geringen Unterstützung durch den Staat oder Non-Profit-Organisationen über Wasser zu halten. Es gibt zwar Roma-Gruppen, die ihre traditionellen Berufe – zumeist in verwandten Metiers – an die jeweiligen Bedingungen anpassen und ihre Unabhängigkeit und kulturellen Traditionen bewahren konnten, aber der Großteil der europäischen Roma lebt unter Bedingungen, die gerade noch ein Überleben gewährleisten.

→ Kulturdokumentation
Geschichte und Politik » Von 1945 bis zur Gegenwart » Gegenwärtige Situation
1 Siehe auch "Informationen zur politischen Bildung", Heft 271/1.4.2001: Vorurteile, Stereotype, Feindbilder; herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung / Deutschland. Darin enthalten sind die Beiträge: Sinti und Roma als Feindbilder sowie "Zigeuner" und Juden in der Literatur nach 1945. Als Download unter: http://www.bpb.de/publikationen/; kann auch bestellt werden.
2 Siehe Samer, Helmut (2001) Die Roma von Oberwart. Zur Geschichte und aktuellen Situation der Roma von Oberwart, Oberwart: edition lex liszt 12. (Bestellung unter http://www.kbk.at/ll12/index.htm oder Tel. +43 (0)3352/33940).
3 Laut einer Langzeitstudie von Austria Perspektiv lehnten 1994 38,5% der Österreicher Roma als Nachbarn ab, 1999 25% (Moslems werden von 24,7%, Ausländer generell von 20,3%, Gastarbeiter von 15,2% und Juden von 16,8% abgelehnt); siehe: http://www.austriaperspektiv.at/presse3.htm
4 Zum Anhören (http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/romani/index.de.html): Sendung von Radio Romano Centro RRC 27: Dragan Jevremović über Weihnachten bei den Kalderaš und das neue Jahr 2000.
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